Streit um Lärmschutzwall in Berlin "Die Mauer muss weg"

In Berlin-Zehlendorf wird ein neues Quartier gebaut, gegenüber befindet sich ein Jugendzentrum. Zu laut für die neuen Bewohner, meint der Bezirk - und lässt eine fünf Meter hohe Mauer hochziehen. Eine Mauer in Berlin? Das gibt Ärger.

Shari Wittur

Von Anne-Sophie Lang


Berlin - Eine fünf Meter hohe Mauer vor den Nasen von Kindern und Jugendlichen ist an sich schon eine wenig schöne Vorstellung. Wenn diese Mauer dann auch noch in Berlin gebaut wird, fällt ihr Schatten auf historisch belasteten Boden, das Konfliktpotenzial dürfte den Erbauern klar sein. Eigentlich.

Dem Bezirk Steglitz-Zehlendorf war es wahrscheinlich nicht klar.

In Zehlendorf leben viele Gutverdiener. Der Berliner Investor Stofanel setzt mit der Siedlung "Fünf Morgen Dahlem Urban Village", die er im Ortsteil Dahlem bauen lässt, auf diese Klientel.

Die Siedlung hat allerdings einen Standortnachteil: Gegenüber den neuen Wohnungen und Villen steht seit 1979 ein Jugendfreizeitheim, das JFH Marshall. Zu ihm gehören ein Bolz- und ein Basketballplatz sowie eine Skateranlage - und seit kurzem auch drei fünf Meter hohe Wände. Grund sind die Skateboards: Ihr Roll-Roll-Roll-Klonk kommt auf der anderen Straßenseite zu laut an. Das hat ein Gutachter festgestellt, als das neue Viertel mit eigens angelegtem künstlichen See geplant wurde.

"Menschen zweiter Klasse"

Der Bezirk hat den Investor deshalb verpflichtet, die drei Schallschutzwände zu bauen. Denn er will sichergehen, dass die neuen Mieter nicht erfolgreich gegen den Lärm klagen können. Für sie gelten nach neuerem Recht niedrigere Lärm-Grenzwerte als für die bisherigen Anwohner. Einen Baseballplatz in der Nähe, Relikt der amerikanischen Besatzung wie auch das JFH Marshall, haben Zugezogene schon weggeklagt. "Unser Ziel ist, dass die Skaterbahn erhalten bleibt", sagt Bezirksstadtrat Norbert Schmidt (CDU). Eine Alternative zu den Wänden habe es nicht gegeben.

Das bezweifeln Schmidts politische Gegner, aber auch viele Anwohner. Sie sind schockiert davon, wie massiv die Mauern sind. Und sie beschweren sich, nicht informiert worden zu seien. Plötzlich standen da diese fünf Meter hohen Metallpfeiler, erinnert sich Anwohnerin Christiane Zander. Die 42-Jährige stellt gerade ein Aktionsbündnis auf die Beine, verteilt Flyer, sammelt Unterschriften. Das Ziel: Die Mauer muss weg. "Den Jugendlichen wird das Gefühl vermittelt, sie seien Menschen zweiter Klasse, die keine Ansprüche zu stellen hätten", empört sie sich.

Zwar sollen die Wände noch begrünt werden und an einer Stelle ist eine drei Meter hohe Kletterwand geplant - ein Vorschlag betroffener Jugendlicher. "Aber es ist eine Wand, und es bleibt eine Wand", sagt Zander. Zudem eine, die auf dem Gelände des JFH steht und nicht auf dem der neuen Siedlung. Logisch, meint Bezirksstadtrat Schmidt: "Lärm bekämpft man an der Quelle. Es gilt das Verursacherprinzip." Investor Stofanel stellt indes klar, sich die Mauern nicht gewünscht zu haben. Sie kosten ihn rund 350.000 Euro.

"Wie man's macht, macht man's falsch"

Das Problem mit den Skate-Geräuschen: Das JFH ist keine Einrichtung nur für Kinder. Kinderlärm müssen Anwohner seit einer Gesetzesnovelle 2011 hinnehmen - Lärm, den Jugendliche ab 14 Jahren verursachen, nicht. Die Anlage nutzen aber sowohl Kinder als auch Jugendliche. Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks, fordert auch für solche Fälle rechtlichen Schutz. Mit der Forderung "Mister Wowereit: Tear down this wall" mischte er sich in den Streit in Dahlem ein. "Die Lösung ist unbefriedigend", sagt er, "man hat das vorschnell entschieden".

Anne Pallada sieht das ähnlich. Sie leitet die Kita hinter dem Freizeitheim, von ihrem Bürofenster schaut sie auf die Skateranlage - und auf eine der drei neuen Mauern. Den Basketballplatz, die Straße und das neue Wohngebiet: Sie sieht Pallada nicht mehr. "Die Wände teilen das ganze Gelände", sagt die Kita-Leiterin. Dabei sei das Ensemble auch Treffpunkt für die Anwohner gewesen. Nie hätte sich einer über Lärm beschwert.

"Aber der Bezirk will sich absichern, nicht irgendwann in irgendeine hypothetische Verpflichtung genommen zu werden", sagt sie. "So signalisiert er den Jungs und Mädels: Wir müssen euch wegsperren, damit ihr weitermachen dürft." Mitarbeiter des JFH selbst äußern sich nicht öffentlich, weil es dem Bezirk gehört. Aber ein 12-Jähriger auf dem Bolzplatz meint: "Man ist so eingesperrt. Wie im Knast. Früher konnte man sehen, was abgeht, wer da ist. Das geht nicht mehr."

Bezirksstadtrat Schmidt versteht den ganzen Rummel trotzdem nicht. Es sei nun einmal zu laut gewesen. Trotzdem sollte die Skateranlage bleiben dürfen. "Wie man's macht, macht man's falsch", klagt Schmidt. Das gilt in der Politik natürlich oft. Vielleicht macht man mit Mauern, die irgendetwas schützen sollen, in Berlin aber auch automatisch besonders viel falsch.



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