Landesweite Party Millionen feierten das deutsche Team

Jubel, Tänze, Gesänge, Hupkonzerte - nach dem Sieg der deutschen WM-Elf gegen Portugal im Spiel um den dritten Platz brach sich im ganzen Land noch mal die pure Freude Bahn. Allein in Berlin verfolgten fast eine Million Menschen das Spiel. In Stuttgart gab es acht Verletzte.


Berlin - Es war eine Party, die einem Finalspiel entsprach, die Fans feierten den dritten Platz fast so wie den Titelgewinn: Auf Deutschlands größtem Fanfest am Brandenburger Tor in Berlin feierten fast eine Million Menschen friedlich und ausgelassen. Nach dem Schlusspfiff legten Fans mit einem Autokorso den Verkehr auf dem Kurfürstendamm lahm.

Kleiner Wermutstropfen im fröhlichen Partytrubel: Beim Empfang der National-Elf an ihrem Hotel in Stuttgart nach dem Spiel gegen Portugal sind gestern Nacht acht Menschen verletzt worden. Wie ein Polizeisprecher sagte, zeigten sich Bundestrainer Jürgen Klinsmann und sein Team den rund 15.000 jubelnden Fans für einige Minuten am offenen Fenster im ersten Stock des Hotels. Die direkt am Gebäude stehenden Fans bewegten sich daraufhin in Richtung Straße, um die Spieler besser sehen zu können. Dabei seien mehrere Menschen gegen Absperrgitter gedrückt und verletzt worden. Ein Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes sagte, es handele sich in fast allen Fällen nur um leichte Verletzungen.

Bundespräsident Horst Köhler zeigt sich unterdessen erfreut über die vielen deutschen Fahnen auf den Straßen und in den Stadien. Es freue ihn, "dass wir uns zu unserer Fahne bekennen, ohne dass wir daraus jetzt eine politische Großaktion des Nationalismus machen", sagte Köhler am Samstag im ZDF. Dieser Ausdruck des Patriotismus sollte den Deutschen Mut für die Zukunft geben. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte: "Wir hatten heute Abend in Stuttgart ein wunderbares Kleines Finale. Es war ein schönes, ein schnelles, ein prickelndes Spiel." Sie habe sich "sehr, sehr gefreut", dass "unsere Jungs" gewonnen haben.

Die Feierlaune auf der deutschlandweit größten Fanparty zur Fußball-WM 2006 lässt die schmerzliche 0:2-Niederlage gegen Italien im Halbfinale fast vergessen. Trotz der geplatzten Titelträume sind viele mit dem Abschneiden der Mannschaft höchst zufrieden. Nach dem Abpfiff ließen die Fans Bundestrainer Jürgen Klinsmann und sein Team hochleben.

"Ist doch klar, dass wir zum 'Spiel der Ehre' auf der Fanmeile sind", sagte Maik Schwarz, der bislang jedes Spiel des deutschen Teams hier verfolgt hat. Auch mit dem dritten Platz ist er zufrieden. "Ist doch ein tolles Ergebnis", betonte der 27-jährige Berliner. Sein Freund Christian Kaschke findet, dass die DFB-Elf auch ohne den Titel die WM gewonnen hat. Niemals habe das Volk so hinter der Nationalmannschaft gestanden wie bei dieser Weltmeisterschaft.

Auch dass Ersatztorhüter Oliver Kahn zwischen den Pfosten stand, finden beide "bombig". Kahn habe sich unter anderem beim Elfmeterschießen durch seine Unterstützung von Stammkeeper Jens Lehmann als so guter "Sportsmann" gezeigt, dass er diese Ehre einfach verdient hat.

Schon vor dem Spiel stimmten sich die Fans auf die Partie ein und sangen im Chor "54, 74, 90, 2006" von den Sportfreunden Stiller mit, als wäre das Finale noch erreichbar. Viele hatten sich zur letzten Partie der Mannschaft bei der WM 2006 noch einmal Deutschlandfahnen umgehängt und trugen wieder deutsche Fußball-Nationaltrikots oder Perücken sowie Schals in Schwarz-Rot-Gold. Während des Spiels wurde jede gute Szene begeistert bejubelt, als ginge es um den Titel.

Ausländische Fans jubelten mit den Deutschen

Auch die Fans anderer Mannschaften nutzten den vorletzten Tag auf der Fanmeile, um noch mal Flagge zu zeigen. Unter die deutschen Zuschauer mischten sich Polen, Kroaten, Australier, Engländer und vor allem viele Brasilianer. "Ich bin hier hergekommen, um vor dem Heimflug noch mal richtig zu feiern", sagte der Brasilianer George Bravo. Zwar sei er immer noch sehr traurig, aber die gute Stimmung hier in Deutschland sei doch eine Entschädigung. Auch viele Anhänger der italienischen und französischen Nationalteams nutzten die Gelegenheit, um sich auf das Finale im Berliner Olympiastadion (heute, 20 Uhr) einzustimmen.

Lange hatte es am frühen Samstagabend allerdings so ausgesehen, als würde die Party zur Übertragung des Spiels wie schon am Vortag die Fifa-Feier "Fußball für eine bessere Welt - von Deutschland nach Südafrika" ins Wasser fallen. Das Konzert mit zahlreichen Stars und Prominenten aus Deutschland und Südafrika, mit dem auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 eingestimmt werden sollte, war am Freitagabend wegen eines schweren Unwetters abgesagt worden. Am Samstagabend kam auf dem Fan-Fest in Berlin etwa eine halbe Stunde vor Anpfiff der Begegnung aber wieder die Sonne raus.

Dennoch haben die starken Regenfälle ihre Spuren hinterlassen. Der auf der Fanmeile aus Sand errichtete German Mountain, der in Anlehnung an Mount Rushmore die Konterfeis von vier Bundestrainern zeigt, ist schwer mitgenommen. Der Berti Vogts aus Sand hat durch die Wassermassen wie zum Zeichen verblassenden Ruhms völlig sein Gesicht verloren. Den Abbildern von Klinsmann und dessen Vorgängern Rudi Völler und Franz Beckenbauer fehlt dagegen lediglich die Nase.

Mirko Hertrich, ddp



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