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13. Juli 2019, 11:21 Uhr

Gesägt, getan

Spanplattenschauder

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Ein alter Klavierstuhl, ein paar ausrangierte Regalbretter - fertig ist der Beistelltisch: So setzt der Heimwerker ein Zeichen gegen Fast-Food-Möbel. Und macht einen Fehler, der den Auftraggeber freut.

In die Debatte über Flugscham, Nachhaltigkeit und Wegwerfkaffeebecher würde ich gerne einen weiteren Begriff einbringen: Spanplattenschauder. Er bezeichnet den Umstand, dass es eine unfassbare Menge an Möbeln gibt, die, wenn ich das einmal so undifferenziert sagen darf, für jeden Holzenthusiasten eine Zumutung sind.

Nicht weil sie schlecht aussehen, unpraktisch sind oder schnell kaputtgehen (wobei das meiner Erfahrung nach leider allzu häufig der Fall ist). Sondern, weil sie in gewisser Weise das Fast Food unter den Möbeln sind. Billig gebaut, schnell gekauft, schnell aufgebaut - und im Zweifelsfall schnell auf dem Sperrmüll.

Ich selbst habe bei mir zu Hause mehr als genug davon herumstehen, insofern sitze ich im Glashaus, beziehungsweise im Spanplattenhaus. Ich kenne die Preisargumente, die Designargumente. Ich bin schon öfter mit so einem Ding aus dem Möbelhaus gekommen, als ich zugeben mag. Meckern möchte ich trotzdem. Wie kurz ist die Lebensspanne eines solchen Möbelstückes im Vergleich zu solide gebauten Massivholzmöbeln?

Die Magie schöner Massivholzmöbel

Beim Frühstück sitze ich auf einem Stuhl, der mindestens dreimal so alt ist wie ich, angeblich hat er schon zwei Jahrhundertwenden erlebt. Zu so einem Erbstück hat man eine ganz andere Verbindung als zu einem Stuhl vom Möbeldiscounter, dessen vorgebohrte Löcher schon nach zweimal Schrauben raus- und reindrehen ausgenudelt sind (auch hier spreche ich aus Erfahrung.)

Wer von der Magie schöner Massivholzmöbel noch nicht überzeugt ist, dem sei dieser YouTube-Kanal empfohlen. Es ist eine der schönsten Seiten des Alltags, sich lange an Möbeln erfreuen zu können - schon allein, weil wir täglich von ihnen umgeben sind. Diese Freude gibt es auch, wenn das Möbelstück seine ursprüngliche Form längst verloren hat.

Ein Bekannter mit leichtem Hang zur Möbelsentimentalität hatte ausgemistet. Unter anderem hatte er für ein kleines Massivholzregal keine Verwendung mehr. Jahrzehnte hatte es in seiner Wohnung gestanden; nach einem Umzug fand sich kein guter Platz dafür. Aber für den Grobmüll war es eindeutig zu schade.

Ob ich das Regal brauchen könne, fragte er mich. Das Regal nicht, sagte ich. Aber das Holz. Das war im Prinzip korrekt, obwohl ich konkret keine Ahnung hatte, was sich aus dem Material bauen ließe.

Ich entschied mich dafür, es als Übungsmaterial zu nutzen und eine Leimholzplatte herzustellen. Das ist eine Wissenschaft für sich, weil man linke und rechte Seite des Holzes, Kernholzseite und Splintholz berücksichtigen muss, es gibt ganze Videoserien zu dem Thema. Sonst entsteht aus den einzelnen Holzstücken keine halbwegs ebene Platte, sondern eine Berg- und Tallandschaft.

Wiedersehen mit dem alten Regal

Zu meiner Überraschung ging das Verleimen problemlos. Weit entfernt von der Präzision von Profis, aber nicht schlecht für einen ersten Versuch. Und während der Leim noch trocknete, ergab sich auch noch eine Verwendung für das Werkstück.

Der Bekannte rief an und fragte, ob ich nicht eine kleine Tischplatte für ihn bauen könne. Er habe da einen alten Klavierstuhl, ein Erbstück. Die Sitzfläche sei irreparabel hinüber, aber den Fuß wolle er behalten. Es hingen so viele Erinnerungen daran, den wolle er nicht so einfach rausschmeißen. Mit der Platte lasse sich ein Beistelltisch daraus machen.

Ich sagte zu. Und dachte, es würde den Bekannten bestimmt freuen, wenn er durch das Tischchen nicht nur mit dem Klavierstuhl, sondern auch mit seinem alten Regal in Verbindung bleiben könnte.

Die Schwierigkeit war nur, dass der Bekannte sich eine runde Tischplatte wünschte. Zuerst erwog ich, den Kreis mit der Stichsäge auszuschneiden. Aber das wäre im besten Fall ungenau geworden, im schlimmsten hätte es die Platte verhunzt.

Es hat sich ein Fehler eingeschliffen

Deshalb kam mir die Idee, aus einem Stück Abfallholz und der Oberfräse eine Art überdimensionierten Zirkel zu basteln. Ein Nagel diente zur Fixierung im Mittelpunkt der Platte. Und dann ging es ins Holz, Runde für Runde, Millimeter für Millimeter. Das machte eine Riesensauerei, aber es ging gut. Leider musste ich doch noch für das letzte Stück zur Stichsäge greifen, weil mein Fräser nicht tief genug reichte, um den Kreis komplett aus der Platte herauszutrennen.

Aufwändiger als das Fräsen war das Schleifen: Oberseite, Unterseite, jeweils sechs Durchgänge von 40er- bis 600er-Körnung. Ich hatte vermutet, durch das Schleifen würden die unterschiedlich nachgedunkelten Holzstellen verschwinden, die den Regalursprung des Holzes verrieten. Irrtum. Dafür hätte ich hobeln müssen, idealerweise vor dem Leimen - dann wären die einzelnen Holzteile noch schmal genug für meine Dickenhobelmaschine gewesen. Nun war es dafür zu spät.

Aus Bequemlichkeit entschied ich mich, dem Bekannten meinen Fehler zu gestehen, für die Optik der Platte um Verzeihung zu bitten und ihm anzubieten, bald eine neue mit einheitlicherer Oberfläche herzustellen. Doch da hatte ich ihn falsch eingeschätzt.

Was mir nicht gefiel, fand er toll: Schließlich wusste er nun nicht nur, dass die Platte aus seinem alten Regal bestand. Er konnte es auch sehen. Darüber freute er sich so aufrichtig, dass mir warm ums Herz wurde. Mehr Möbelsentimentalität geht kaum. Und eine neue Welle der Spanplattenschauder war abgewendet.

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