Kriminalität Jeder zweite Mord wird nicht aufgeklärt

Rechtsmediziner halten es für unglaubwürdig, wenn die Polizei bei Mordfällen eine Aufklärungsquote von über 90 Prozent angibt. Unerreichbar als Verbrechenshochburg Deutschlands bleibt unterdessen Hamburg. Die Kriminalitätsrate kletterte dort sogar auf einen neuen Höchststand.

Gießen/Hamburg - Mindestens jeder zweite Mord oder Totschlag wird nach Auffassung von Rechtsmedizinern und Kriminalpolizisten in Deutschland nicht als solcher erkannt. Auf der Grundlage einer Studie der Universität Münster aus dem Jahr 1997 müsse davon ausgegangen werden, dass jährlich mindestens tausend Fälle von Mord und Totschlag nicht entdeckt würden, sagte Lothar Herrmann, Sprecher des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Tötungen ohne sichtbare äußere Gewaltanwendung würden von den bisher in erster Linie mit den Leichenschauen befassten Haus- und Notärzten kaum angezeigt. Die hohen Aufklärungsquoten der Polizei von über 90 Prozent bei Mord und Totschlag seien daher eine Farce: "Verurteilt werden nur noch die Affekttäter und die Dummen." Es sei beispielsweise unglaubwürdig, dass es in den vergangenen Jahrzehnten kaum einen Giftmord gegeben haben soll.

Im internationalen Vergleich stehe Deutschland extrem schlecht da, was die Quote der genauer untersuchten, sezierten Leichen angeht. Nach einer noch nicht veröffentlichten Zusammenstellung des Münsteraner Rechtsmediziners Bernd Brinkmann sind die ohnehin schon geringen Quoten in den vergangenen Jahren weiter zurückgegangen. Wurden 1994 noch 6,3 Prozent aller Verstorbenen aus medizinischen oder juristischen Gründen seziert, waren es fünf Jahre später nur noch 5,3 Prozent. Im europäischen Ausland liegen die Quoten ungleich höher, so etwa in Finnland (35 Prozent) oder Österreich (20 Prozent).

Der Gießener Rechtsmediziner Günter Weiler und der BDK forderten in Gießen eine professionellere Leichenschau und eine Verbesserung der Medizinerausbildung. Die Hausärzte sollten nach den Vorstellungen der Kriminalisten von der Untersuchung der Leichen ausgeschlossen werden, da sie möglicherweise in zu enger Beziehung zu den Toten und Hinterbliebenen stünden. Aus falsch verstandener Pietät würden zudem die meisten Toten zu oberflächlich untersucht.

40 Prozent mehr Morde in Hamburg

Gefährlicher denn je ist das Leben in Hamburg. Im vergangenen Jahr stieg die Kriminalitätsrate in Deutschlands zweitgrößter Stadt um 12,1 Prozent auf 318.000 Fälle. Das sei mehr als je zuvor, teilte Innensenator Ronald Schill bei der Vorstellung der Statistik mit. Besonders kräftig nahmen demnach Delikte wie Kellereinbrüche (plus 26 Prozent), Betrügereien (plus 45 Prozent), Banküberfälle (plus 40 Prozent) und Morde (plus 40 Prozent) zu. Es gab aber auch Rückgänge, etwa beim Handtaschenraub (minus 27 Prozent).

Schill machte die im September abgelöste rot-grüne Landesregierung für die Zunahme der Kriminalität verantwortlich, er habe eine "schwere Hypothek" übernommen. Er kündigte an, dass in Zukunft ausländische Straftäter verstärkt abgeschoben würden. Das gelte auch für Jugendliche. Verstärkt solle nun der Drogenhandel angegangen werden sowie die gewalttätige Jugendkriminalität.