Patricia Dreyer

Die Royals nach Andrews Rückzug Besser ohne ihn

Prinz Andrew steckt tief im Epstein-Skandal, nun ziehen die Windsors Konsequenzen und schieben ihn hinter die Kulissen. Das reicht aber nicht.
Prinz Andrew, Duke of York: "Bis auf Weiteres" keine royalen Pflichten

Prinz Andrew, Duke of York: "Bis auf Weiteres" keine royalen Pflichten

Foto: Dan Kitwood/ Getty Images

Mit der Monarchie ist es wie mit Avocados: Wer sie nicht mag, dem fällt es leicht, gute Gründe dagegen aufzuzählen. An Geschmack hat sie wenig zu bieten, der Hype darum ist Quatsch, der Massenanbau eine ökologische Sünde. Eigentlich ist sie nur eine glorifizierte Fettbombe. Wozu eigentlich Avocados?

Wozu Monarchie? Für die Mehrzahl der Briten liegt die Antwort auf der Hand: Die Monarchie ist eine stete Erinnerung an die größte Zeit ihrer Geschichte. Wenn die Wimpel wehen, die Pferdekutschen samt Eskorte über die Londoner Prachtstraße Mall gen Buckingham Palace donnern, sich Frauen mit kuriosen Hüten und Männer in operettenhaften Uniformen zum Winken auf dem Balkon versammeln - dann ist das Gaudi, Geschichtsunterricht und eine Message. Seht her, wir Briten waren mal wer, und sind wir es nicht eigentlich immer noch?

Gesammelte Windsors auf dem Balkon von Buckingham Palace: Und wozu?

Gesammelte Windsors auf dem Balkon von Buckingham Palace: Und wozu?

Foto: Matrix/ MediaPunch/ AP

Eine lauernde Gefahr für die repräsentative Monarchie ist die Qualität ihrer Repräsentanten. Jahrhundertelang gehörten Familienmitglieder wie Andrew eben mit zum Apparat. Männer machten eine kurze Ausbildung beim Militär, erhielten einen herzoglichen Titel und winkten für den Rest ihres Lebens von Balkonen. Frauen machten keine Ausbildung, wurden verheiratet, danach galt auch für sie: Dinge einweihen, Sachen eröffnen, von Balkonen winken.

Andrew hatte sich Anfang der Achtzigerjahre als Pilot im Falkland-Krieg ausgezeichnet – danach fehlte ihm offenbar die Fantasie, die Frage zu beantworten, was mit seinem Leben anzufangen sei. Man erfand für ihn den Job des "Wirtschaftsbotschafters", er reiste um die Welt, um britischen Unternehmen Zugang zu aussichtsreichen Märkten zu erschließen. Der Position haftete ein Ruch von Hinterzimmer-Deals und Nepotismus an. Zudem bestanden Seine Königliche Hoheit offenbar darauf, die Dienerschaft möge stets ein überlanges Bügelbrett im Reisegepäck mitführen, zwecks faltenfreier Präsentation des prinzlichen Beinkleides.

Mittendrin im Sumpf

"Andrew - wozu eigentlich?", fragte der britische "Guardian" im Sommer. Das Ausmaß der Verbrechen des US-Milliardärs Epstein wurde damals sichtbar, Dutzende junge Frauen waren durch ihn und seine Clique missbraucht worden, und der zweitälteste Sohn der britischen Königin saß mittendrin in diesem Sumpf.

Die erneute Festnahme Epsteins, sein Tod im Untersuchungsgefängnis machten die seit Jahrzehnten bestehende Verflechtung des Prinzen mit dem Sexualstraftäter erneut zum Thema. Auch an Andrew soll Epstein Mädchen "verliehen" haben, eine der betroffenen Frauen hat ausgesagt, Andrew habe sie missbraucht, was er bestreitet.

Nach einem unsäglichen TV-Interview am Samstagabend, mit dem der 59-Jährige, der auch in der Familie schon seit Jahren unter Beschuss stand, seine Haut retten wollte, haben die Entscheider im Hause Windsor - Charles und William - nun die Reißleine gezogen, mit dem Segen der Queen: Am Mittwochabend erklärte Andrew, er werde sich von seinen "königlichen Pflichten" zurückziehen.

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Der Epstein-Skandal hat also auch die Gretchenfrage der Royals offengelegt: Wozu sind sie da? Warum bläht sich die Monarchie immer noch mit zweifelhaften Repräsentanten auf, wenn es in ihren Reihen Menschen gibt, die eine deutlich sinnstiftendere Vorstellung davon haben, was diese Institution im besten Fall für eine Gesellschaft leisten kann?

Sind die Royals peinlich, leidet das Ansehen der Monarchie, Konsequenzen gab es bislang aber selten.

Die Verbannung Andrews ist deshalb ein geradezu revolutionärer Schritt - sie sollte erst ein Anfang sein. Seine Verwicklung in die Machenschaften Epsteins muss aufgeklärt, den Vorwürfen der Frauen muss nachgegangen werden, dazu muss Andrew umfassend vor Strafverfolgungsbehörden aussagen.

Die Windsors könnten aus der Personalie hilfreiche Lehren ziehen für den Fortbestand der Monarchie. Die "never explain, never complain"-Attitüde der Queen ("Nichts erklären, nie klagen") gehört im Jahr 2019 allmählich in die Mottenkammer.

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Foto: Paul Grover/ Getty Images

Wichtiger und gesünder ist die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle, ihren Versuchungen, ihren Belastungen. Vor allem die Enkel der Queen, etwa Harry und seine Frau, die Amerikanerin Meghan Markle, haben gezeigt, wie das gehen kann.

Er engagiert sich kenntnisreich für die Enttabuisierung psychischer Krankheiten, für die Inklusion im Krieg versehrter Soldatinnen und Soldaten. Markles erste Aufgabe als "Royal" war ein Nachbarschaftsprojekt in jener Londoner Community, die durch das Trauma des Grenfell-Hochhausbrandes immer noch beschädigt ist.

Ausgerechnet diese beiden Sympathieträger haderten in letzter Zeit mit ihrer Rolle, fühlten sich von der Familie ganz offensichtlich nicht genügend wertgeschätzt oder auch beschützt, etwa vor Boulevardmedien.

Diesen Bruch sollten die Windsors schleunigst kitten - je diverser die königliche Familie, umso besser funktioniert sie als Identifikationsplattform.

Monarchie - wenn man sie sich denn leisten will - muss sich im 21. Jahrhundert nicht mehr mit einem Mantel der Erhabenheit umgeben. Und dass Royals nur durch den Zufall ihrer Geburt besonders gesalbt wären, glaubt nun wirklich kein Mensch mehr. Wenn man sie sinnvoll einsetzt, die Zahl der royalen Repräsentanten auf eine überschaubare Zahl begrenzt und auch von ihnen - anders als bislang bei Andrew - Rechenschaft verlangt darüber, was sie tun, wie sie es tun, kann repräsentative Monarchie funktionieren, Gaudi inklusive.

Wenn nicht, könnten auch die Briten die Avocado irgendwann auf den Kompost werfen.