Krone in der Krise Der König ist tot, es lebe der König!

Heimliche Liebschaften, skandalträchtige Eheschließungen - die Königshäuser ringen um ihren Ruf. Kritiker würden die Institution Krone am liebsten ganz entsorgen. Doch Wirtschaftskrise und Terrorangst treiben den Monarchisten neue Anhänger zu. Lesen Sie die SPIEGEL-ONLINE-Serie über den schillernden Kampf der Königshäuser um Macht und Ansehen.

Von Marion Kraske


Queen auf dem Balkon: Verblasster Glanz
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Queen auf dem Balkon: Verblasster Glanz

Hamburg - Eigentlich wollte der Kammerdiener seinen Herren wie jeden Tag mit einer heißen Tasse Tee wecken. Doch als der treue Page am Morgen des 6. Februar 1952 an das Königs-Bett trat, war der bereits tot: Georg VI. von Großbritannien hatte seine letzten Atemzüge getan.

Zu dieser Zeit saß Georgs Tochter Elizabeth mit ihrem Ehemann in einem Safari-Baumhaus am Rande des kenianischen Urwaldes. Als sie nach London zurückkehrte, begann ihre Regentschaft. Ein halbes Jahrhundert nach ihrer Krönung ist Queen Elizabeth noch immer die höchste Repräsentantin ihres Landes.

Ihr Thronjubiläum ist jedoch alles andere als schillernd - längst sind die Windsors nicht mehr das glanzvolle Königshaus alter Tage. Ihr Niedergang schien symptomatisch für das Schicksal der Regierungsform Krone: Die Monarchie galt den meisten als verstaubt, als Relikt längst vergangener Tage, deren Erben auch noch alles unternahmen, um sich selbst möglichst rasch zu demontieren.

Doch Terrorangst, Wirtschaftskrise und der Wegfall rettender Ideologien verhelfen den Königshäusern zu einem unerwarteten Aufschwung. Umfragen belegen, dass die verunsicherten Wähler Zuflucht suchen - und zwar ausgerechnet bei den Monarchen.

Dabei jagte in den vergangenen Jahren ein Skandälchen das nächste: Das heimliche Liebesgeplänkel von Prinz Charles mit seiner Jugendliebe Camilla Parker Bowles, die Liebschaften der unglücklichen Prinzessin Di oder die Fettnäpfchen-Affäre der angeheirateten Sophie von Wessex, die gegenüber einem getarnten Reporter über ihre blaublütige Verwandtschaft vom Leder zog - all das ließ die Royals im Licht der Banalität erscheinen.

Wo ist die Magie?

50 Jahre auf dem Thron: Queen Elizabeth II.
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50 Jahre auf dem Thron: Queen Elizabeth II.

Wie eine Mahnung erscheinen die Worte des englischen Verfassungstheoretikers Walter Bagehot, der in seinem Werk "Die englische Verfassung" 1867 schrieb: "Sein (des Königtums) Mysterium ist sein eigentliches Leben. Wir dürfen kein Tageslicht eindringen lassen in seine Magie."

Probleme mit der schnöden Wirklichkeit kennen auch die anderen europäischen Majestäten: So führte etwa die Heirat des holländischen Thronfolger Willem-Alexander mit der bürgerlichen Argentinierin Máxima zu erheblichen politischen Verwicklungen im Oranjeland. Der Vater der Braut, schimpften viele aufgebrachte Parlamentarier, diente immerhin als Landwirtschaftsminister zur Zeit der blutigen Militär-Junta unter Diktator Videla.

Prinz Haakon und Mette-Marit: Liebesheirat trotz Hindernissen
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Prinz Haakon und Mette-Marit: Liebesheirat trotz Hindernissen

In Schweden machte Prinzessin Madeleine jüngst von sich reden, weil sie einen mehrfach vorbestraften Landsmann liebt. Und in Norwegen sorgte die Brautwahl von Thronfolger Haakon zunächst im eigenen Elternhaus, dann auch in der Öffentlichkeit für gehörigen Wirbel: Seiner Auserwählten, der bürgerlichen Mette-Marit, wird eine schillernde Drogenvergangenheit nachgesagt. Mit der Heirat ist Mette Teil der königlichen Familie geworden. Zum Kreis der Edlen gehört nun auch ihr unehelicher Sohn Marius, den Thronfolger Haakon pflichtbewusst adoptierte.

