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27. April 2015, 14:56 Uhr

Augenzeugen am Everest

"Eine Schneewand, hoch wie ein fünfstöckiges Gebäude"

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Das Basecamp ist verwüstet, Hubschrauber evakuieren Bergsteiger aus höheren Lagern: Das Erdbeben in Nepal hat zum bislang schlimmsten Unglück am Mount Everest geführt. Überlebende berichten von dramatischen Szenen.

Wie "nach einem Tornado", als hätte "eine Atombombe eingeschlagen": Mit solchen Beschreibungen berichten die Bergsteiger Alan Arnette und Alex Gavan von den Folgen des Erdbebens im Basecamp des Mount Everest. Viele der Überlebenden müssen nun weiter am Berg ausharren, bis eine Rückkehr nach Kathmandu möglich ist.

"Schuhe und Socken und Papierstücke liegen herum, es gab Anzeichen dafür, dass Zelte zerstört wurden und Menschen ihr Leben verloren haben", berichtet der erfahrene US-Bergsteiger Arnette in einem Podcast aus dem Basecamp.

Nach Angaben der indischen Armee stieg die Zahl der Toten durch heftige Lawinen auf 22. Das Tourismusministerium Nepals sprach hingegen zunächst von 18 Toten. Es wird erwartet, dass die Opferzahl noch steigen wird. Schon jetzt handelt es sich um das bislang schlimmste Unglück am höchsten Berg der Erde. Erst im vergangenen Frühjahr waren in einer Lawine 16 Menschen am Mount Everest ums Leben gekommen.

Drei Helikopter seien im Dauereinsatz, um Bergsteiger aus Camp 1 auf 6065 Metern ins Basecamp zu bringen, sagt Arnette. Die Route ist derzeit nicht begehbar, weil viele Leitern und Fixseile im Khumbu-Eisbruch zerstört wurden. "Ich schätze, dass nun mehr als 150 Menschen aus Camp 1 evakuiert worden sind, sowohl Ausländer als auch Sherpas", sagt Arnette. Insgesamt waren nach Angaben seiner gewöhnlich zuverlässigen Webseite in diesem Frühjahr 509 Ausländer und 525 Sherpas auf der südlichen und der nordöstlichen Route unterwegs.

"Ich dachte, meine Zeit sei gekommen"

Eine Lawine hatte am Samstag das Basecamp mit enormer Wucht getroffen, wie auf einem Video des Deutschen Jost Kobusch zu sehen ist. Von einer "Schneewand, hoch wie ein fünfstöckiges Gebäude, die auf uns zukam" berichtet der südafrikanische Bergführer Ronnie Muhl, der eine Gruppe des Veranstalters "Adventures Global" führt. Er ist mit vier Abenteurern am Berg, unter anderem einer 18-Jährigen, die als jüngste Australierin auf dem Everest in die Geschichte eingehen wollte. Sie konnten sich alle in Sicherheit bringen. "Es war ein unglaublich beängstigendes Gefühl. Wir spürten die Erde beben, dann das unglaubliche Geräusch einer Lawine. Ich dachte, meine Zeit sei gekommen", berichtet Muhl auf der Webseite seiner Expedition. Außerdem habe es seitdem "viele sehr beängstigende Nachbeben" gegeben.

Video: Dokumentarfilmer Michael Churton schildert Everest-Katastrophe

Über die Nachbeben berichtet auch der südafrikanische Bergführer Sean Wisedale: "Während ich hier liege und dies schreibe, wird der Boden unter mir erschüttert. Mein Herz macht jedes Mal einen Sprung, wenn die Erde bebt, ich kann mich nicht daran gewöhnen. Es fühlt sich an, als würden wir im Wasser treiben, die Kraft hinter diesen Bewegungen ist enorm." Wisedale schreibt auch über Todesopfer: "Drei gefrorene Leichen in Schlafsäcken liegen bereit, um ausgeflogen zu werden. Aber es gibt keine Eile, weil die Leichenhalle in Katmandu die Grenzen ihrer Kapazität erreicht hat."

Zwei Gruppen des deutschen Reiseveranstalters "Amical Alpin" waren im Moment des Bebens ebenfalls an Himalaya-Achttausendern unterwegs, am Mount Everest sowie am Cho Oyu. Sämtlichen Reiseteilnehmern sei nichts passiert, teilte der Veranstalter mit. Der bekannte deutsche Extrembergsteiger Ralf Dujmovits war mit der Everest-Gruppe auf dem Berg. Laut seinem Büro in Bühl habe er sich per Textnachricht am Sonntag gemeldet, dass es ihm gut gehe. Zum Zeitpunkt des Unglücks sei er auf dem Weg zum vorgezogenen Basislager gewesen.

Der Fokus der meisten Berichte liegt auf dem Everest, weil dort die größte Anzahl von Bergsteigern betroffen war. Doch auch andere Achttausender befinden sich im Katastrophengebiet. Der Manaslu etwa, mit 8163 Metern der achthöchste Berg der Erde, steht noch deutlich näher am Epizentrum des Erdbebens. Dort ist die diesjährige Frühjahrssaison bereits vorbei, doch auf Wanderrouten waren Menschen unterwegs, laut einem Online-Aufruf werden zwei Menschen von den Philippinen vermisst. In Berichten heißt es, die Gehwege seien bei dem Erdbeben verwüstet und teilweise überflutet worden.

Von der Annapurna (8091 Meter hoch) heißt es in Berichten, dass zumindest die Bergsteigerteams allesamt in Sicherheit seien. Einige Wanderer auf der berühmten Annapurna-Runde werden allerdings noch vermisst. Am Shisha Pangma (8027 Meter) in Tibet nahe der Grenze zu Nepal war nach Angaben der britischen Bergsteigerin Heather Geluk in diesem Jahr nur ihr eigenes Team unterwegs, laut ihrem Facebook-Account konnte es sich in Sicherheit bringen.

Am Makalu (8463 Meter), wo sich rund 45 Bergsteiger aus 20 Ländern befinden, soll laut einem Bericht des Bergführers Adrian Hayes ebenfalls niemand ums Leben gekommen sein, obwohl einige Lawinen abgingen. Hayes' Gruppe plant bislang keinen Abstieg. "Die Show wird in ein paar Tagen weitergehen, denke ich", schreibt der Brite.

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