Kunzelmann Polit-Provokateur stellte sich

Der mit Haftbefehl gesuchte Alt-68er hat sich am Mittwoch morgen in die Hände der Berliner Justiz begeben. Kunzelmann fuhr nach der Feier zu seinem 60. Geburtstag mit der U-Bahn zum Gefängnis Berlin-Tegel. In Kanzler-Manier rüttelte er am Tor und rief: "Ich will hier rein."


Berlin - Als sich die Tür des Gefängnisses öffnete, trat Dieter Kunzelmann ein. Bei der Feier im alternativen Künstler-Treff Mehringhof in Kreuzberg mit rund 200 Gästen hatte Kunzelmann aus seinen Memoiren vorgelesen. Die Strafe wolle er verbüßen, um sich danach wieder als freier Mann bewegen zu können, sagte er. Die Polizei griff während der Feier nicht ein.

"Ich will hier rein"
AP

"Ich will hier rein"

Kunzelmann muß eine elfmonatige Haftstrafe antreten, nachdem er unter anderem wegen Eierwürfen auf Berlins Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) verurteilt worden war. Er war im Dezember 1997 für 19 Monate untergetaucht und hatte sich unter anderem in Italien versteckt gehalten. Im April 1998 hatte er Freunde beauftragt, eine Todesanzeige aufzugeben.

Die Todesanzeige hatte ein Rätselraten über sein wirkliches Schicksal ausgelöst. Im Januar 1999 meldete er sich in einem Zeitungsinterview erstmals wieder in der Öffentlichkeit, Anfang Juni präsentierte er sich dann als Talkgast in "Boulevard Bio" im Fernsehen. Anschließend erklärte er mehrfach, er wolle sich freiwillig stellen.

Kunzelmann war neben Fritz Teufel und Rainer Langhans einer der Protagonisten der legendären Berliner "Kommune I" in den sechziger Jahren, einer Keimzelle der späteren Studentenrevolte von 1967/68. Später verbüßte er Haftstrafen unter anderem nach Brandanschlägen und zog dann zeitweise als Mitglied der Alternativen Liste ins Berliner Parlament ein.



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