Flüchtling Pouya zurück in Afghanistan "Ich habe Angst vor dem, was hier passieren kann"

Der afghanische Künstler Ahmad Shakib Pouya war in Deutschland voll integriert - und musste dennoch ausreisen. Im Interview erzählt er von seinen Ängsten und seiner Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr.
Von Zahra Sadat
Ahmad Shakib Pouya in Afghanistan

Ahmad Shakib Pouya in Afghanistan

Ahmad Shakib Pouya arbeitete in der afghanischen Provinz Herat in einem Krankenhaus, das von Franzosen betrieben wurde. Radikale Islamisten bedrohten den Zahnarzt, deshalb floh er schließlich aus seiner Heimat.

2011 kam Pouya nach Deutschland. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, doch bis vor Kurzem hatte er zumindest eine Duldung. Pouya war integriert, er hatte eine Freundin, er arbeitete ehrenamtlich in der Flüchtlingsberatungsstelle der IG Metall, er spielte die Hauptrolle in der Mozart-Oper "Zaide" , er trat sogar vor Bundespräsident Gauck auf. Dennoch sollte er abgeschoben werden.

Künstler, Menschenrechtler und Politiker setzten sich für ihn ein - vergeblich. Da mit der Abschiebung eine Wiedereinreisesperre in Kraft getreten wäre, reiste Pouya Ende Januar freiwillig aus. Unfreiwillig freiwillig, sozusagen.

Pouya hofft auf ein Visum und eine baldige Rückkehr nach Deutschland. Er hat mehrere Jobangebote vorliegen, unter anderem vom Staatstheater am Gärtnerplatz. Der Musiker Albert Ginthör hatte ihn zur Unterstützung nach Kabul begleitet. Ginthör ist inzwischen zurück in Deutschland, Pouya harrt in Afghanistanaus.

SPIEGEL ONLINE: Herr Pouya, wie geht es Ihnen?

Ahmad Shakib Pouya: Ich habe Angst, ich verstecke mich. In dem Land, in dem ich geboren bin, kann ich nicht raus auf die Straße gehen, frische Luft atmen, den Himmel sehen. Ich hoffe, dass die große Unterstützung mir die Wiedereinreise nach Deutschland ermöglicht. Aber ich mache mir Sorgen, dass dieses Verfahren sehr lange dauert. Und ich habe Angst vor dem, was hier passieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie bedroht, seit Sie wieder in Afghanistan sind?

Pouya: Auch persische Medien haben über mich berichtet, meine Freunde und Familie sind von Bekannten schon auf mich angesprochen worden. Viele wissen, dass ich wieder in Afghanistan bin, deswegen habe ich Angst.

SPIEGEL ONLINE: Wo wohnen Sie jetzt?

Pouya: Zurzeit wohne ich bei Freunden, immer an unterschiedlichen Plätzen. Eine gesicherte Unterkunft kann ich mir nicht leisten. Als mein Begleiter Albert Ginthör noch hier war, lebten wir in einem streng bewachten Hotel, für die Fahrt zur deutschen Botschaft wurden wir in einem gepanzerten Wagen abgeholt.

SPIEGEL ONLINE: In der Botschaft haben Sie ein Visum beantragt.

Pouya: Ja, ich will nach Deutschland zurück. Dort habe ich mir ein neues Leben aufgebaut, dort habe ich meine Frau, Freunde, Kollegen, Arbeit und Sicherheit. Hier habe ich nichts.

SPIEGEL ONLINE: Womit beschäftigen Sie sich in Afghanistan?

Pouya: Ich kämpfe derzeit nicht nur für mein eigenes Recht. Ich will auch über die Situation der Abgeschobenen berichten, obwohl das eine sehr harte Arbeit ist. Ich versuche, diese Leute zu erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Warum tun Sie das?

Pouya: Auf unserem Flug waren auch Flüchtlinge, die aus anderen europäischen Ländern abgeschoben wurden. Ich habe später mitbekommen, dass sie von afghanischen Ermittlern gefragt wurden, welche Verbrechen sie begangen haben. Viele Afghanen, sogar Beamte, glauben, dass nur Kriminelle abgeschoben werden. Aber das stimmt nicht. Ich will zeigen, wie die Betroffenen jetzt leben. Ich will zeigen, dass die afghanische Regierung keine Verantwortung für sie übernimmt. Manche haben keine Verwandten hier, sie haben kein Dach über dem Kopf. Ein Freund von mir, der auch aus Augsburg abgeschoben worden ist, lebt jetzt in Mazar-i-Scharif auf der Straße.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich vom deutschen Staat ungerecht behandelt?

Pouya: Ja, auf jeden Fall. Ich könnte für Deutschland sehr nützlich sein, auch für die Integration anderer Flüchtlinge. Während meiner sechs Jahre in Deutschland hatte ich keinen Anspruch auf einen Sprachkurs oder andere Integrationsangebote, ich hatte keine Arbeitserlaubnis. Aber ich habe mir die Sprache beigebracht, ich habe für Behörden und Gerichte übersetzt, ich habe ehrenamtlich in einer Flüchtlingsberatungsstelle der IG Metall gearbeitet. Ich habe mit meiner Kunst gezeigt, dass ich für Frieden, Menschlichkeit und Freiheit stehe und dass ich bereit bin zu arbeiten. Ich will nicht abhängig sein vom Staat. Aber das alles war nicht genug für die deutschen Behörden.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr Traum für die Zukunft?

Pouya: Ich hoffe, dass ich noch im Februar meine geplanten Theater- und Musikprogramme in Deutschland durchführen kann. Ich will meine Kunst- und Musikaktivitäten weitermachen, und einen Teil meiner Zeit will ich auch ehrenamtlich arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Und was wollen Sie tun, falls Sie kein Visum erhalten?

Pouya: Ich bekomme Unterstützung von Freunden und meiner Familie, aber ich weiß nicht, wie lange ich so leben kann. Ich will nur in Sicherheit sein. Ich versuche, die Hoffnung nicht zu verlieren. Aber ich habe Angst, dass es eines Tages wieder so weit ist, dass ich fliehen muss, um mich in Sicherheit zu bringen.

Ahmad Shakib Pouya hat auch Taliban-kritische Lieder geschrieben und veröffentlicht. Die große Aufmerksamkeit für seine Geschichte, durch die er sich bessere Chancen auf eine Zukunft in Deutschland erhofft, könnte daher in Afghanistan zur Gefahr werden. Er erzählt sie trotzdem weiter. Er hoffe auch, so Pouya, dass die Berichterstattung über seinen Fall die Abschiebung anderer integrierter Flüchtlinge aus Deutschland verhindern könne.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Pouya habe die Hauptrolle in Zaide im Theater am Gärtnerplatz in München gespielt. Dort wurde die Oper jedoch nicht aufgeführt.

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