Abstieg eines Superstars Britneys Tanz auf dem Scheiterhaufen

2. Teil: Dankbar entzündete Spears ihren eigenen Scheiterhaufen


Die Kamera fing ein, wie die VMA-Gäste diese Vorstellung ungläubig bestaunten. Nach dem Britney-Auftritt trat schließlich Sarah Silverman auf den Plan, die Gier des Publikums nach "ein Mädel macht das andere platt" zu stillen. Silverman entlarvte die 25-jährige Spears - auf trostlos unwitzige Weise - als "eine, die bereits alles erreicht hat, was sie je im Leben erreichen wird". Sie nannte Spears' Söhne "die niedlichsten Fehlentscheidungen aller Zeiten" und imitierte die so oft fotografierte Spear'sche "haarlose Vagina", in dem sie ihre zusammengepresste Lippen seitlich verzog.

Ein unglaublich verheerender Auftritt, vor allem, weil er gegen die Grundregel von hammerharter Verbal-Comedy verstieß: Wetze nie deine Krallen an jemandem, der schwächer ist als du selbst. Man stelle sich das vor: Spears verlässt eine Bühne, auf die man sie zur Selbsterniedrigung geladen hatte, und hört, wie das Publikum einer Frau anerkennend zugrölt, die ihren Niedergang auf die Schippe nimmt. Genauso unglaublich ist es allerdings, dass Spears nicht nur die Einladung annahm, auf diesen Scheiterhaufen zu klettern, sondern auch noch dankbar das Streichholz zückte, um ihn in Brand zu setzen.

Spears lebt unsere Ur-Alpträume aus: splitternackt zur Schule zu kommen oder eine Klassenarbeit schreiben zu müssen, auf die man nicht vorbereitet ist - während um einen herum alle kichern und mit dem Finger auf einen zeigen. Spears tappte in die von MTV gestellte Falle, und in der sitzt sie immer noch, während wir den Videoclip ihres Peinlich-Auftritts via Internet herumreichen.

Aber beim Auslachen allein bleibt es nicht. Daneben gibt es die ebenso harsche wie gerechtfertigte Kritik an ihrer Performance und - schlimmer noch - an ihrem körperlichen Zustand. Nach zwei Kindern und fünf Jahren der Selbstvernachlässigung macht Spears in der Öffentlichkeit keine makellose Figur mehr. Ihr schlecht sitzendes Outfit stellte deutlich sichtbar unter Beweis, dass sie nicht mehr so rank und niedlich ist wie zu ihren Teenagerzeiten. Natürlich sah sie in ihrem Bikini immer noch besser aus als geschätzte 98 Prozent der Amerikaner, die von der Fernsehcouch aus über sie johlten, aber sie ist eben nicht mehr so nackig-makellos wie ein Pornostar. Nach amerikanischem Verständnis bedeutet das: Sie ist fett. Falls Sie sich wundern, dass Ihre Tochter an Essstörungen leidet und ihren Körper hasst: Sie tut das vielleicht, weil sie lesen muss, wie diese in BH und Höschen umhertanzende junge Frau als unattraktiv und aufgedunsen abgekanzelt wird.

Aber warum zum Geier musste Spears wieder einmal unseren schlimmsten Erwartungen entsprechen? Sie hat doch wahrlich schon genug eingesteckt. Ich persönlich vermute, dass sie von einer ehrgeizigen Mutter ins Showbusiness bugsiert wurde, um dann zu einer seltsamen Kreuzung aus Vamp und Jungfrau geformt zu werden, die in Schuluniform Anbagger-Liedchen trällern musste. Ich vermute, dass ihr niemand ein moralisches Orientierungssystem anbot, dass sie nie die Möglichkeit hatte, sich zu einer Persönlichkeit zu entwickeln. Ich vermute, dass sie ein Opfer geradezu grotesker Aufstiegsphantasien ist und nun genau so schnell in das Proleten-Ghetto zurückgespien wird, dem sie dank ihrer erotischen Frühreife so rasch entwuchs.

Ich vermute hingegen nicht, dass irgendjemand sie gezwungen hat, am Sonntag im Fernsehen aufzutreten.

Verschiedene Medienberichte lassen den Schluss zu, das Spears selbst darauf bestand, im Bikini-Aufzug zu erscheinen, vielleicht in der pawlowschen Überzeugung, dass derartige Outfits ihr in der Vergangenheit hechelnden Beifall bescherten.

Aber vielleicht suchte sie auch gar keinen Beifall. Vielleicht steht diese Frau inzwischen so neben sich, dass sie das alles nicht mehr interessiert. Andere VMA-Berichte verzeichnen, dass Spears mit stundenlanger Verspätung zu den Proben erschien, Margaritas trank und so lustlos mitübte, dass einige der Tanzelemente von vornherein gestrichen werden mussten.

