Lähmungserscheinungen Dankt der Papst bald ab?

In den höchsten katholischen Kirchenkreisen beobachtet man mit Sorgen den Gesundheitszustand des Papstes. Der Kardinal von Paris, Jean-Marie Lustiger, rührte an einem Tabu und stellte öffentlich die Frage, was passiert, wenn Johannes Paul II. gesundheitlich nicht mehr in der Lage ist, sein Amt auszuführen.


Seine Nacholge wird schon lange hinter vorgehaltener Hand diskutiert: Papst Johannes Paul II
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Seine Nacholge wird schon lange hinter vorgehaltener Hand diskutiert: Papst Johannes Paul II

Rom - "Wir wissen, dass die Krankheit des Papstes eine fortschreitende Lähmung seines Körpers erzeugt", zitierten italienische Zeitungen den französischen Kleriker Lustiger. Der Papst werde zum "Gefangenen seines Körpers". Bislang hatte sich niemand der hohen Kirchenvertreter so ungeschminkt über das mögliche Schicksal des Papstes geäußert, zumindest nicht öffentlich.

Die Folgen der Parkinsonschen Krankheit des fast 80-Jährigen sind unübersehbar: Immer stärker zittert seine linke Hand, seine Sprache wird stetig undeutlicher, zeitweise ist er kaum noch zu verstehen. Bei längeren Veranstaltungen wirkt er mitunter geistig abwesend. Am Karfreitag schaffte der Papst kaum noch die traditionelle Kreuzweg-Prozession. "Il papa e stanco" - der Papst ist müde, heißt das im offiziellen vatikanischen Sprachgebrauch beschönigend.

"Wir brauchen einen starken Papst", mahnte erst unlängst der Mainzer Bischof Karl Lehmann. Nicht zufällig erinnerte die römische Zeitung "La Repubblica" an den deutschen Würdenträger, der die Frage eines Papst-Rücktritts aus Gesundheitsgründen ins Spiel gebracht hatte - und damit erhebliche Verwirrung und Bestürzung in Rom auslöste. Zwar meinte Lehmann, er sei missverstanden worden, einen Rücktritt des Papstes habe er nie gefordert. Aber er hatte das Tabu gebrochen und das heikle Thema laut angesprochen, über das ansonsten nur getuschelt wird.

Längst wird im Kirchenstaat im privaten Kreis über die drohenden Folgen der Parkinsonschen Krankheit geredet. Immer wieder heißt es, Johannes Paul selbst habe schon einmal einen Rücktritt erwogen. "Wenn er keine Messen mehr lesen kann, weiß er, dass seine Zeit um ist", so ein Insider. Immerhin sieht das Kirchenrecht einen Rücktritt ausdrücklich vor. Doch in 2000 Jahren ist das eben nur einmal geschehen; 1294 warf der völlige überforderte Papst Cölestin V. nach nur einem halben Jahr das Handtuch.

Auch über Nachfolger wird bereits fleißig diskutiert, das Machtgerangel hat schon längst begonnen. Auch der 73-jährige Kardinal Lustiger gilt als Anwärter fürs höchste Kirchenamt. Doch der Papst pflegt immer wieder mit Überraschungen aufzuwarten. "Auch ein schwacher Papst kann führen", sagte er vor einigen Wochen. Und bei seiner historischen Reise durch das Heilige Land zeigte er sich neulich fit wie lange nicht mehr. Herausforderungen scheinen ihn zu stärken.

Peer Meinert



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