Namenscodierungen, Tarnadressen, Schecks Bischof schützte Missbrauchstäter vor Strafverfolgung

Eine neue Untersuchung bestätigt Missbrauchs- und Vertuschungsvorwürfe gegen den Lateinamerika-Bischof Emil Stehle. Er soll Sexualstraftäter gedeckt und sich selbst den Ruf eines »Tätschlers« erworben haben.
Der verstorbene Lateinamerika-Bischof Emil Stehle, auch Emilio Lorenzo genannt

Der verstorbene Lateinamerika-Bischof Emil Stehle, auch Emilio Lorenzo genannt

Foto: Harald Oppitz / KNA

Emil Stehle war der erste katholische Bischof von Santo Domingo in Ecuador. Ein Mann mit einer beeindruckenden Vita, dem die Stadt ein überlebensgroßes Denkmal setzte: das Abbild eines wohlmeinend lächelnden Hirten, die Hand zum Segen erhoben.

Geboren 1926 in Mühlhausen, erst Frontsoldat und Kriegsgefangener, dann Priester im Erzbistum Freiburg, wurde Stehle aufgrund seiner Lateinamerika-Expertise zu einem Berater von Papst Johannes Paul II. Weil er sich für den Friedensprozess in El Salvador einsetzte, erhielt er 1986 ein Bundesverdienstkreuz. Sogar für den Friedensnobelpreis wurde er vorgeschlagen. Doch der Ruf des 2017 gestorbenen Geistlichen hat arg gelitten.

Seit geraumer Zeit gab es Missbrauchs- und Vertuschungsvorwürfe gegen den umtriebigen Bischof. Jetzt bestätigt eine von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Untersuchung : Stehle hat in den Siebzigerjahren drei Priestern dabei geholfen, sich in Deutschland anhängigen Strafverfahren zu entziehen.

In zwei Fällen seien die Priester wegen Kindesmissbrauchs gesucht worden, in einem Fall sei der Tatvorwurf den Akten nicht zu entnehmen gewesen. Mithilfe von Namenscodierungen, Tarnadressen und Unterhaltshilfen per Scheck habe Stehle dafür gesorgt, dass die Männer verdeckt in Lateinamerika bleiben konnten.

Weitere Opfer und Vertuschungen wahrscheinlich

Doch Stehle soll auch selbst sexuell übergriffig geworden sein: Dem Bericht zufolge wird er mit 16 Meldungen zu Sexualstraftaten in Verbindung gebracht. Die Taten soll er in seiner Zeit als Priester in Bogotá in Kolumbien, als Adveniat-Geschäftsführer in Essen und später als Weihbischof und dann Bischof von Santo Domingo in Ecuador verübt haben. In Santo Domingo galt er demnach als »Tätschler«, soll ein Verhältnis gehabt und sich jungen Frauen gegenüber grenzverletzend verhalten haben.

»Wir gehen davon aus, dass es an Stehles Wirkungsorten weitere Betroffene und möglicherweise auch Vertuschungsversuche gegeben hat«, sagt die Autorin der Untersuchung, Bettina Janssen. Die Juristin hat für ihren Bericht Akten der Koordinationsstelle Fidei Donum (»Geschenk des Glaubens«) analysiert. Seit den Sechzigerjahren hat Fidei Donum rund 400 Priester in verschiedene Länder Lateinamerikas entsandt. Seit 1973 war die Koordinationsstelle beim Hilfswerk Adveniat angesiedelt. Der jetzt bestätigte Vertuschungsverdacht wirft lange Schatten auf beide Institutionen.

»Konstrukte wie Fidei Donum müssen grundlegend auf den Prüfstand gestellt werden«, sagt die Kölner Rechtsanwältin Janssen dem SPIEGEL. Völlig strukturlos sei dieser Verbund gewesen. »Die Priester hatten so gut wie keine Verbindlichkeiten und teilweise noch nicht einmal Einsatzverträge. Trotzdem wurden sie von der Kirche finanziell unterstützt.« Die Verbindungen zu den kirchlichen Instanzen in Deutschland sei oft lose gewesen, dem Bericht zufolge gab es in einem Fall 34 Jahre lang keinen Kontakt zwischen Priester und Koordinationsstelle. Wie so oft in der katholischen Kirche scheint es an Kontrolle und Transparenz gemangelt zu haben.

Unbequeme Geistliche abgeschoben

In seiner Enzyklika Fidei Donum hatte Papst Pius XII. im Jahr 1957 die europäischen Bischöfe aufgefordert, angesichts des Priestermangels in den Entwicklungsländern Geistliche aus den Diözesen zu entsenden. Auch um der christlichen Mission willen. Dass aus Europa zugereiste Priester Missbrauch und kriminelles Gebaren im Gepäck hatten, war immer wieder Gegenstand der Berichterstattung. Doch oft fehlte es an Beweisen. Die politisch instabilen und teilweise undemokratischen Gesellschaften Lateinamerikas boten idealen Unterschlupf für Straftäter, die sich den Ermittlungsbehörden entziehen wollten.

Die Entlarvung von Bischof Stehle als Täter zeigt pars pro toto, dass es über Jahrzehnte hinweg wohl eine Art Abschiebepraxis gab. Dabei brachte die katholische Kirche unliebsame, unbequeme, aber vor allem gefährliche Geistliche immer wieder aus der Schusslinie, indem sie sie in Entwicklungsländer versetzte. Schon in Deutschland hielten die Reihen, die kirchliche Omertà war bis zur Aufdeckung der ersten großen Skandale 2010 fast lückenlos. Umso mehr im erzkatholischen Ausland.

