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Katastrophe vor Lampedusa "Meine Freunde konnten nicht schwimmen"

Bei einem der schlimmsten Unglücke an Europas Küsten sind vor Lampedusa offenbar mehr als 300 Flüchtlinge ertrunken. Ein Junge aus Eritrea schilderte nun die schreckliche Geschichte seiner Flucht, die vor anderthalb Jahren begann.

"Mama und Papa, ich will euch sagen", lässt der Teenager seinen Eltern ausrichten: "Da waren Wind und eine hohe Welle, und ich fiel ins Meer, aber sorgt euch nicht, mir geht es gut."

Der Junge aus Eritrea hat eine der schlimmsten Katastrophen Europas überlebt, die Havarie eines Flüchtlingsboots im Mittelmeer, bei der in der Nacht zum Donnerstag vermutlich mehr als 300 afrikanische Flüchtlinge ertranken. Der italienischen Zeitung "Corriere della Sera" erzählte er nun, was geschehen war.

"Ich kann schwimmen", sagt der Junge, der sich David Villa nennt. "Meine Freunde aber waren nie am Meer." Deshalb habe er als einer von 155 Flüchtlingen überlebt, während seine Freunde ertranken. Seit Frühjahr 2012 seien sie auf der Flucht gewesen. Viele kamen aus Somalia, die meisten aber wohl aus Eritrea, einem armen Unrechtsstaat in Ostafrika, wo Menschen grausamer Willkür des Staates  ausgesetzt sind.

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Drama vor Lampedusa: Auf der Flucht in die Hölle

Foto: Ettore Ferrari/ dpa

Die Ersparnisse der Eltern seien draufgegangen für die zermürbende Reise, die die Flüchtlinge durch die Sahara nach Europa führen sollte. Im Lieferwagen sei es so eng gewesen, dass sie kaum atmen konnten, viele hätten geweint oder gehustet, erzählt der Junge. "An dem Tag, als wir anhielten und sie uns losbanden, dachte ich, dass ich sterben würde", sagte er dem "Corriere della Sera".

"Die Libyer haben uns wie Sklaven gehalten"

In Libyen seien sie monatelang für Malerarbeiten eingesetzt worden. "Die Libyer haben uns wie Sklaven gehalten." In ihrer Arbeitskleidung hätten sie jede Nacht neben den Maltöpfen schlafen müssen. Sie seien schon glücklich gewesen, nicht in den gefürchteten libyschen Auffanglagern gelandet zu sein, wo Gewalt und Willkür herrschen .

Dann ging es per Schiff weiter. 440 Menschen drängten sich auf dem Holzboot nach Lampedusa. Nach zwei Tagen und Nächten, in denen sie sich bei der Hitze jeweils zu dritt eine Flasche mit fünf Litern Wasser teilen mussten, schien die Rettung nah: Um die Besatzung anderer Schiffe und die Küstenwache auf sich aufmerksam zu machen, hätten einige ihre T-Shirts angezündet und mit den Textilfackeln gewedelt. Dabei geriet das Flüchtlingsschiff in Flammen.

"Wir wussten, es war ein anderes Boot ganz in unserer Nähe", erinnert sich David. "Viele sprangen ins Wasser, aber sie konnten das Boot nicht mehr finden." Fischer haben mittlerweile den Behörden vorgeworfen, mit Rettungsmaßnahmen getrödelt zu haben, womöglich hätten mehr Menschen gerettet werden können.

Neue europäische Flüchtlingspolitik gefordert

Vor der Küste von Lampedusa haben Rettungskräfte am Sonntag weitere zehn Opfer geborgen, bislang sind 121 Todesfälle bestätigt. Die Taucher arbeiten in drei Teams und sind jeweils zwei Stunden im Einsatz. Wegen des schweren Seegangs war die Suche nach Vermissten am Freitag vorübergehend ausgesetzt worden.

Das Unglück hat eine Debatte über die europäische Einwanderungspolitik  ausgelöst. Als Konsequenz aus der Bootskatastrophe vor der italienischen Insel Lampedusa fordern führende CDU-Politiker ein Umdenken in der Flüchtlingspolitik. Die stellvertretende Parteivorsitzende Julia Klöckner mahnte in der Zeitung "Welt am Sonntag": "Wir brauchen neue Regelungen."

Nötig sei ein europäischer Flüchtlingsgipfel. CDU-Vize Thomas Strobl sagte demselben Blatt: "Eine neue europäische Flüchtlingspolitik gehört mittelfristig auf die Agenda." Europa dürfe Italien mit dem Problem nicht allein lassen. Jedes Jahr flüchten nach Angaben von Amnesty International  viele tausend Menschen über das Mittelmeer; die meisten Ertrunkenen blieben unentdeckt.

Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, äußerte, auch die Bundesregierung sei nun in der Pflicht. "Als Konsequenz aus diesem Unglück erwarte ich, dass die EU neben der Grenzsicherung auch Nothilfe für Flüchtlinge zu ihrer Aufgabe macht", ergänzte Oppermann. Amnesty International fordert seit langem besseren Schutz für afrikanische Flüchtlinge .

Davids Traum

Vor der Küste Lampedusas haben am Samstag Fischer der Opfer der Flüchtlingstragödie gedacht. Mit vier Booten fuhren sie aufs Meer an die Stelle, an der das Schiff gesunken war. Dort warfen sie ein Blumengebinde ins Meer mit der Aufschrift: "In Erinnerung an jene, die auf dem Meer starben".

"Die Toten dürfen nicht vergessen werden", sagte Salvatore Martello vom Fischerverband der italienischen Mittelmeerinsel. "Wir müssen ihrer gedenken, denn es waren Menschen, die herkommen und arbeiten wollten, um ein besseres Leben führen zu können." Während der Zeremonie heulten die Schiffssirenen der vier Kutter.

David und die 154 anderen Überlebenden hoffen im Flüchtlingscamp in Lampedusa nun darauf, dass sich ihr Schicksal zum Guten wendet. "Ich würde gerne in die Schweiz", sagt David", "ich würde gerne Krankenpfleger werden."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, das zitierte Gespräch habe der "Guardian" geführt. Tatsächlich wurde es vom "Corriere della Sera" geführt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

boj/AFP/Reuters
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