Verfahren gegen früheren KZ-Wachmann Nebenkläger mit falschem Lebenslauf zieht sich aus KZ-Prozess zurück

Ein Holocaustopfer vergibt vor Gericht einem 93-jährigen SS-Wachmann - die Geste sorgte für Schlagzeilen. Doch viele Angaben des vermeintlichen Opfers sind falsch. Nun hat sich der Nebenkläger aus dem Prozess zurückgezogen.
Von Moritz Gerlach

Die Versöhnung mit dem ehemaligen Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof Bruno D. bewegt Peter Loth offenbar noch immer. "Die Geste der Vergebung" sei etwas gewesen, "bei dem ich das Gefühl hatte, dies tun zu müssen", schreibt der vermeintliche Holocaust-Überlebende Loth. Doch über eine Sache ärgert sich der 76-Jährige in einem dem SPIEGEL vorliegenden Statement inzwischen: "Im Nachhinein ist mir jetzt klar, dass ich dies nicht öffentlich hätte tun sollen."

Loth fehlt, wie SPIEGEL-Recherchen zeigen, die Grundlage dafür, überhaupt verzeihen zu können: Er hatte angegeben, als Kind zum gleichen Zeitpunkt wie der Angeklagte im KZ gewesen zu sein. Der Nebenkläger stellte in dem Verfahren gegen den ehemaligen KZ-Wächter jedoch offenbar wesentliche Teile seines Lebenslaufs falsch dar : Dokumente belegen, dass Loth nicht wie behauptet Enkel einer Jüdin ist, die von den Nazis in der Gaskammer ermordet wurde. Zumindest in dem Gerichtsverfahren hat Loth nun reagiert: Nach der Aufregung um seinen Lebenslauf hat Loth den Antrag auf Zulassung als Nebenkläger zurückgezogen.

"Nach meinem besten Wissen wahr"

"Bitte nehmen Sie meine aufrichtige Entschuldigung an, für etwaige Probleme, die ich verursacht haben sollte", schreibt Loth in dem auf den 11. Januar datierten Statement. Er wolle, dass das Gericht sich für Gerechtigkeit einsetze. Die Vorsitzende Richterin der Kammer begrüßte Loths Rückzug ausdrücklich. "Die Kammer hatte sogleich den Eindruck, dass man auf diesen Zeugen nichts stützen könne", sagte sie zu Beginn der Verhandlung.

Auch wenn Loth nun nicht mehr Nebenkläger ist, beteuert er, seine Familiengeschichte in den vergangenen 20 Jahren nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert zu haben, vieles sei jedoch nicht schriftlich dokumentiert. "Alle Dinge, die ich in der Verhandlung gesagt habe, sind nach meinem besten Wissen wahr", schreibt er.

Dabei sind selbst einfach nachprüfbare Dinge in Loths Biografie fraglich. So ist bereits sein Antrag auf Zulassung der Nebenklage offenbar fehlerhaft: Der 76-Jährige aus Port Charlotte im US-Bundesstaat Florida hatte darin nach SPIEGEL-Informationen angegeben, als Kind in Stutthof tätowiert worden zu sein - und diese später entfernt zu haben. Tätowierungen wurden im Konzentrationslager Stutthof aber gar nicht vorgenommen. Deshalb kam die Kammer auch jetzt zu dem Schluss, dass bereits der Antrag auf Zulassung als Nebenkläger unglaubwürdig sei.

Nebenklageanwalt Cornelius Nestler, der die jüdische Überlebende Judy Meisel in dem Verfahren vertritt, machte vor Gericht Loths Anwälte für die Versäumnisse verantwortlich. "Sie hätten es wissen müssen", sagte er. Loths rechtlicher Beistand weist die Vorwürfe zurück. Der Anwalt sagt, er wolle diese Auseinandersetzung nicht führen, "um das Verfahren nicht zu belasten".

In Loths Erklärung erhebt der Deutsch-Amerikaner indes seinerseits Vorwürfe. Er wirft dem SPIEGEL vor, einen Artikel zu ignorieren, aus dem er Schlussfolgerungen zu angeblichen Experimenten der Nazis an sich ableitet. Er schreibt von einem "Medienecho falscher Anschuldigungen und Tatsachen gegen mich". Tatsächlich verwechselt der Beitrag jedoch das Städtchen Tiegenhof, in dem Loth geboren wurde, mit der rund 200 Kilometer entfernten früheren "Gauheilanstalt" gleichen Namens. Der SPIEGEL hatte die Verwechslung in seiner Berichterstattung berücksichtigt - und wies Loth in seiner Biografie zahlreiche weitere Widersprüche nach.

Papieren aus dem Standesamt Dortmund und Kirchenbucheinträgen zufolge entstammt Loth einer nicht jüdischen deutschen Familie, deren Familienmitglieder alle evangelisch waren. Auch im Einlieferungsbuch des Konzentrationslagers Stutthof finden sich keine Hinweise auf eine jüdische Herkunft Loths. Zwar wurde seine Mutter dort tatsächlich als Häftling 20.038 im März 1943 für kurze Zeit inhaftiert. Als Haftgrund wurde in den Unterlagen "Erziehungshaft" notiert, als Nationalität "R.D." - Reichsdeutsche. Sie wurde nicht, wie Loth annimmt, als Jüdin verfolgt.

Loths Anwälte hatten zu den Recherchen in der Vergangenheit mitgeteilt, ihr Mandant "habe sein gesamtes Leben lang seine wahre Identität" gesucht. Dabei hätten ihm "oft nur mündliche Berichte zur Verfügung" gestanden. Viele Fragen seien "leider bis heute nicht beantwortet".

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