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22. September 2012, 07:00 Uhr

NSU-Ermittlungen

Das Kreuz mit den Neonazis

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Ein überdimensionales Holzkreuz in Flammen, die Zündler huldigen Hitler: Fotos belegen, dass Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und der inhaftierte Ralf Wohlleben an Kreuzverbrennungen in Ku-Klux-Klan-Manier teilnahmen. Was hat es damit auf sich?

Ein riesiges Holzkreuz in Flammen erleuchtet die finstere Nacht. Neonazis stehen davor, sie johlen, trinken Bier, erheben die Hand zum Hitlergruß oder salutieren mit dem sogenannten Kühnen-Gruß, einer Abwandlung des Hitlergrußes, bei dem zum ausgestreckten Arm Daumen, Zeige- und Mittelfinger abgespreizt werden. Die Stimmung ist ausgelassen. Im nächtlichen Wind flattert die Reichsflagge. Jemand macht Fotos.

Die Meute posiert, Arm in Arm. Mit auf den Bildern: der spätere Rechtsterrorist Uwe Böhnhardt und der derzeit inhaftierte Ralf Wohlleben, der als Unterstützer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) gilt. Auf einem anderen Foto lächelt Beate Zschäpe in die Kamera.

Im Juni 1996 wurden die Fotos bei Beate Zschäpe beschlagnahmt. Auf der Wache wurde sie zu der Verbrennung in Ku-Klux-Klan-Manier befragt - und verpfiff prompt 18 Kameraden. Sie schrieb die Namen mit Kugelschreiber an den Rand der Bilder. Der MDR zeigt die komplette Serie im "Thüringen Journal" am Samstag um 19 Uhr. In der Vernehmung sagte Zschäpe auch, dass eine Kreuzverbrennung in Tschechien stattgefunden habe, betonte aber, sie habe sich nicht strafbar gemacht. "Ich habe keine Hitler- oder Kühnen-Grüße gemacht."

Interessant bei den Aufnahmen: Auch der damalige Leiter des "Winzerclubs", ein umstrittener Jugendtreff in Jena-Winzerla, der als Treffpunkt der Neonazis galt, ist bei der Verbrennung dabei.

Die in Flammen gesetzten Kreuze erinnern an den Ku-Klux-Klan, den rassistischen Geheimbund aus den amerikanischen Südstaaten. Deutsche Neonazis sollen einen deutschen Ableger gegründet haben - darunter Thomas R., der auch V-Mann des Bundesverfassungsschutzes gewesen sein soll. Sein Deckname: "Corelli".

Mit fünf anderen Neonazis soll er Anfang der neunziger Jahre den European White Knights of the Ku Klux Klan (EWK KKK) gegründet haben. In der Satzung steht laut Ermittlungsakten: "Wir glauben weder an die Mehr- oder Minderwertigkeit bestimmter Rassen, sehen aber keinerlei Veranlassung uns im Rahmen der Neuen Weltordnung in einem Schmelztiegel der Kulturen aufzulösen."

"Für den Erhalt weißer Europäer"

Alle könnten sich um eine Aufnahme bewerben, so ist es in den Akten dokumentiert, außer diejenigen, die "nicht weißer Hautfarbe sind oder jüdische Vorfahren besitzen". Oberstes Gebot: "Die European White Knights stehen für den Erhalt der Völker der Welt sowie Völkerverständigung, lehnen aber Rassenvermischung strikt ab!" Die Zukunft gehöre den "weißen Europäern".

Dem EWK KKK gehörten auch zwei Polizeibeamte aus Baden-Württemberg an, die 2005 bei der Bereitschaftspolizei Böblingen im Dienst waren - zeitgleich mit Michèle Kiesewetter, die 2007 mutmaßlich von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in Heilbronn erschossen wurde. Laut Untersuchungsbericht des baden-württembergischen Innenministeriums war einer der Polizisten zudem schwerpunktmäßig an Einsätzen mit "rechtem Hintergrund" beteiligt.

Auch in Johanngeorgenstadt im Erzgebirge brannten 1996 Kreuze. Daran sollen Mandy S., André E. und Matthias D., Anführer der "Brigade Ost" in Johanngeorgenstadt, teilgenommen haben. Alle stehen heute im Verdacht, NSU-Helfer gewesen zu sein. Vier Jahre später gründeten sie die Weiße Bruderschaft Erzgebirge (WBE). Ihr Ziel: "Die Reinheit der wundervollsten Rasse", wie es in der Vereinspostille "The Aryan Law and Order" ein anonymer Autor formulierte.

Tschechische Polizeibeamte sollen ihre deutschen Kollegen darauf aufmerksam gemacht haben, dass ein fünf Meter hohes Holzkreuz "auf einem Berg bei Johanngeorgenstadt" lichterloh brannte, so dass man es weit über die Grenze hinaus erkennen konnte.

Warum verbrennen Neonazis das Holzkreuz? Handelt es sich dabei um eine Adaption eines Rituals des Ku-Klux-Klans?

Dort ist es üblich, dass sich die Mitglieder, gekleidet in bodenlange Roben, Kapuzen auf dem Kopf, in einem Kreis um das brennende Kreuz formieren. Sie breiten die Arme aus, angeblich um ihren Glauben an Gott zu bekräftigen. Das Kreuz symbolisiert das Licht von Jesus Christus, das die Dunkelheit zurückdrängen soll.

"Die lernen von der RAF"

Wer innerhalb des Klans nicht pariert, kann mit einem sogenannten Warnkreuz penetriert werden, das ihm andere Mitglieder in den Vorgarten stellen. Es ist als Drohung, Einschüchterung, Warnung zu verstehen. Beim Ku-Klux-Klan spielt die Religion eine große Rolle. Die traditionellen Gruppierungen lehnen nationalsozialistische Symbolik allerdings ab.

Bislang ist unklar, welche Bedeutung die Kreuzverbrennung in der rechten Szene hat. Mitte der neunziger Jahre, als die Aufnahme vom brennenden Kreuz entstanden sein muss, radikalisierten sich Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Sie randalierten in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, hängten eine lebensgroße, ausgestopfte Puppe an eine Autobahnbrücke bei Jena, auf die Brust der Puppe hefteten sie einen Davidstern. Im Gegensatz zum bundesweiten Trend stieg die Zahl der rechtsextremistischen Straftaten in Thüringen dramatisch an: von 478 Fällen (1994) auf 733 und 939 in den Jahren 1995 und 1996.

In Altenburg, einer ehemaligen Residenzstadt im Osten Thüringens, tauchte in jener Zeit ein Flugblatt von "Blood & Honour" auf, das zum Mord von sieben Personen aufrief, darunter sechs stadtbekannte linke Aktivisten und der damalige Oberbürgermeister Johannes Ungvari (CDU), der als "korrupte Judensau" bezeichnet wurde.

"Seit eineinhalb Jahren hat sich in Thüringen ein rechtsextremer Kern etabliert, dessen Logistik, bundesweite Vernetzung und intellektuelle Führung früheren Strukturen deutlich überlegen ist", wurde Thüringens Innenminister Richard Dewes 1997 im SPIEGEL zitiert. Der Staat müsse sich auf Terroranschläge aus der Neonazi-Szene vorbereiten, warnte der SPD-Politiker. "Die lernen von der RAF", sagte damals der Chef des Thüringer Landeskriminalamtes, Uwe Kranz.

Aussagen, an die sich der damalige Innenminister bei der Befragung vor dem Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss vergangene Woche nicht mehr erinnern konnte.

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