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Prostitution Lehrling der Lust

Die amerikanische Hure Dolores French hat ihre Biographie geschrieben - ein Handbuch für Einsteigerinnen.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Dolores French hatte schon manches mitgemacht in ihrem jungen Leben. Sie hatte sich als Fallschirmspringerin versucht und war bei einer Demonstration mit Tränengas beschossen worden. Sie praktizierte Gruppensex mit fünf Männern auf einer Plastikdecke voller Salatöl, warf Trips ein und trank Champagner dazu.

Der Anblick eines großen behaarten Mannes in Spitzenhöschen und Strümpfen jedoch löste bei ihr das schiere Entsetzen aus. Und der Schrecken wuchs noch, als der Fremde darum bat, mit Haarbürste und Tennisschläger verklopft zu werden.

Doch die Verstörung legte sich rasch. Der Herr bekam, was er forderte, zahlte 60 Dollar, bedankte sich artig und ging. Und die Gelegenheitsprostituierte French, damals 27, entdeckte, daß alles halb so schlimm war, und beschloß, ihren Job bei einem Radiosender in Atlanta aufzugeben, um sich entgültig ihrer Karriere als Hure zu widmen. Zehn Jahre später faßte sie ihre Erfahrungen mit dem Gewerbe in einem Buch zusammen, das in Amerika einigen Wirbel verursachte und jetzt auf deutsch erscheint*.

Dolores French versucht vor allem, jenes populäre Vorurteil zu dementieren, wonach Huren nur arme, bemitleidenswerte Opfer der Gesellschaft seien: »Ich war keine Zwölfjährige, die man durch Täuschung oder Gewalt zur Prostitution gezwungen hat, und ich war kein Junkie.« Nüchtern zeichnet sie nach, wie sie, aufgewachsen in einer klassischen Mittelstandsfamilie und mit einem College-Diplom in der Tasche, sich ohne finanzielle Nöte bewußt für diesen Job entscheidet.

Frenchs Offenbarungen lösten in kundigen Kreisen großes Lob aus. Die Berliner Ex-Hure Helga Bilitewski, die das Werk erst begutachtete und dann übersetzte, bescheinigte dem Verlag, eine derart präzise Arbeitsplatzbeschreibung gebe es bislang auf dem deutschen Buchmarkt nicht. Die Kolleginnen vom _(* Dolores French: »Kurtisane«. Verlag ) _(Galgenberg, Hamburg; 364 Seiten; 39,80 ) _(Mark. ) Berliner Prostituiertenprojekt Hydra preisen Frenchs Erfahrungsbericht im Vorwort als nutzbringenden Leitfaden für all jene, die vorübergehend oder langfristig in das Geschäft mit der Liebe einsteigen wollen.

Das ist ganz im Sinne der rebellischen Damen, die soeben, gemeinsam mit anderen deutschen Hurenkollektiven, ein Anforderungs- und Tätigkeitsprofil für Prostituierte entworfen haben, eine Variante der Blätter zur Berufskunde, welche sie bei der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit einreichen wollen, um die Anerkennung ihres Berufsstandes zu erreichen.

Die Münsteraner Prostituiertengruppe Straps und Grips arbeitet an einem Handbuch für Einsteigerinnen und wünscht sich sogar eine halbjährige Ausbildung auf einer Hurenakademie, deren Gründung allerdings noch aussteht.

Die Prostituiertenkarriere kann ganz anders verlaufen, als das die meisten vermuten, und muß durchaus nicht immer als sozialer Abstieg begriffen werden: In Dolores Frenchs Erinnerungen ist verhältnismäßig wenig die Rede von brutalen Zuhältern, von Alkohol und Drogen und dem Ekel vor sich selbst.

Statt dessen beschreibt French, wie sie, als Lehrling der Lust, bei einer erfahrenen Kollegin das Handwerk lernt. Elaine, 49, Mutter von fünf erwachsenen Kindern, organisiert ihren Salon wie eine Arztpraxis und entwirft für die Novizin ein regelrechtes Trainingsprogramm.

Zu den Grundregeln des Gewerbes gehört ständige Vorsicht gegenüber Polizisten, denn in den USA, mit Ausnahme von einigen Bezirken im Staat Nevada, ist die Prostitution verboten. Elaine lehrt ihren Schützling, verheißungsvolle Anzeigen aufzugeben, aus der Flut von Briefen die richtigen Bewerber herauszusuchen und von ihnen eine Kartei anzulegen. In der sind - wegen der stets drohenden Verhaftungsgefahr - verschlüsselt Kennwörter für die sexuellen Vorlieben der Kunden vermerkt. Manche wollen ausschließlich »Blasmusik«, andere bevorzugen ruhige »Klassik« oder schrägen »Jazz«.

