60. Geburtstag Charles der Letzte

Andere in seinem Alter sind reif für die Rente, er dagegen wartet noch auf seine Sternstunde: Der britische Thronfolger Charles wird 60 Jahre alt. Die Presse verulkt ihn als Spinner, er selbst lässt kein Fettnäpfchen aus. Ist so ein Mann als Monarch der richtige? Will er den Job überhaupt?

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Wer weiß, am Ende liegt die Zukunft des erlauchten Hauses Windsor im Frittenfett.

Mit Glamour ist es dieser Tage bei den britischen Royals jedenfalls nicht weit her, von Aufbruchstimmung à la Obama ganz zu schweigen. Die Queen ist mittlerweile 82 Jahre alt, ihr designierter Nachfolger, der Prince of Wales, begeht dieser Tage seinen 60. Geburtstag.

In einem Alter, da andere Männer sich mit Vorruhestandsplanungen beschäftigen, wartet Charles Philip Arthur George Mountbatten-Windsor immer noch auf den Tag, an dem sich endlich seine berufliche Destination erfüllen soll.

Die Frage, ob diese von einem Staatsoberhaupt im Greisenalter repräsentierte konstitutionelle Monarchie dem 21. Jahrhundert entspricht - und, wichtiger noch, ob und wie sie in Zukunft überleben kann und soll, ist nahe liegend. Der Beraterstab des Jubilars beantwortet sie gern mit Verweisen auf Charles' Fortschrittlichkeit.

So geruhten Seine Königliche Hoheit erst kürzlich, zahlreiche Automobile auf Öko umrüsten zu lassen: Sein geliebter Aston Martin, Baujahr 1950, kommt jetzt mit Bioethanol daher, das aus Abfällen bei der Weinerzeugung hergestellt wird - britischem Wein, selbstredend. Andere Pkw aus dem prinzlichen Fuhrpark, Jaguare, ein Audi und ein Range Rover, tanken mittlerweile gebrauchtes Speiseöl.

Doch Charles wäre nicht der auf PR-Pleiten abonnierte Pannen-Prinz, wenn nicht auch hier das Schicksal wieder grausam zugeschlagen hätte: Statt den Thronfolger als CO2-Bekämpfer und Ökoritter mit Blick fürs Detail gebührend zu feiern - auf den Aborten seines Landsitzes Highgrove rauschen die Verrichtungen politisch-korrekt mit Regenwasser gen Kloake -, stürzte sich die Presse mit Furor auf die Hubschrauber-Affäre: Charles' Ältester, William, hatte mit einem Armee-Helikopter private Spritztouren zu seiner Freundin unternommen. Abgesehen von ihrer ökologischen Sündhaftigkeit, kosteten diese royalen Joyrides den britischen Steuerzahler umgerechnet 110.000 Euro.

"Rein in den Kuhstall, raus aus dem Kuhstall"

Charles, so scheint es, vermag den seit Jahrzehnten andauernden Kampf um öffentliche Wertschätzung einfach nicht zu gewinnen.

Während der frühere US-Vizepräsident Al Gore seine versandete Karriere mittels grünem Ticket in Nobelpreis-Stratosphären katapultierte, wird Charles, der sich bereits in den siebziger Jahren leidenschaftlich dem Umweltschutz verschrieb, als Schrat karikiert, der seinen Zimmerpflanzen Gute-Nacht-Geschichten vorliest.

Als Charles 1985 mit seiner Frau Diana die Vereinigten Staaten besuchte, tanzte die junge Prinzessin - großäugig, langbeinig, lieblich - im Weißen Haus mit John Travolta. Die ganze Welt, so schien es damals, war verknallt in Royalty made in Britain.

20 Jahre später wiederholte Charles den Besuch mit seiner jetzigen Gattin, der herben Camilla - und hielt minimal beachtete Vorträge über Wohnungsbau und Öko-Landwirtschaft. Im Vorfeld der US-Visite waren amerikanische Journalisten zu einem Ausflug auf Charles' Mustergut im englischen Cornwall gebeten worden: "Rein in den Kuhstall, raus aus dem Kuhstall", beschrieb ein Teilnehmer das Programm, "und zwischendurch latschten wir durch Kuhscheiße". Nicht gerade der Stoff, aus dem Projektionsflächen für glamoursüchtige Untertanen gemacht sind.

"Mit solchen Ohren kannst du unmöglich König werden"

Der Prinz hat ein Image-Problem. Mehr noch: Er hat das Bild des ewig Un- und Missverstandenen so verinnerlicht, dass es ihm den Job verleidet. Seit Jahrzehnten taumelt Charles durch Nimmerland, durch ein Leben ohne klar definierten Verantwortungsbereich.

Charles lobbyiert, bombardiert Minister und Staatssekretäre mit Notizen, Vorschlägen und Eingaben, absolviert Hunderte öffentliche Auftritte pro Jahr, macht Truppenbesuche, verwaltet seine Güter mit Gewinn, wettert gegen das Bildungssystem und moderne Architektur - unvergessen eine Rede, in der er einen Glas-Anbau an der Nationalgalerie als "Furunkel" bezeichnete. Er musiziert (Cello), malt (Aquarelle), schreibt (das Kinderbuch "Der alte Mann von Lochnagar"), steht als Schirmherr rund 300 wohltätigen Organisationen vor und antwortete trotzdem auf die Frage eines Journalisten, was denn der schwierigste Part seines Jobs sei: "Relevant zu sein."

Ein Dilemma hamletschen Ausmaßes.

