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14. September 2007, 11:28 Uhr

Abstieg eines Superstars

Britneys Tanz auf dem Scheiterhaufen

Mit ihrem schmerzhaft peinlichen Auftritt beim Musiksender MTV erreichte Britney Spears' Karriere einen neuen Tiefpunkt. Die US-Autorin Rebecca Traister analysiert den Abstieg des Ex-Stars und erklärt, warum wir Spears' Debakel so schaurig-fasziniert verfolgen.

Los Angeles - Man möchte kaum glauben, dass es tatsächlich noch etwas über Britney Spears zu sagen gibt. Aber genau so ist es - leider. Spears ist mittlerweile ein Symbol für etwas geworden, das immer wieder seine hässliche Fratze zeigt. An ihrem Beispiel wird die Verachtung deutlich, die unsere Kultur für Frauen ihres Schlages empfindet: Wenn sie jung sind, werden sie gehätschelt und hochgesext, nur um sie wenig später runterzumachen und abzustrafen. Natürlich repräsentiert Spears auch die jugendlich-weibliche Bereitschaft - sei's nun aufgrund von Dämlichkeit oder Manipulation - genau dieser herabsetzenden Erwartungshaltung zu entsprechen.

Am vergangenen Wochenende war bei den MTV Awards zu besichtigen, was mit Spears geschehen ist - und was sie aus sich gemacht hat. Es fiel nicht ganz leicht, sich das anzuschauen. Es war ein fulminantes Beispiel dafür, wie viel boshafte Befriedigung man aus der peinlichen Selbstdemontage eines suchtkranken, unkontrollierbaren, menschlichen Wracks mit postnatalen Depressionen zu ziehen vermag. Genauso traurig ist es allerdings, dass die junge Musikerin nicht das geringste Interesse daran zu haben scheint, diesen Zustand zu beenden.

Seit mehr als einem Jahr dauert die vom Boulevard chronistisch begleitete Abwärtsspirale nun schon an. Dazu gehörten Gerüchte über Alkohol- und Drogenmissbrauch, ein von einer Schädelrasur gekrönter Nervenzusammenbruch, ein paar Reha-Stippvisiten, Besuche vom Jugendamt und jede Menge genitale Entblößung. MTV sah es also an der Zeit, sein jährliches "Video Music Awards"-Spektakel (VMA) mit einer Comeback-Eröffnungsnummer der 25-Jährigen an den Mann zu bringen.

Warum man das für eine gute Idee hielt, übersteigt meinen Horizont. Sicher, einst war dieses Event Schauplatz eines medialen Coups, als eine jüngere, vitalere Spears mit Madonna auf Zunge knutschte - letztere selbst eine VMA-Veteranin, die sich in grauer Vorzeit einen Namen mit Kopulationstrockenübungen in Brautstaffage auf just dieser Bühne gemacht hatte.

Aber jene schlagzeilenträchtigen Auftritte waren eingebunden in perfekt ausgeführte, aufs i-Tüpfelchen inszenierte Musikchoreografien, eigens erdacht, um clevere Popmusik ansprechend zu präsentieren. Hätte es irgendein Anzeichen dafür gegeben, dass es Spears mit einem Comeback ernst ist, irgendeine Verlautbarung, dass ihr neuer Song musikalische Exzellenz aufweist, nur das geringste Indiz, dass sie ausreichend vorbereitet war, auf die Bühne und vor ein Millionenpublikum zurückzukehren - dann wäre dieser Auftritt eine gute Idee gewesen.

Die Zuschauer wollten sehen, wie sich Spears zum Affen macht

Doch jedem, der im Supermarkt die Schlagzeilen von Trash-Magazinen scannt, musste bewusst sein, was Spears in den vergangenen Wochen getrieben hatte: Sie trank, sagte ein Duett mit ihrem Ex ab (dem ungleich erfolgreicheren Justin Timberlake), heulte in aller Öffentlichkeit, lieferte sich Gefechte mit ihren entfremdeten Eltern (die Spears als Kind ins Pop-Fegefeuer schmissen und sich jetzt als ums Wohl der Spears-Söhne besorgte Großeltern gebärden) und hatte Dates mit einem extrem schmierigen "Magier" namens Criss Angell.

