Anastassja Luppowa Billard-Zarin im Macholand

"Kugeln einlochen? Das kann ich auch!" Anastassja Luppowa hat als Billardspielerin Karriere gemacht, brachte es sogar bis zur Europameisterin. Doch ein kleines Problem bleibt: Die schöne Russin will kein Sexsymbol sein.

Aus Moskau berichtet


Moskau - Anastassja Luppowa ist kein Sexsymbol. Sagt sie. Bei der russischen Zeitschrift "Moulin Rouge" muss man anderer Meinung gewesen sein.

Die Bilder der schönen Billardspielerin, mit denen das Magazin kürzlich aufmachte - Anastassja mit lockendem Blick, epischem Ausschnitt - nahmen nach der Veröffentlichung sofort den Weg ins Internet. "Ich bin ja oft im Billardsalon, aber manchmal sieht man da Dinge, da kannst du das Kamasutra vergessen", schwärmte ein anonymer Kommentator im Web-Forum.

Anastassja, zweimalige Europameisterin im Billard, ist immer noch außer sich. Zu Beginn des Shootings habe sie sich dagegen verwahren müssen, nackt fotografiert zu werden: "Und dann haben sie mir später den Busen vergrößert, mit Photoshop!" Ihrem Vater, der Hunderte Kilometer von Moskau entfernt in Kasan an der Wolga lebt, musste Anastassja am Telefon auseinandersetzen, was das denn bitte für Fotos seien.

Am Billardtisch steht an diesem kalten Moskauer Abend eine ganz andere Anastassja als die auf den Fotos: Die 23-Jährige hat ihre braunen langen Haare zurückgesteckt, trägt eine schlichten Pullover, eine schwarze Hose. Sie spielt hervorragend Billard.

Sicher, es sieht nun einmal verdammt gut aus, wie sie ihren Billardstock greift, sich tief über den grünen Samt beugt - ihr Kinn liegt fast auf dem Queue - dann ihr linkes Bein auf die Tischkante hebt und die Kugel mit der Nummer 8 stößt: Die rollt mit Effet auf die 5 zu - klack - dann kommt sie wieder zurück und schießt ins Loch unter Anastassjas Bein. Die Fünf landet in der gegenüberliegenden Ecke. Was bei Snooker und Pool Grund zum Ärger wäre, ist hier erlaubt. Das Spiel heißt "russisches Billard": Als Anastassja auf der Krim den Titel "Miss Billard 2008" errang, schauten ihr Zehntausende Russen vor dem Fernseher zu.

Auftritt in Lack und Leder

Frauenbillard gehört in Russland zu den populärsten TV-Sportarten, und der Kanal "Rossija Sport" bemüht sich nach Kräften, den Sexfaktor zu steigern. Für das "Miss Billard"-Turnier auf der Krim befreite der Sender die Spielerinnen von den eigentlich strengen Kleidervorschriften. "Zieht an, was euch gefällt", bekam Anastassja zu hören. Daraufhin traten einige "Billjardistki" in kurzen Röcken, schwarzen Lackstiefeln mit Absätzen und tief ausgeschnittenen Blusen an. Für Anastassja, zu der Freunde Nastja sagen, ist das "mauveton", schlechter Stil. "Glücklich waren vor allem die Kameramänner", sagt sie. Anastassja wirkte mit Hose und Weste im Vergleich zu den anderen wie eine Klosterschülerin. Sie gewann das Turnier.

Seit Anastassja Luppowa das Queue zum ersten Mal in die Hand nahm, kämpft sie gegen die Vorurteile der Männer. "Die Machos sehen das doch so: Eine Frau, das geht gerade noch so. Aber wozu braucht sie ein Queue?", sagt sie.

2001, damals war sie 15 Jahre alt, besuchte Anastassja ihren Vater in einem Sanatorium und schaute ihm beim Billardspielen zu. "So gut will ich auch werden", beschloss sie. Aber in Kasan, 800 Kilometer von Moskau entfernt, waren die einzigen Frauen im Billardsalon die aufgetakelten Begleiterinnen der Männer, die nur dabei sein durften, um zu applaudieren. Anastassja sagt, sie habe gehört, wie diese Frauen über sie lästerten, als sie für die Meisterschaft von Tatarstan trainierte. "Schau nur, wie sie sich nach vorne beugt! Die will doch nur Männer klarmachen", lästerten die Tee trinkenden Tussis. "In Russland haben Frauen erst in den neunziger Jahren angefangen, Billard zu spielen, sagt Luppowa. "Deshalb nimmt man uns nicht immer ernst."

Aus Wut das Queue zertrümmert

Anastassja Luppowa hat sich auch bei Skeptikern Respekt verschafft: Sie ist Europa-Champion und russische Meisterin, beides zweifach. Vor einigen Monaten zerschlug ein Kasache bei einem Turnier in Astana vor Wut sein Queue über dem Billardtisch, nachdem Luppowa ihn besiegt hatte.

Bei den Billardliebhabern, die an diesem Abend im "Moskauer Billardsalon" rund um die acht Tische stehen oder in Sesseln fläzen und Zigarre rauchen, scheint Luppowa voll akzeptiert zu sein. Man begrüßt sie mit "High Five", jeder spielt gerne mal eine Partie mit ihr, aber wütend wird niemand, wenn er verliert. Zum Spielen kommt Luppowa heute allerdings kaum: Über eine Stunde lang ist sie damit beschäftigt, jedem der Anwesenden eine persönliche Widmung in die aktuelle Ausgabe des Hochglanzmagazins "Biljard" zu schreiben, das Anastassja mit einem mehrseitigen Porträt huldigt.

Im Verbreitungsraum des "Russischen Billard", also von Moldawien bis Kasachstan, ist Anastassja momentan die unangefochtene Nummer eins.

Die einzige, die ihr gefährlich werden könnte, ist Diana Mironowa - aus der nächsten Generation. Mironowa ist 12 Jahre alt. Bei der Moskauer Meisterschaft stand es schon 2:2 und Anastassja kurz vor einer Niederlage. Aber dann kamen die Fernsehkameras dazu - und die 12-Jährige "machte eine Abfahrt", wie es hier heißt, wenn jemand die Nerven verliert.

"Nastja spielt Billard wie die Italiener ihren Catenaccio-Fußball: Sie locht eine Kugel ein, und dann wartet sie, bis der Salon zumacht", witzelt ihr Freund Pawel. Für diese Strategie wird sie von ihren Gegnerinnen verflucht.

Luppowa übt täglich mehrere Stunden, will immer besser werden. Für den Fall, dass die nachwachsende Konkurrenz doch zu stark wird, hat sie Plan B und C in der Tasche: Plan B könnte ihr Juradiplom sein, das sie gerade erhalten hat. Dass sie bald von acht Uhr früh bis bis sechs Uhr abends in einer Anwaltskanzlei sitzen wird, ist aber unwahrscheinlich. Sie sei eine Nachteule, sagt Luppowa, und verbringt die Zeit, in der andere schlafen, am liebsten am grünen Tisch.

Deshalb heißt Plan C: Poker. Die schlechten Preisgelder im Billard hat sich Anastassja schon in den letzten Monaten immer wieder mit einigen Partien "Texas Hold'em" aufgebessert, 100.000 Rubel (3000 Euro) Preisgeld binnen einer Woche. Warum sie gewinnt? Anastassja zuckt mit den Schultern. "Beim Pokern entscheiden die gleichen Fähigkeiten wie im Billard: Ruhe, Konzentration", meint sie. Mit dem Dekolleté habe das alles jedenfalls nichts zu tun.



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