Der Grundstein für die Wahrnehmung des britischen Thronfolgers als Tropf und Witzfigur wurde früh gelegt: "Mit solchen Ohren kannst du unmöglich König werden", sagte sein Onkel Lord Mountbatten dem unsicheren Knaben Charles einst ziemlich unbarsch ins Gesicht. Appelle an die Eltern, man solle dem Jungen doch endlich die ungestalte Hörextremität richten lassen, verhallten. Aus Charles wurde "Dumbo".

"Letzte Nacht war die Hölle, buchstäblich die Hölle"

Häme und Hänselei erlebte Charles schon als Kind und Teenager. "Es ist die Hölle hier, besonders nachts", schreibt der 14-Jährige aus dem spartanischen Internat Gordonstoun, in das sein Vater den sensiblen Sohn zwecks Ermannung verfrachtet hatte.

Der pausbäckige Charles - und ach, diese Ohren! - mit dem formellen, überhöflichen Benehmen, dem fragilen Selbstbewusstsein, war sofort Zielscheibe von Spott, Verachtung, physischen Attacken. "Die Leute in meinem Schlafsaal sind übel, einfach furchtbar", berichtet Charles in jämmerlichen Klagebriefen an die Verwandtschaft. "Die ganze Nacht lang werfen sie mit Pantoffeln nach mir und hauen mich mit ihren Kopfkissen. Letzte Nacht war die Hölle, buchstäblich die Hölle. Ich wünschte, ich dürfte nach Hause."

Die Jahre in Gordonstoun, so der britische Journalist Jeremy Paxman, bescherten Charles ein Opfersyndrom.

In den Siebzigern besserten sich die Dinge vorübergehend. Charles absolvierte die obligatorische Armee-Ausbildung zur Überraschung aller mit Stil und Erfolg. Uniform, Hubschrauberflüge und sportliche Ertüchtigung auf dem Surfboard machten aus Dumbo plötzlich Action Man: Charles war nunmehr "der begehrteste Junggeselle der Welt".

Auch beruflich fand der Thronfolger eine sinnstiftende Mission: Er sammelte Geld für seine Organisation "The Prince's Trust", die Existenzgründer finanziell unterstützt. Charles versuchte sich als Schlichter in sozialen Brennpunkten, sorgte sich um die Umwelt, plädierte für eine humanere Medizin.



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Seite 1
gerhardklein 12.11.2008
1.
Zitat von sysopAndere in seinem Alter sind reif für die Rente, er dagegen wartet noch auf seine Sternstunde: Der britische Thronfolger Charles wird 60 Jahre alt. Die Presse verulkt ihn als Spinner, er selbst lässt kein Fettnäpfchen aus. Ist so ein Mann als Monarch der richtige? Har die konstitutionelle Monarchie noch Zukunft?
Nein, die konstitutionelle Monarchie hat keine Zukunft, ausser in in England. Gruesse
darkwingduck, 12.11.2008
2.
Zitat von gerhardkleinNein, die konstitutionelle Monarchie hat keine Zukunft, ausser in in England. Gruesse
Was interessiert das? Haben wir keine anderen Probleme? Was würden Goldenes Blatt & Co ohne Monarchen schreiben? Fragen über Fragen
Osis, 12.11.2008
3.
Wie wär es einfahc mal damit, statt Boulevard auf die Leitunsgne udn Visionen aufmerksam zu machen? Der Mann hat noch Visionen. Und das ist mehr, als man von unseren Politiker hier sagen kann, die nur noch bis zur nächsten Wahl denken. Und wer soll kreativ denken, arbeiten und die Poltik nerven, wenn nicht eine gestandene Monarchie? Schaüble verschiebt sein Terrorstaat auf 2009, Demonstranten sollen zahlen, wo leben wir eigentlich?
Adran, 12.11.2008
4.
Bitte auch eine Konstitunionelle Monarchie für Deutschland, und dann sparen wir uns ab sofort dieses Parteingeschacher um den Alibi-könig/Winkemännchen, dass sich BuPr schimpft! Monarchien in Europa: ~Schweden ~GB ~Belgien ~Holland ~Norwegen ~Dänemark ~Spanien usw all diese Staaten können doch nicht irren ;)
Neurovore 12.11.2008
5.
Zitat von AdranBitte auch eine Konstitunionelle Monarchie für Deutschland, und dann sparen wir uns ab sofort dieses Parteingeschacher um den Alibi-könig/Winkemännchen, dass sich BuPr schimpft! Monarchien in Europa: ~Schweden ~GB ~Belgien ~Holland ~Norwegen ~Dänemark ~Spanien usw all diese Staaten können doch nicht irren ;)
Haha, D. ist ja auf dem besten Weg in eine KonMon. Leider mit dem üblichen historischen Umweg: Feudalismus. Deswegen wurde/wird ja überhaupt erst die Mittelschicht weggemacht; gleichzeitig noch die lästigen Bildungs- und Aufstiegschancen des Prekariats plätten und voilá: der soziale Status ist mit der Geburt vorgegeben, wir haben schon mal ein festes Kastensystem. Dann noch schnell mit allen möglichen unsinnigen Gesetzesentwürfen (Zeitarbeit, Abschreibungen, KFZ-Steuer, etc., etc.) das Geld von unten nach oben schaufeln und den superreichsten der Suprareichen bestimmen; simmsalabimm: Monarchie. Schön ist auch, daß der Staat schon mal wieder/immer noch den Zehnt für unseren religiösen Stand einsammelt....
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