Al Gore Gestrauchelter Biedermann

Kreuzbrav aber glücklich wirkte Amerikas Ex-Vizepräsident Al Gore stets im Vergleich zu Skandalmagnet Bill Clinton. Das ändert sich nun schlagartig: Die Polizei ermittelt wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung. Der Nobelpreisträger dementiert heftig - sein Ruf dürfte trotzdem ruiniert sein.

AP

Von , Washington


Der Präsident unternimmt einen neuen Anlauf. Barack Obama sitzt mit Senatoren beider Parteien im Weißen Haus zusammen, er möchte die Ölkrise am Golf von Mexiko als Chance nutzen, doch noch ein Klimaschutzgesetz im Kongress durchzupeitschen. Die Republikaner sind strikt dagegen, aber Obama mag nicht lockerlassen.

Es werde sonst zu heiß auf der Erde, das sei eine Gefahr für uns alle, so soll die Botschaft des 90-Minuten-Treffens am Dienstag lauten. In der Runde sitzen viele Menschen mit berühmten Namen, doch der wohl berühmteste fehlt: Al Gore, 62, Friedensnobelpreisträger. Für seinen Dokumentarfilm über den Klimawandel, "An inconvenient truth" hieß der, "eine unangenehme Wahrheit", bekam er einen Oscar. Damit rüttelte er die Welt wach, nun wäre der ideale Zeitpunkt, das auch bei seinen Landsleuten zu versuchen. Etwa als Überraschungsgast im Weißen Haus.

Doch von Gore ist in der US-Klimadebatte, die gerade wieder auflebt, derzeit nichts zu hören. Das liegt daran, dass in seinem Leben momentan auch eine Menge heiße Sachen passieren - die aber gar nichts mit Erderwärmung zu tun haben. Einige davon könnten sich als unangenehme Wahrheit über Al Gore entpuppen.

"Al-Gore-Hasser hatten eine gute Woche"

Denn der einstige Saubermann im Weißen Haus - dessen weiße Weste als treuer Ehemann und liebevoller Vater umso heller strahlte, desto mehr sich Präsident Bill Clinton in Skandale verstrickte - läuft seinem einstigen Boss in Sachen Schmuddeligkeit gerade den Rang ab. Gores Saubermann-Image hat eine Menge Kratzer bekommen. "Al-Gore-Hasser hatten eine gute Woche", höhnt der Blog "Political Cortex".

Das kann man wohl sagen: Erst mussten Al und Tipper Gore nach fast über 40 Ehejahren verkünden, dass sie nun getrennte Wege gehen. "Nach intensivem Nachdenken und Diskussionen haben wir beschlossen, uns zu trennen", schrieben sie an Freunde. Mehr wollten sie nicht sagen.

Nun hat die Polizei im US-Bundesstaat Oregon die Ermittlungen gegen Gore aufgenommen. Wegen möglicher sexueller Belästigung einer Masseurin. Der Friedensnobelpreisträger dementiert nachdrücklich, dass die Vorwürfe der Frau zutreffen - sein Ruf dürfte dennoch unrettbar beschädigt sein.

"Rothaarige Masseurin"

Stückchenweise sickerte nach der Bekanntgabe der Trennung des Paares Gore durch, was Ursache des Eheendes gewesen sein könnte. Zunächst kursierten Gerüchte, Al habe mit Laurie David - der Ex-Frau des berühmten TV-Komikers Larry David - nicht nur seinen Oscar-gekrönten Dokumentarfilm produziert.

David wies zwar alle Affärengerüchten umgehend zurück. Doch kurz darauf folgten eben die Vorwürfe jener "rothaarigen Masseurin", Gore habe sie bereits 2006 in einem Hotel sexuell belästigt. Ihre Aussage, 73 Seiten lang, wurde zunächst von den Behörden verworfen. Nicht zuletzt, weil die Frau ein erhebliches Glaubwürdigkeitsproblem hat: Sie versuchte, ihre Sicht der Dinge für eine Million Dollar an die berüchtigte Klatschpostille "National Enquirer" zu verhökern - die schon durch die Enthüllung der außerehelichen Aktivitäten des Ex-Präsidentschaftskandidaten John Edwards gepunktet hatte.

Der "Enquirer" verweigerte die Zahlung, sicherte sich aber in bewährter Spürhundmanier die Polizeiakten. "Al Gore Sex Attack", schrie es später von der Titelseite. So konnte die ganze Nation lesen, wie Gore angeblich um schmutzigere Massagen gebettelt habe. Dass die Masseurin sich selbst gerne als "Großmutter" bezeichnet und Gore als "verrückten Sexpudel", macht die Sache nicht besser.

Unbestritten ist, dass die Dame Gore massierte - 540 Dollar zahlte das Nobelhotel, in dem der Ex-Vize abstieg, ihr dafür als Honorar, plus 20 Prozent Trinkgeld. Gore erinnert sich auch durchaus an die Massage, sagt er. Jedoch, wenig überraschend, nicht an die angeblichen Sexspiele. Als Zeitungen früher schon einmal über die Vorwürfe der Masseurin berichten wollte, verhinderten Gores Anwälte dies. "Ihnen ist klar, dass jedermann, der Al und Tipper Gore gut kennt, die Integrität ihrer 37 Jahre langen Ehe bestätigen kann", drohten sie in Briefen.

Bewiesen ist nichts. Es reicht ja, dass ein Image zerstört wird

Doch das Argument zieht ja nun nicht mehr. Heraus kam zudem, dass die Gores kurz nach den ersten Anschuldigungen der Masseurin große Teile ihres beträchtlichen Vermögens umstrukturierten - in einer Weise, die nach Ansicht von Experten die Werte vor dem Zugriff von Klägern sichern soll.