»In den Ländern Lateinamerikas sind Sexualstraftaten in der Kirche ein Tabu, ein Stigma, dort ist die Angst vor Enthüllungen noch größer«, sagt die Juristin Janssen. Schon deshalb müsse man damit rechnen, dass es vor Ort weitere Opfer unter Krankenschwestern, Praktikantinnen oder indigenen Helfern gebe.

Eingang in die Untersuchung fanden Protokolle und Gespräche mit aktuellen und ehemaligen Adveniat-Mitarbeitern, außerdem 474 sogenannte Personalbegleitakten und Briefwechsel zwischen Fidei Donum und den Bistümern. Auch die Ergebnisse des Missbrauchsberichts aus dem Bistum Hildesheim vom September 2021 wurden einbezogen. Nach dessen Veröffentlichung hatten sich acht von Missbrauch betroffenen Frauen gemeldet.

In den Berichten ist von erzwungenen Küssen und Berührungen am ganzen Körper die Rede. Eine Frau vermutet, dass Emil Stehle sie nicht nur getauft, sondern auch gezeugt habe, da er ein Verhältnis mit ihrer Mutter gehabt habe. Die Vaterschaft Stehles könne nicht vollständig ausgeschlossen werden, heißt es in der Untersuchung. Die betroffene Frau berichtete außerdem, Stehle habe sie aufgefordert, sich auszuziehen und sie »befummelt«.

Was der Bischof nicht weiß…

Eine der Verfasserinnen der Hildesheimer Missbrauchsstudie, die ehemalige niedersächsische Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz, vermutete schon lange ein System hinter den Lateinamerikaverschickungen auffälliger Priester. Im Dezember schrieb sie einen offenen Brief  an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing.

Sie zitiert aus einem Schreiben der »Fidei Donum«-Koordinationsstelle an den damaligen – später ebenfalls des Missbrauchs verdächtigen – Hildesheimer Bischof Heinrich-Maria Janssen vom 6. Mai 1976. Darin wird ganz unverblümt angeboten, einen »hier nicht näher genannten Herren anderenorts, und zwar nicht nur in einer anderen Diözese, sondern auch in einem anderen Land, einzusetzen«. Man gehe davon aus, »dass Sie einverstanden sind, wenn ich Ihnen diesen neuen Einsatzort nicht bekannt mache und Sie Dritten gegenüber folglich auch keine Auskunft geben können«, heißt es weiter. Das Hilfswerk Adveniat habe sich bereit erklärt, für die monatliche Unterstützung aufzukommen, »so dass eine solche Hilfe Ihrerseits entfallen könnte und auch dieses Problem gelöst sein dürfte«. Man suchte nach schnellen Lösungen auf kurzem Dienstweg, so wirkt dieser Brief.

Unterzeichnet hat der damalige Geschäftsführer Emil Stehle. Für Ex-Ministerin Niewisch-Lennartz ist die Diktion des Schreibens ein klarer Hinweis, »dass es sich bei dem hier gewählten Verfahren, den beschuldigten Priester der Strafverfolgung zu entziehen, nicht um einen exzeptionellen Einzelfall handelt«.

Und nun?

Die Deutsche Bischofskonferenz will jetzt in Zusammenarbeit mit Adveniat über eine Neustrukturierung der Koordinationsstelle Fidei Donum beraten. »Unabdingbar wird ein umfassendes Auswahl- und Eignungsverfahren sein«, heißt es. Anwärter auf Auslandsposten sollten zukünftig einen Nachweis erbringen, dass sie sexuell niemals übergriffig geworden sind und Präventionsschulungen absolviert haben. Eine Art Führungszeugnis also, eine nicht gerade umwälzende Neuerung.

»Adveniat vertritt die Position einer absoluten Null-Toleranz gegenüber dem Verbrechen sexuellen Missbrauchs und stellt sich – auch mit dieser schonungslosen Untersuchung – an die Seite der Betroffenen in Deutschland und in Lateinamerika«, lässt der Leiter der Koordinationsstelle Fidei Donum, Pater Martin Maier, auf Anfrage mitteilen.

An der Seite stehen, ein schönes Bild. Doch wer macht die mutmaßlich weiteren Opfer in Lateinamerika ausfindig? Wer entschädigt sie? Wer evaluiert Verbesserungen? Und wer kontrolliert das Verhalten der katholischen Priester weitab der deutschen Bistümer? Wie immer sind es mehr Absichtserklärungen und Fragen als Antworten und Taten, die sich auftun.

Ungeklärt bleibt auch die Frage, wer noch von den mutmaßlichen Missetaten Stehles wusste und ein Auge zugedrückt hat. Laut Janssens Untersuchung wandte sich eine Betroffene bereits im November 2005 an die Deutsche Bischofskonferenz. Sie informierte Kardinal Karl Lehmann und Erzbischof Robert Zollitsch schriftlich über sexuelle Übergriffe durch Emil Stehle. Der habe »mit seinem schriftlichen Schuldbekenntnis und Bezahlung von Schmerzensgeld für die Taten eingestanden«, so die Frau. »Mit Alkohol benebeln war seine Methode, wenn das Opfer sich verweigerte, keine Gewalt. Vermutlich der Grund, warum es nie zu einer offiziellen Anzeige von weiteren Opfern kam.« Lehmann und Zollitsch reagierten offenbar auch nicht.

DBK und Adveniat betonen in ihrer aktuellen Stellungnahme, dass keine Spendengelder für den Unterhalt der Fidei-Donum-Priester verwandt wurden. Das wird die Gläubigen, die nach endlosen Missbrauchsskandalen ohnehin auf dem Absprung sind, wohl kaum beruhigen.

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