French lernt, daß die meisten Männer zunächst darüber lamentieren müssen, welche Sorgen der Müllschlucker, das Auto oder die Kindererziehung verursachen. Sie lernt, daß frisch geschiedene Männer schwierige, verbitterte Kunden sind, die postkoital endlos quatschen wollen und die routinierte Abfertigung im 40-Minuten-Takt blockieren.

Die Hure French, inzwischen eine Professionelle und robust an Körper und Gemüt, fühlt sich offenbar wohl in dieser Welt. Sie schildert ihren Berufsalltag in leicht ironischem, lakonischem Ton. Ihr Blick auf die Kunden ist geschäftsmäßig, aber wohlwollend - ob es sich um sogenannte Perverse mit bizarren Wünschen oder um kränkelnde 80jährige mit Erektionsproblemen handelt.

Sie bietet ihre Dienste eine Zeitlang in Bordellen in der Karibik an, wo eine Kollegin ihr beibringt, bei der Fellatio ein Kondom kunstvoll mit dem Mund aufzurollen, ohne daß der Kunde es merkt. Sie entdeckt den Straßenstrich als konditionsfördernd und empfiehlt als ideale Arbeitsschuhe dafür 180-Dollar-Treter aus italienischem Leder.

Ihr Rhythmus pendelt sich ein: Sie arbeitet drei Wochen und pausiert dann sieben Tage. Sie zahlt Steuern, gibt als Beruf Unterhalterin an und macht alle Geschäftsausgaben geltend, die möglich sind.

French, die ihrem Beruf überwiegend gute Seiten abgewinnt ("Es ist die ehrlichste und einträglichste Arbeit, die ich je gemacht habe"), beschreibt auch den allgegenwärtigen Druck des Hurenlebens. Prostituierte müßten lernen, mit der ständigen Angst vor Verhaftungen zu leben; mit der gesellschaftlichen Verachtung; mit der Sorge, daß man ihnen ihre Kinder wegnimmt. Sie selbst konnte bislang zwar größeren Ärger mit Gesetzeshütern verhindern, mußte aber erleben, daß man aus moralischer Entrüstung ihr Haus niederbrannte.

Nach einigen Jahren im Geschäft engagierte sie sich in der amerikanischen Hurenbewegung und wurde schnell zur prominenten Wortführerin. Seitdem muß sie bei Fernsehdiskussionen die immer gleichen Fragen beantworten: »Wie fühlen Sie sich?« fragt, von Wonnegraus geschüttelt, beispielsweise eine Frau. »Gut. Ich liebe meine Arbeit.« - »Kommen Sie, das meinen Sie doch nicht wirklich. Sie können sich doch gar nicht gut fühlen, bei dem, was Sie tun. Sie müssen sich einfach beschmutzt und entwürdigt fühlen.«

Das Ärgerliche an diesen Fragen sei, sagt French, daß sie auf Klischees und Mystifizierungen beruhten. Wie immer die Antwort laute, niemand wolle sie hören, geschweige denn glauben. Vergleichbar wäre es, wenn ein Schwarzer auf dem Podium säße und dauernd gefragt würde: »Stimmt es denn nicht, daß alle Schwarzen steppen können? Und riechen Sie nicht auch anders?«

An Ausstieg denkt die inzwischen 42jährige nicht. Ihre eigentliche Arbeit hat sich verändert in den Zeiten von Aids. Jetzt werden immer öfter Telefonsex oder Rollenspiele gewünscht, bei denen es nicht zu genitalem Kontakt kommt. Männer, erklärt French, schrieben ausgefeilte Szenarien und ganze Drehbücher, die dann von der gemieteten Lady originalgetreu durchzuspielen seien.

Darüber hinaus gibt die unermüdliche Aufklärerin Safer-Sex-Unterricht an Schulen und Gymnasien und zeigt, wie man ein Gummi auf eine Banane bläst.

Seit einigen Jahren ist die selbständige Unternehmerin - und auch das widerspricht allen gängigen Vorurteilen - mit einem Rechtsanwalt verheiratet. Sollte sie doch noch massiven Ärger mit der Polizei bekommen, will sie nach Alaska, Hongkong oder Bangkok flüchten - getreu dem Wahlspruch der Schauspielerin Mae West: »Zwischen zwei Übeln entscheide ich mich immer für das, das ich noch nicht probiert habe.«

* Dolores French: »Kurtisane«. Verlag Galgenberg, Hamburg; 364Seiten; 39,80 Mark.

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