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Szene KRIEG IN DER DISCO

Brutale Überfälle und Schlägereien in und vor deutschen Diskotheken mehren sich. Drogenhändler und frustrierte Disco-Gänger drängen mit Messern und Pistolen bewaffnet in die Tanzschuppen. Die Wirte rüsten ihre Lokale mit High-Tech-Geräten auf und schützen ihre Türsteher mittels kugelsicherer Westen.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Der Angriff erfolgte ohne Vorwarnung. Um Mitternacht stürmte ein Trupp von 25 jugendlichen Türken auf den Eingang des Traffic zu. Die Türsteher der Diskothek im norddeutschen Kaltenkirchen konnten sich gerade noch breitschultrig in den Weg stellen, da traf einen von ihnen bereits die scharfe Metallkante eines tragbaren Autoradios. Mit voller Wucht schmetterte einer der Eindringlinge dem Mann das Gerät ins Gesicht.

Doch weiter kamen die Rowdys nicht. Über Funk alarmierten die anderen ihre Kollegen im Tanzraum, allesamt durchtrainierte Athleten. Die brauchten nur ein paar Minuten, um die Jugendlichen dingfest zu machen.

Die Szene vom vergangenen Dezember ist bestens dokumentiert. Mehrere automatische Videokameras haben Täter und Opfer gefilmt. Das Traffic in Kaltenkirchen bei Hamburg gilt nicht zufällig als eine der bestgesicherten Diskotheken der Bundesrepublik.

Geschäftsführer des Tanzschuppens ist Thomas Pütz, zugleich Inhaber einer Firma für Objektschutz in Szeneläden. Mehr als 50 Diskotheken bundesweit lassen sich von Pütz mit Sicherheitsanlagen und Bodyguards versorgen. 200 Mitarbeiter zählt das Unternehmen.

Pütz liegt mit seiner Firma voll im Trend: Immer häufiger fliegen in den 4500 Tanzschuppen der Republik die Fäuste, immer öfter versuchen sich ruppige Szenegänger mit brutaler Gewalt Einlaß zu verschaffen, wenn die arroganten Hüter an der Disco-Pforte den Zutritt verweigern, weil ihnen Nase oder Outfit der Ankömmlinge nicht passen.

»Was früher in lautstarkem Palaver endete, läuft heute oft auf Schlägereien und Schlimmeres hinaus«, berichtet Pütz. Blut floß in den letzten Wochen reichlich in der Szene: *___In einer Bonner Disco wurde in der Silvesternacht ein ____Objektschützer von Jugendlichen mit einer Sektflasche ____attackiert und schwer verletzt. *___In Eckernförde zertrümmerte ein Jugendlicher dem ____widerspenstigen Doorman der Disco K7 den Kiefer. *___In Hamburg feuerten zwei abgewiesene Besucher der ____Kiezdisco Grünspan sechs Schüsse auf den Türsteher ab; ____der blieb unverletzt, ein Geschoß durchschlug jedoch ____den Oberschenkel einer Passantin.

Die Wächter der Szenetempel haben sich gewappnet. Viele, sagt Pütz, trügen kugelsichere Westen - Kleidungsstücke, die in New Yorker Discos seit Jahren üblich sind.

Schon Mitte der achtziger Jahre haben Disco-Betreiber dort begonnen, ihre Gäste mit Metalldetektoren abzutasten. In vielen Tanzschuppen müssen die Ankömmlinge, wie auf dem Flughafen, durch Schleusen treten, die auf größere Metallgegenstände wie Messer oder Schußwaffen reagieren; die Security Guards tragen Revolver und Funkgeräte, an den Decken der Klubs sind Kameras zur Überwachung angebracht - die Disco als Hochsicherheitstrakt.

