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SCHÖNHEIT Kunstvolles Gespachtel

Japans Jünglinge trimmen sich die Augenbrauen und benutzen Make-up. Die Kosmetik-Konzerne hoffen auf das ganz große Geschäft mit der Männer-Eitelkeit.
aus DER SPIEGEL 50/1999

Behutsam führt Hitoshi Nakamura, 23, die Pinzette an seine linke Augenbraue. Wieder zupft er sich ein lästiges Haar heraus und presst dabei angestrengt die Lippen aufeinander. Dann zieht er die kunstvoll getrimmte Braue mit einem dunklen Stift nach - und überprüft sein Gesicht wie ein Kunstwerk im Spiegel.

Nakamura ist kein Kabuki-Schauspieler und auch kein Popsänger, der sich für den großen Auftritt schminkt. Der bescheiden wirkende Angestellte eines Kaufhauses legt nur eine hastige Pause auf dem Weg zur Arbeit ein: Ort der Handlung ist der Bahnhof Shibuya in Tokio. Dort frischen auch andere Pendler vor Bürobeginn ihr Makeup auf. Einer bürstet sich Gel in die bräunlich getönte Frisur, ein anderer tupft sich sorgfältig den Schweiß von der Stirn.

Jahrzehntelang wetteiferten die Firmen-Krieger in ihren grau-blauen Anzügen darum, unauffällig im Gruppenalltag unterzutauchen. Dunkle Ränder unter den Augen und Schweiß auf der Stirn bürgten für Disziplin und Fleiß. So ziemlich der einzige Luxus, den Geschäftsleute in ihr Äußeres investierten, war die übliche Pomade. Doch die uniformierte Langeweile ist vorbei. Vor allem die Generation der 20- bis 30-jährigen männlichen Japaner sorgt sich mit auffälliger Hingabe um ihre Schönheit, und Nippons Kosmetik-Hersteller kurbeln die maskuline Eitelkeit freudig an. Mit speziellen Gesichtscremes, Duftwässern und Deo-Sprays wetteifern sie um einen Markt von schätzungsweise 4,3 Milliarden Mark.

Hastig steckt Nakamura sein Augenbrauen-Trimm-Set für Männer in die Aktentasche. Allein davon verkauft Nippons Kosmetik-Riese Shiseido jährlich rund eine Million Stück. Zu Hause konserviert Nakamura sein Antlitz zusätzlich mit einer Nachtcreme: »So mache ich mich für den Job fit.« Wie viele Geschlechtsgenossen nutzt der Angestellte seine jugendlichen Gesichtszüge als Kapital, um im rauer gewordenen Arbeitsalltag Japans zu überleben.

Weltweit gilt das Geschäft mit der Männer-Eitelkeit als Zukunftsmarkt der Kosmetikbranche. In Japan besorgen sich die Männer Schönheitstipps aus Fachmagazinen wie »Bidan« - deutsch: schöner Mann. In nur zwei Jahren erreichte die Auflage des landesweit größten Männer-Blattes 350 000 Exemplare. »Wir predigen nicht Schönheit an sich«, sagt der frisch geföhnte Chefredakteur Yukio Miwa. Vielmehr wolle er Japans bislang unscheinbaren Männern zu neuem Selbstbewusstsein verhelfen: »Wer gut aussieht, hat Erfolg - ob in der Firma oder bei den Frauen.«

Als »Bidan« kürzlich einen Schönheitskurs für Männer organisierte, bewarben sich mehrere hundert Japaner aus dem ganzen Land. Als wichtigsten Schritt zu einem Fassadenwechsel empfiehlt Miwa einen modischen Haarschnitt - zum Beispiel bei Starfriseur Reimyu Shuyama in Harajuku, dem Tokioter Boutiquen-Viertel. Besonders Mutigen verpasst der Meister einen blond gefärbten Bürstenschnitt (Preis: umgerechnet 200 Mark). Shuyama staunt selbst, mit welch »verrückten Frisuren« Japans männlicher Nachwuchs sich an die Arbeitsplätze traut. »Früher hätten Firmen solche Männer gefeuert.«

Darf jetzt also jeder Japaner herumlaufen, wie es ihm gefällt? Keineswegs, denn mit Individualismus hat der neue Schönheitstrend offenbar wenig zu tun. Shuyama zieht eine Bildertafel mit verschiedenen Haarschnitten unter dem Frisiertisch hervor: Seine Kunden klassifiziert er in »Gruppen«, die bis ins Detail japanischen Schauspielern oder Popstars nacheifern. Einige Männer bringen gar ihre Freunde mit und verlangen eine Gruppen-Frisur.

Dagegen geht es in Japans Kosmetiksalons für Männer sehr viel persönlicher zu. Im Beauty-Salon »Parler« in Tokio lässt Student Makoto Namie, 20, sein Gesicht regelmäßig von weiblichen, so genannten Esutetishians liften: Erst spachteln die Pflegerinnen sein Gesicht kunstvoll mit weißen Cremes und blauen Gels ein. Und wenn sie alles wieder abgewischt haben, heften sie ihrem Schützling Elektroden an die Wangen: Die Stromstöße sollen Namies Gesichtszüge straffen.

Das Geschäft mit der Schönheit blüht prächtig: Auch in den weiß getönten Nebenkabinen des Salons lassen sich gestresste Männer mit heißen Dämpfen einsprühen. Die meisten lassen sich auch Brust, Arme, Achseln und Beine rasieren: »Japanerinnen mögen keine behaarten Tarzan-Typen«, erläutert Salon-Managerin Yoko Sakuma den Service.

Insgesamt 30- bis 40-mal will Namie sein Gesicht noch verschönern lassen. Um die Kosten von umgerechnet mehreren tausend Mark zu bezahlen, jobbt er als Aushilfe in Geschäften.

Noch vor wenigen Jahren verdiente Salon-Gründerin Yoko Oishi - sie wirbt damit, ihr Handwerk in Hollywood und Paris erlernt zu haben - ihr Geld mit Frauen. Doch heute beflügeln Japans Männer Oishi zu großartigen Zukunftsplänen: In den kommenden vier Jahren will sie ihr landesweites Salon-Netz von 70 auf 150 Filialen ausbauen und den Umsatz auf 715 Millionen Mark verzehnfachen.

Treue Kunden wie Namie suchen Oishis Schönheitssalon auch auf, um sich Cremes und Tipps für schönheitsfördernde Ernährung (keine Süßigkeiten) zu besorgen. Auch dem Ziel, eine Freundin kennen zu lernen, kommt der Junggeselle hier vielleicht näher: »Manchmal geben wir nützliche Ratschläge«, sagt die Salon-Managerin. WIELAND WAGNER

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