Kriegsdrama US-Deserteur nach 40 Jahren verurteilt

Vor einem amerikanischen Militärgericht in Japan ist eine der spektakulärsten Geschichten aus der Zeit des Kalten Krieges zu Ende gegangen: Das Tribunal verurteilte einen 64-jährigen ehemaligen US-Soldaten - fast 40 Jahre, nachdem der G.I. ins kommunistische Nordkorea desertiert war.


Amerikas bekanntester Deserteur Charles Robert Jenkins: "Du sagst nicht 'nein' zu Nordkorea"
AFP

Amerikas bekanntester Deserteur Charles Robert Jenkins: "Du sagst nicht 'nein' zu Nordkorea"

Tokio - Ein amerikanisches Militärgericht hat den Deserteur und ehemaligen US-Sergeant Charles Robert Jenkins zu dreißig Tagen Arrest und einer unehrenhaften Entlassung aus dem Armeedienst verurteilt. Mit diesem Urteilsspruch endet ein bizarres Drama aus der heißen Zeit des Ost-West-Konflikts.

Es war in der Weihnachtszeit des Jahres 1965, als sich der damals 24-jährige Sergeant Jenkins entschied, nicht länger Soldat sein zu wollen. Jenkins tat Dienst an einem der gefährlichsten Orte der Welt, im Grenzgebiet zwischen dem kommunistischen Nordkorea und dem mit den USA verbündeten Südkorea.

"Es war kalt und dunkel. Ich begann Alkohol zu trinken. Ich hatte noch nie so viel Alkohol getrunken", berichtet Jenkins unter Schluchzen dem Gericht. Nach zehn Bieren brach er mit seinen Untergebenen zur Patrouille auf. Irgendwann sagte er den Kameraden, sie sollten warten, dann verschwand Jenkins in der Dunkelheit - und lief zum kommunistischen Gegner im Norden über. Es sollte fast vier Jahrzehnte dauern, bis er wieder zurückkehrte.

Eigentlich hatte Jenkins geplant, sich nach Russland durchzuschlagen, doch Nordkorea wollte den Mann nicht gehen lassen. Der Amerikaner wurde zu einem Spielball im Kalten Krieg. Sogar in einem nordkoreanischen Propagandafilm spielte er mit, als böser amerikanischer Spion. Seitdem fahndeten die Vereinigten Staaten nach dem Fahnenflüchtigen. Jenkins sagte, er sei zu der Rolle gezwungen worden: "Du sagst zu Nordkorea nicht 'nein'." Wer beispielsweise etwas Schlechtes über den inzwischen gestorbenen Diktator Kim Il Sung sage, der könne sein eigenes Grab schaufeln, verteidigte sich der Deserteur.

1978 heiratete er die junge Japanerin Hitomi Soga, die kurz zuvor von nordkoreanischen Agenten gekidnappt worden war. Sie sollte helfen, Spione für den Einsatz in Japan auszubilden. Das Paar bekam zwei Töchter. Dank seiner Frau habe er auch in der Fremde glücklich sein können, berichtete Jenkins unter Tränen vor Gericht: "Unser beider Hass auf Nordkorea hielt uns 24 Jahre lang zusammen."

Vor zwei Jahren durfte Soga nach Japan zurückkehren. Ihre Kinder musste sie jedoch zurücklassen, und auch ihr Mann traute sich aus Angst vor einer Auslieferung an die USA nicht nach Japan. Doch als Jenkins in Pjöngjang operiert wurde und es dabei zu Komplikationen kam, durften Mitte Juli dieses Jahres auch der Amerikaner und seine beiden Töchter Mika und Brinda den letzten stalinistisch regierten Staat der Welt in Richtung Japan verlassen.

Als die amerikanischen Behörden erfuhren, dass sich Jenkins nun in Japan aufhielt, forderten sie seine sofortige Auslieferung. Doch die japanische Regierung übte trotz des bestehenden Militärabkommens wegen seiner Familienbande zunächst Nachsicht. Doch die USA drängten darauf, dass der Deserteur bestraft werden müsse.

Ursprünglich hatte dem mittlerweile gebrechlichen Überläufer lebenslange Haft gedroht. Jenkins stellte sich jedoch freiwillig der US-Justiz und kehrte offiziell in den aktiven Militärdienst zurück. Vor dem Tribunal im amerikanischen Marinestützpunkt "Camp Zama" bekannte sich Jenkins, der seit Jahrzehnten erstmals wieder eine amerikanische Uniform trug, schuldig, desertiert zu sein und dem Feind geholfen zu haben. Dafür erhielt er lediglich eine Arreststrafe, die nach Angaben von Militärsprechern zudem reduziert oder ausgesetzt werden könnte. Es wird vermutet, dass Jenkins seinen Landsleuten außerdem seine Erfahrungen aus dem streng abgeschotteten Nordkorea schildern wird.

Jenkins und seine Familie hoffen, nach dem Urteil endlich ein normales Leben beginnen zu können. Von Ehefrau Soga war bereits zu hören, sie wolle, dass ihre Familie künftig in ihrer beschaulichen Heimatstadt Mano auf der nordjapanischen Insel Sado lebe.





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