Die Vorsicht der New Yorker Türsteher gilt vor allem den Drogendealern: »Die haben vor nichts Angst«, sagt Wächter John Lee, 33, seit 14 Jahren im Geschäft, »wenn man denen nicht die Füße küßt, dann schießen sie.«

Auch in Deutschland sind es nicht nur frustrierte Disco-Gänger, die dem Wachpersonal zu schaffen machen: Drogendealer versuchen, sich mit Gewalt Zugang zu ihrer Kundschaft auf der Tanzfläche zu verschaffen.

Bevorzugte Marktplätze sind die Techno-Discos, in denen potentielle Kunden der In-Droge Ecstasy verkehren. Die bunten Pillen, die high und bewegungswütig machen, gehören längst zur normalen Ausrüstung des Techno-Fans, wie Kondome und Turnschuhe.

Viele Discos verfügen über Hausdealer, die allabendlich für die Trips der Kundschaft sorgen - mit Wissen von Geschäftsführern und Türstehern.

Wer sich verweigert, lebt gefährlich. Im Hamburger Unit etwa, dessen Besitzer Bernd Cunze seit langem gegen die Dealerszene anzukämpfen versucht, haben Schlägertrupps aus dem Milieu mehrmals Prügeleien angezettelt, um den Laden zu schädigen.

Besonders heikel werde es, so ein Wachmann, »wenn unter den Drogenhändlern Krieg ausbricht«. Die Schießerei vor der Hamburger Kiezdisco Grünspan etwa schreiben Insider einer Gruppe von Kosovo-Albanern zu, die in das Ecstasy-Geschäft drängen. Jüngstes Opfer der Fehde ist offenbar ein 22 Jahre alter Kosovo-Albaner, der am vorletzten Wochenende vor den Türen des Hamburger Szeneschuppens Blasender Engel erstochen wurde.

Normale Drogendealer erkennen die Pförtner meist an Kleidung und Gehabe, »aber die Ecstasy-Dealer«, so der Hüter einer Disco in Frankfurt, »sind häufig reine Wochenend-Amateure. Denen sieht man's kaum an, was sie in den Taschen versteckt haben«.

Manchmal werden die selbsternannten Sheriffs trotzdem fündig. Bei einer Französin etwa, die Zugang zu der Siegener Großdisco Monokel verlangte, fanden die Türsteherinnen 30 Ecstasy-Pillen im Slip: »Die hat sich die Leibesvisitation auf der Toilette gefallen lassen«, berichtet ein Wachmann, »weil wir sonst die Bullen gerufen hätten.«

Doch die Polizei kümmert sich nur selten um die Querelen in der Szene. Vor allem im Osten der Republik, wo sich abgewiesene Skinheads besonders gern mit Baseballschlägern und Fausthieben revanchieren, sei Polizei »kaum zu kriegen«, meint Wach-Unternehmer Pütz.

Für den privaten Ordnungshüter, dessen Umsatz sich im vergangenen Jahr auf runde fünf Millionen Mark verdoppelt hat, eine gefährliche Entwicklung. In den USA, so Pütz, werden die Sicherheitstrupps regelmäßig überwacht, geschult und trainiert. Die New Yorker Security Guards müssen eine behördliche Lizenz vorweisen, seit 1. Januar werden sogar Strafregister und Fingerabdrücke vorab überprüft.

In Deutschland dagegen stammten, so Pütz, die Mitglieder der Sicherheitsfirmen häufig aus rechten Radikalengruppen und professionellen Schlägerkreisen und seien für Prügeleien und dubiose Geschäfte »überaus empfänglich«.

In Siegen etwa, erzählt Pütz, habe seine Firma vor einigen Wochen mehrere Türsteher abgelöst, die sich mit der Drogen- und Rotlichtmafia eingelassen hätten. Kurz vor Silvester seien dann drei von ihnen in eine Schießerei verwickelt worden, einer starb.

Die Mordkommission ist sich sicher: Bei der Ballerei sei es um Rivalitäten unter Zuhältern gegangen. Y

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