Es gibt sie noch, die Tyrannen

König Mswati III: "Disco-König" mit absolutem Machtanspruch
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König Mswati III: "Disco-König" mit absolutem Machtanspruch

Fernab Europas haben Königshäuser ihre Macht zuweilen erhalten können, aber auch ihren korrupten Hofstaat, ihre Grausamkeiten gegenüber den Untertanen. König Mswati III. aus Swasiland etwa, letzter absoluter Monarch Schwarzafrikas, gilt als gnadenloser Tyrann. Seit 16 Jahren regiert der "Disco-König", wie Mswati wegen seines ausschweifenden Nachtlebens genannt wird, im Ausnahmezustand und sichert seinem Clan ein Leben in Saus und Braus.

Andere Herrscher gehen mit der Zeit: Im Gegensatz zu seinem Vater Hassan II. greift Marokkos König Mohammed VI. nicht in die Regierungsgeschäfte seines Landes ein. Seine fortschrittliche Gesinnung unterstrich der junge und schwerreiche Monarch (sein Vermögen wird auf 30 Milliarden Euro geschätzt ) auch dadurch, dass er seine frisch Angetraute vor wenigen Wochen der staunenden Öffentlichkeit präsentierte: Die 24-jährige Salma Bennani ist Informatik-Ingenieurin, hat ein schmales Gesicht und lange dunkle Haare. Wie die Königsmutter Lalla Lafita aussah, hat das marokkanische Volk hingegen nie erfahren.

Das letzte Kapitel?

Tausende betrauerten den Tod von Queen Mum. Die Sympathiewerte für die Royals steigen
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Tausende betrauerten den Tod von Queen Mum. Die Sympathiewerte für die Royals steigen

Auch wenn ihre Gegner mit schöner Regelmäßigkeit vehement das Ende der gekrönten Häupter beschreien - das letzte Kapitel der Aristokraten ist noch lange nicht aufgeschlagen. Vielmehr scheinen die Popularitätswerte der Königshäuser ebensolchen Schwankungen zu unterliegen wie die Börsen, samt ihrer Auf und Abs. So nutzte beispielsweise die linksgerichtete "Guardian" den Tod von "Queen Mum", um wieder einmal die Abschaffung der britischen Krone zu fordern. Die Zeiten, in denen unser Staatsoberhaupt durch Erbfolge bestimmt wird, argumentierte Kolumnist Jonathan Freedland, sollten nun vorbei sein.

Doch in schweren Zeiten stehen Volk und König eng zusammen: Eine Umfrage des "Independent" belegt, dass die Unterstützung für die Royals seit dem Tod der Königinmutter zugenommen hat. Nunmehr sprechen sich mehr als die Hälfte der Briten dafür aus, die Monarchie beizubehalten, nur zwölf Prozent wollen ihr Ende. Vor einem Jahr waren es mit 34 Prozent fast dreimal so viele.

Hochzeit von Prinz Willem mit Maxima: Debakel für Monarchiegegner
EPA/DPA

Hochzeit von Prinz Willem mit Maxima: Debakel für Monarchiegegner

Auch in Holland hat die ursprünglich skandalumwitterte Hochzeit mit Máxima zu einer eigentümlichen Stärkung des Königshauses geführt: Wurde vor Monaten noch erbittert über die Rolle der niederländischen Majestäten debattiert, ist mit dem Erscheinen der jungen, attraktiven Argentinierin, die bei ihren Reisen die Herzen der Holländer eroberte, nun keine Rede mehr davon. "Máxima", resümieren Monarchiegegner resigniert, "wirft uns um 20 Jahre zurück."



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