Die Pop-Kultur bedient sich bei demselben blonden Prototyp

Diese Berichte lassen auch vermuten, dass Spears, was auch immer sie sich im Vorfeld ihres Auftritts erhofft hatte, von dem brutalen Echo darauf peinlichst berührt war. Ihre Reaktion war die übliche: nach Las Vegas abzuhauen. Und so dreht sich die elende Abwärtsspirale munter weiter.

Es mutet geradezu ekelhaft an, dass sich unsere Pop-Kultur zunehmend bei demselben Prototypen bedient, wenn es um die Definition junger Frauen geht. Vor zwei Wochen schrieb ich über die üblen Verrisse, mit denen "Miss Teen USA" Lauren Caitlin Upton überhäuft wurde. Im Internet machte man sich über ihre schwachsinnige Antwort auf die Frage lustig, weshalb US-Schulkinder auf einer Weltkarte ihr Land nicht mehr finden.

Einen Tag später prahlte Upton damit, wie berühmt sie jetzt sei. Ihre Kritiker seien ja nur neidisch. Mit ihrer Rolle als inkarnierter doofen Blonden schien sie vollauf zufrieden. Solange sie Phantasien von kichernder Mädchenhaftigkeit bedient, verschafft ihr dies Aufmerksamkeit - und das allein zählt.

Als ich klein war, erzählte mir meine Mutter eine Geschichte, die sie an einem See im Norden von Maine selbst erlebt hatte: Ein paar Männer saßen in einem Motorboot und hetzten einen Elch durch den See. Sie hetzten ihn und hetzten ihn und hetzten ihn, bis der Elch so abgekämpft und ängstlich war, dass er ertrank. Genau das war der Plan gewesen: Man quälte ein Tier zu Tode, das zu blöde war, um ans Ufer zu schwimmen, damit die Jungs im Boot ihren Spaß hatten.

Eine traurige Geschichte, und ich musste an diesen Elch denken, als ich Spears bei den VMAs sah: angelockt, eingefangen, begafft. Ich hasse MTV, weil sie Spears dazu anstifteten, ich hasse mich selbst und jeden, der zuguckte, als diese Saat aufging. Aber so wütend mich das Ganze auch macht: Der Elch ist wenigstens nicht im Strass-Bikini vor das Boot gesprungen.



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Seite 1
Coolie, 14.09.2007
1.
Zitat von sysopNach ihrem misslungenen Auftritt bei den MTV Awards hagelte es Häme und Spott für Britney Spears. Ist die Öffentlichkeit zu hart mit der 25-Jährigen ins Gericht gegangen?
Nein. Wie jeder, der sich in der Öffentlichkeit mehr oder weniger gelungen zur Schau stellt, sollte sich auch der Kritik stellen. Und die ist in diesem Fall gerechtfertigt.
Axelino, 14.09.2007
2.
Also ich versteh die Aufregung nicht. So mancher Superstar piepst auch nur so vor sich hin. Und ich kann an Britney Spears Körper keinen Makel entdecken. Sie hat genau die richtigen Masse. Mir hat ihr Auftritt gefallen, er war so herrlich unperfekt.
Frank Wagner, 14.09.2007
3.
Zitat von sysopNach ihrem misslungenen Auftritt bei den MTV Awards hagelte es Häme und Spott für Britney Spears. Ist die Öffentlichkeit zu hart mit der 25-Jährigen ins Gericht gegangen?
Ich weiß nicht, mir tut sie inzwischen nur noch leid und ich habe so das Gefühl dass die Geschichte eher früher als später ein entgültiges Ende finden wird. Die Frau ( oder eigentlich das Mädchen ) hatte ja wirklich nie eine Chance, sich zu einem Erwachsenen Menschen zu entwickeln.
Talaronintermix, 14.09.2007
4.
Ich finde das völlig übertrieben. Sie hat einiges nicht richtig gemacht, der Auftritt mag schlecht gewesen sein aber nun täglich über sie herzuziehen finde ich daneben. Desweiteren haben Medien auch eine gewisse Verantwortung, sie heben den Star hoch und können ihn wie bei Mrs Spears sie dann wieder fallen lassen, ins unendliche. Das dann später einige Stars Drogen Probleme bekommen, resultiert sicherlich auch aus dieser Schieflage. Ausserdem springen viele Leute einfach nur einem Trend auf. Arm sowas.
Atkins 14.09.2007
5.
Zitat von sysopNach ihrem misslungenen Auftritt bei den MTV Awards hagelte es Häme und Spott für Britney Spears. Ist die Öffentlichkeit zu hart mit der 25-Jährigen ins Gericht gegangen?
Ohje...nach E.Herman nund ein neues prominentes Medienopfer. Eine uebertrifft die Andere in Peinlichkeit der Auftritte und SpOn hat ein Sommerloch im Herbst gefunden.
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