Jeder, MTV und Britney Spears inklusive, war sich dieser Tatsachen bewusst. Niemand konnte ernsthaft der Meinung sein, Spears würde das zeigen können, was früher ihren Erfolg ausmachte: eingängigen Pop und einen Live-Auftritt, bei dem sie körpergestählt minutiös getimte Tanznummern lieferte.

Spears wurde von MTV als Lockstoff für Zuschauer angeheuert, die sehen wollten, wie sie sich zum Affen macht. Und sie war willige Komplizin dieser öffentlichen Zurschaustellung: Ganz offensichtlich hatte sie sich nicht vorbereitet, nicht mal den Text ihres Songs auswendig gelernt, nicht die Tanzschritte, die sie ausführen sollte.

Spears' Vorstellung war unterirdisch. Angetan mit einem unvorteilhaften Glitzer-Bikini, stolperte und wackelte sie über die Bühne, guckte dabei orientierungslos und verwirrt drein. Während des Großteils der Performance bewegte sie sich kaum, dann trottete sie zaghaft über die Bühne, um sie herum wirbelten derweil ihre Tänzer. An die Worte des Songs, zu dessen Playback sie die Lippen bewegte, erinnerte sie sich kaum und entschloss sich schließlich, das auch nicht mehr vorzutäuschen.

Dankbar entzündete Spears ihren eigenen Scheiterhaufen

Die Kamera fing ein, wie die VMA-Gäste diese Vorstellung ungläubig bestaunten. Nach dem Britney-Auftritt trat schließlich Sarah Silverman auf den Plan, die Gier des Publikums nach "ein Mädel macht das andere platt" zu stillen. Silverman entlarvte die 25-jährige Spears - auf trostlos unwitzige Weise - als "eine, die bereits alles erreicht hat, was sie je im Leben erreichen wird". Sie nannte Spears' Söhne "die niedlichsten Fehlentscheidungen aller Zeiten" und imitierte die so oft fotografierte Spear'sche "haarlose Vagina", in dem sie ihre zusammengepresste Lippen seitlich verzog.

Ein unglaublich verheerender Auftritt, vor allem, weil er gegen die Grundregel von hammerharter Verbal-Comedy verstieß: Wetze nie deine Krallen an jemandem, der schwächer ist als du selbst. Man stelle sich das vor: Spears verlässt eine Bühne, auf die man sie zur Selbsterniedrigung geladen hatte, und hört, wie das Publikum einer Frau anerkennend zugrölt, die ihren Niedergang auf die Schippe nimmt. Genauso unglaublich ist es allerdings, dass Spears nicht nur die Einladung annahm, auf diesen Scheiterhaufen zu klettern, sondern auch noch dankbar das Streichholz zückte, um ihn in Brand zu setzen.

Spears lebt unsere Ur-Alpträume aus: splitternackt zur Schule zu kommen oder eine Klassenarbeit schreiben zu müssen, auf die man nicht vorbereitet ist - während um einen herum alle kichern und mit dem Finger auf einen zeigen. Spears tappte in die von MTV gestellte Falle, und in der sitzt sie immer noch, während wir den Videoclip ihres Peinlich-Auftritts via Internet herumreichen.

Aber beim Auslachen allein bleibt es nicht. Daneben gibt es die ebenso harsche wie gerechtfertigte Kritik an ihrer Performance und - schlimmer noch - an ihrem körperlichen Zustand. Nach zwei Kindern und fünf Jahren der Selbstvernachlässigung macht Spears in der Öffentlichkeit keine makellose Figur mehr. Ihr schlecht sitzendes Outfit stellte deutlich sichtbar unter Beweis, dass sie nicht mehr so rank und niedlich ist wie zu ihren Teenagerzeiten. Natürlich sah sie in ihrem Bikini immer noch besser aus als geschätzte 98 Prozent der Amerikaner, die von der Fernsehcouch aus über sie johlten, aber sie ist eben nicht mehr so nackig-makellos wie ein Pornostar. Nach amerikanischem Verständnis bedeutet das: Sie ist fett. Falls Sie sich wundern, dass Ihre Tochter an Essstörungen leidet und ihren Körper hasst: Sie tut das vielleicht, weil sie lesen muss, wie diese in BH und Höschen umhertanzende junge Frau als unattraktiv und aufgedunsen abgekanzelt wird.