Das allein beweist natürlich nichts. Doch vielleicht muss es das auch gar nicht. Es reicht ja, dass ein Image zerstört wird.

Gore hatte lange die Reputation eines eher langweiligen, verkopften Charakters. Er sagte Sätze wie: "Ich liebe meine Frau von ganzem Herzen, seit der Nacht meines Abschlussballs in der Schule." Vor Reportern prahlte er sogar, er und Tipper seien die Vorlage für den Film "Love Story" gewesen, eine Filmschnulze über zwei Liebhaber aus unterschiedlichen sozialen Milieus. Dass der Regisseur des Streifens das schlicht verneinte, war etwas peinlich. Aber Gores offensichtliche Verliebtheit auch wieder ganz süß.

Der gewiefte Stratege setzte seine scheinbar perfekte Ehe aber auch immer als politisches Instrument ein. So grenzte er sich von der seltsamen Zweckgemeinschaft der Clintons ab. Schließlich hat Gore bis zuletzt immer wieder mit einem Comeback geliebäugelt, einer Revanche für seine bittere Wahlniederlage im Jahr 2000 gegen George W. Bush - allen Erfolgen als Klimaschützer, Nobelpreisträger und Oscar-Gewinner zum Trotze.

"Ich versuche doch gerade, mich von der Politik zu erholen", sagte er dem SPIEGEL, als der ihn voriges Jahr interviewte, er blickte dabei lange auf seine schwarzen Cowboystiefel. Dann fügte er hinzu: "Aber es besteht natürlich immer die Gefahr eines Rückfalls." Ein Comeback scheint nun aber erledigt, egal wie viel von den Affären belegt wird. Ohne Tipper wird aus Al nichts mehr. Er kann eigentlich nur noch darauf hoffen, irgendwann mal wieder wenigstens nur als Langweiler zu gelten - nicht als Wüstling.

Im Internet kursieren schon Computeranimationen des vermeintlichen Massageskandals. Gore muss unterdessen mit ansehen, wie sein einstiger Chef doch wieder vorne liegt: Wüstling Bill ist noch immer mit Hillary verheiratet. Und diesen Sommer darf er als stolzer Brautvater gar Tochter Chelsea zum Altar geleiten.

Die Ehe von Gores Tochter Karenna ist hingegen gerade ebenfalls öffentlich zerbrochen. Wie gesagt: Es läuft gerade nicht gut für Al Gore.



insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
ray4901 01.07.2010
1. Verwechslung?
Zitat von sysopKreuzbrav aber glücklich wirkte Amerikas Ex-Vizepräsident Al Gore stets im Vergleich zu Skandalmagnet Bill Clinton. Das ändert sich nun schlagartig: Die Polizei ermittelt wegen des Vorwurf der sexuellen Belästigung. Der Nobelpreisträger dementiert heftig - sein Ruf dürfte trotzdem ruiniert sein. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,703697,00.html
Handelt es sich sicher nicht um eine Verwechslung mit einem Schweizer Wetterfrosch ohne Nobelpreis?
J. Knau 01.07.2010
2. -
Beschuldigung reicht um den Ruf zu ruinieren. Was für eine Welt. Ich finde wir sollten pauschal jeden Mann und jede Frau wegen sexueller Belästigung anzeigen! Dann ist der Ruf von allen gleich ruiniert. Begründet oder nicht zählt in unserer Welt sowie so nichts mehr.
DonCarlos 01.07.2010
3. Ja und?
Zitat von sysopKreuzbrav aber glücklich wirkte Amerikas Ex-Vizepräsident Al Gore stets im Vergleich zu Skandalmagnet Bill Clinton. Das ändert sich nun schlagartig: Die Polizei ermittelt wegen des Vorwurf der sexuellen Belästigung. Der Nobelpreisträger dementiert heftig - sein Ruf dürfte trotzdem ruiniert sein. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,703697,00.html
Reden wir übers Wetter.
Hubert Rudnick, 01.07.2010
4. Was die Medien alles aus einem Mann machen
Zitat von sysopKreuzbrav aber glücklich wirkte Amerikas Ex-Vizepräsident Al Gore stets im Vergleich zu Skandalmagnet Bill Clinton. Das ändert sich nun schlagartig: Die Polizei ermittelt wegen des Vorwurf der sexuellen Belästigung. Der Nobelpreisträger dementiert heftig - sein Ruf dürfte trotzdem ruiniert sein. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,703697,00.html
-------------------------------------------------------- Dieser Mann ist doch nur von den Medien so gestaltet worden, nichts am ihm ist echt. Auch die Auszeichnung mit dem Friedensnoblpreis was nur eine Farce. HR
Quagmyre 01.07.2010
5. Al Gore
Zitat von sysopKreuzbrav aber glücklich wirkte Amerikas Ex-Vizepräsident Al Gore stets im Vergleich zu Skandalmagnet Bill Clinton. Das ändert sich nun schlagartig: Die Polizei ermittelt wegen des Vorwurf der sexuellen Belästigung. Der Nobelpreisträger dementiert heftig - sein Ruf dürfte trotzdem ruiniert sein. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,703697,00.html
ich finde es schade, dass man Al Gore mit solchen Geschichten an den Karren fährt. Der Mann sollte vielmehr wegen seinen IPCC-Tätigkeiten und der Klimalüge, die von Wirtschaft und Politik nur allzu gern instrumentalisiert wird, belangt werden.
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