Kurienreform Ratzinger plant Perestroika

Papst Benedikt XVI. hat nach Informationen des SPIEGEL die seit langem anstehende Grunderneuerung der Zentralverwaltung der katholischen Kirche beschlossen. Die Autonomie der Diözesen könnte dabei gestärkt werden.


Hamburg - Was für Normalsterbliche nur wie ein Detail erscheint, ist für die katholische Kirche eine mittlere Perestroika: Die Reform sieht vor, die Zahl der päpstlichen Kommissionen und Räte zusammenzustreichen, es stehe, so heißt es aus dem Sekretariat der Bischofskonferenz in Rom, ein umfassendes Personal-Revirement bevor. Die Kurie ist die zentrale Einrichtung zur Verwaltung der Weltkirche. Etwa ein Drittel der rund 20 Kurienkardinäle sind längst im kirchlichen Pensionsalter von mindestens 75 Jahren. Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano hat bereits mehrmals seinen Rücktritt angeboten, mit seinen 78 Jahren ist er eigentlich pensionsreif.

Papst Benedikt XVI.: Erst Strukturreformen, dann Personalentscheidungen
DPA

Papst Benedikt XVI.: Erst Strukturreformen, dann Personalentscheidungen

Entscheidend ist die Frage, ob das Staatssekretariat weiterhin eine allseits zuständige Superbehörde bleibt, die sich mitunter selbst in die Tagesarbeit der Diözesen einmischt, oder zur einfachen Dienststelle herabgestuft wird. Wenn Kurs und Lehre stimmen, so die Grundüberzeugung des Oberhirten, könne den in den letzten Jahrzehnten zunehmend geschwächten Diözesen auch wieder mehr Autonomie eingeräumt werden.

Stimmen aus dem Vatikan hatten Joseph Ratzinger bereits Zögerlichkeit und Untätigkeit in Personalfragen vorgeworfen. Doch offenbar wollte der deutsche Papst erst Strukturreformen, dann Personalentscheidungen. An diesem Mittwoch wird Benedikt XVI. zudem die erste Enzyklika seines Pontifikats vorstellen. Das Rundschreiben heißt "Deus caritas est" - "Gott ist Liebe". Es ist unter anderem eine theologische Bestimmung des Eros. Und seiner Überwindung.



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