Aber warum zum Geier musste Spears wieder einmal unseren schlimmsten Erwartungen entsprechen? Sie hat doch wahrlich schon genug eingesteckt. Ich persönlich vermute, dass sie von einer ehrgeizigen Mutter ins Showbusiness bugsiert wurde, um dann zu einer seltsamen Kreuzung aus Vamp und Jungfrau geformt zu werden, die in Schuluniform Anbagger-Liedchen trällern musste. Ich vermute, dass ihr niemand ein moralisches Orientierungssystem anbot, dass sie nie die Möglichkeit hatte, sich zu einer Persönlichkeit zu entwickeln. Ich vermute, dass sie ein Opfer geradezu grotesker Aufstiegsphantasien ist und nun genau so schnell in das Proleten-Ghetto zurückgespien wird, dem sie dank ihrer erotischen Frühreife so rasch entwuchs.

Ich vermute hingegen nicht, dass irgendjemand sie gezwungen hat, am Sonntag im Fernsehen aufzutreten.

Verschiedene Medienberichte lassen den Schluss zu, das Spears selbst darauf bestand, im Bikini-Aufzug zu erscheinen, vielleicht in der pawlowschen Überzeugung, dass derartige Outfits ihr in der Vergangenheit hechelnden Beifall bescherten.

Aber vielleicht suchte sie auch gar keinen Beifall. Vielleicht steht diese Frau inzwischen so neben sich, dass sie das alles nicht mehr interessiert. Andere VMA-Berichte verzeichnen, dass Spears mit stundenlanger Verspätung zu den Proben erschien, Margaritas trank und so lustlos mitübte, dass einige der Tanzelemente von vornherein gestrichen werden mussten.

Die Pop-Kultur bedient sich bei demselben blonden Prototyp

Diese Berichte lassen auch vermuten, dass Spears, was auch immer sie sich im Vorfeld ihres Auftritts erhofft hatte, von dem brutalen Echo darauf peinlichst berührt war. Ihre Reaktion war die übliche: nach Las Vegas abzuhauen. Und so dreht sich die elende Abwärtsspirale munter weiter.

Es mutet geradezu ekelhaft an, dass sich unsere Pop-Kultur zunehmend bei demselben Prototypen bedient, wenn es um die Definition junger Frauen geht. Vor zwei Wochen schrieb ich über die üblen Verrisse, mit denen "Miss Teen USA" Lauren Caitlin Upton überhäuft wurde. Im Internet machte man sich über ihre schwachsinnige Antwort auf die Frage lustig, weshalb US-Schulkinder auf einer Weltkarte ihr Land nicht mehr finden.

Einen Tag später prahlte Upton damit, wie berühmt sie jetzt sei. Ihre Kritiker seien ja nur neidisch. Mit ihrer Rolle als inkarnierter doofen Blonden schien sie vollauf zufrieden. Solange sie Phantasien von kichernder Mädchenhaftigkeit bedient, verschafft ihr dies Aufmerksamkeit - und das allein zählt.

Als ich klein war, erzählte mir meine Mutter eine Geschichte, die sie an einem See im Norden von Maine selbst erlebt hatte: Ein paar Männer saßen in einem Motorboot und hetzten einen Elch durch den See. Sie hetzten ihn und hetzten ihn und hetzten ihn, bis der Elch so abgekämpft und ängstlich war, dass er ertrank. Genau das war der Plan gewesen: Man quälte ein Tier zu Tode, das zu blöde war, um ans Ufer zu schwimmen, damit die Jungs im Boot ihren Spaß hatten.

Eine traurige Geschichte, und ich musste an diesen Elch denken, als ich Spears bei den VMAs sah: angelockt, eingefangen, begafft. Ich hasse MTV, weil sie Spears dazu anstifteten, ich hasse mich selbst und jeden, der zuguckte, als diese Saat aufging. Aber so wütend mich das Ganze auch macht: Der Elch ist wenigstens nicht im Strass-Bikini vor das Boot gesprungen.

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