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Andrews katastrophales BBC-Interview zu Epstein Der peinliche Prinz

Die Windsors hatten es fast geschafft: Mit William und Kate, Harry und Meghan gelang den Royals eine Imagekorrektur. Menschlicher wirken sie heute. Dann setzte sich Onkel Andrew vor die Kamera.

Wenige Stunden nachdem der Fernsehsender BBC am Samstagabend ein Interview der Journalistin Emily Maitlis mit Prinz Andrew ausgestrahlt hatte, waren sich fast alle Beobachter einig: Sie hatten ein "Car Crash"-Interview gesehen - ein Gespräch wie ein Autounfall.

Andrew - 59 Jahre alt, zweitältester Sohn der Queen und im Windsor-Clan seit vielen Jahren auf die Rolle 'peinlicher Onkel' abonniert - hatte sich bereit erklärt, Fragen zu seiner Freundschaft mit dem verstorbenen US-Milliardär und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zu beantworten. Es stehen schwere Vorwürfe im Raum: Auch Andrew selbst habe die 17-jährige Virginia Roberts, die von Epstein zur Prostitution gezwungen worden sein soll, mehrmals missbraucht, was er in dem Interview kategorisch bestritt.

49 Minuten lang wurden diese Fragen zwischen Interviewerin Maitlis und Andrew verhandelt.

Andrew, stets glücklos um eine halbwegs bedeutsame Rolle als Repräsentant des Königshauses ringend, hat seit Langem schlechte Presse, weil er seit 1999 die Nähe Epsteins suchte. Diese Verbindung und die Spekulationen darüber, wie tief Andrew tatsächlich im Epstein-Sumpf steckte, kosteten ihn bereits 2011 seinen Job als britischer "Wirtschaftsbotschafter".

Royaler Offenbarungswettkampf

Das Interview war ganz offensichtlich als Befreiungsschlag gedacht. Stattdessen wurde es für Andrew zum Desaster - die gründlichste Selbstdemontage eines Mitglieds der königlichen Familie seit den Neunzigerjahren. Damals lieferten sich Diana und Charles einen Offenbarungswettkampf im Fernsehen, den Charles haushoch verlor.

Andrew schaffte es während der 49 Minuten kein einziges Mal, das Naheliegende zu tun: Entsetzen zu äußern über den Fall Epstein und das Schicksal der missbrauchten Mädchen. Bedauern auszudrücken wegen seiner Beziehungen zu Epstein. Reue zu zeigen. Scham oder Erschütterung zu formulieren.

Stattdessen ging es ihm unverhohlen einzig um Image-Reparatur. Und diese Mission ging gründlich daneben.

Andrew wollte von Epstein "lernen"

Bereits vor Jahren gab es Berichte in der britischen Presse, wonach die "Freundschaft" zwischen Andrew und Epstein vor allem wegen der notorisch klammen Finanzen des Prinzen und seiner sinnenfrohen Ex-Gattin Sarah "Fergie" Ferguson zustande kam. Fergie soll demnach mindestens einen hohen Geldbetrag von Epstein angenommen haben, angeblich vermittelt von Andrew.

Im Interview war davon keine Rede, Andrew selbst behauptet, ihm sei es vor allem um den Zugang zu dem illustren Kreis aus einflussreichen, klugen Menschen gegangen, der Epstein umgab. Er habe "lernen" wollen, wie wirtschaftliche Beziehungen funktionierten.

Kontakt zu Ghislaine Maxwell

2008 wurde Jeffrey Epstein in Florida als Sexualstraftäter verurteilt, wegen Missbrauchs einer 14-Jährigen. Im Juli 2019 wurde er erneut verhaftet, er soll Hunderte minderjährige Mädchen missbraucht und zur Prostitution gezwungen haben. Im August fand man ihn tot in seiner Zelle eines New Yorker Gefängnisses.

Andrew versucht nun, die Freundschaft kleinzureden. Zustande gekommen sei die ohnehin nur, betonte er jetzt im BBC-Interview, weil er Epsteins Lebensgefährtin, die Britin Ghislaine Maxwell, gekannt habe - sie aber soll maßgeblich an Epsteins Machenschaften beteiligt gewesen sein.

2010, also zwei Jahre nach Epsteins Verurteilung in Florida, entstanden Fotos, die Andrew bei einem Besuch in New York zeigen - in der Wohnung des Milliardärs, bei einem gemeinsamen Spaziergang im Central Park.

"Es war bequem"

Im BBC-Interview erklärte Andrew nun, er habe Epstein damals persönlich davon unterrichten wollen, dass er mit ihm nicht länger befreundet sein könne, eine solche Freundschaft wäre nun "unpassend". Er habe dies nicht feige am Telefon tun wollen, sondern entschieden, dass es ehrenvoller sei, den Bruch persönlich zu erklären.

Überhaupt sei dies der Grund des ganzen Problems: Er, Andrew, sei einfach "zu ehrenhaft".

Auf die Frage, warum er denn bei seinem Besuch in New York 2010 überhaupt noch in der Wohnung Epsteins übernachtet habe, antwortet Andrew: "Es war bequem."

Eine "ungewöhnliche" Fahrt zum Pizza-Imbiss

Wie er so sicher sein könne, wenn er vehement abstreitet, an einem fraglichen Abend im März 2001 nicht mit der 17-jährigen Virginia Roberts in einem Londoner Nachtklub gewesen zu sein? Weil er an dem Tag eine seiner Töchter zu einem Pizza-Imbiss in dem Londoner Vorwort Woking begleitet habe - und das "ist sehr ungewöhnlich für mich. Sehr ungewöhnlich".

Auch die Schilderung von Virginia Roberts, der Prinz habe in dem Nachtklub beim Tanzen geschwitzt, sei widerlegbar - wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung, die aus seinem Einsatz im Falklandkrieg herrühre, sei es ihm in der fraglichen Zeit physisch unmöglich gewesen zu schwitzen.

Ob es stimme, dass er Epstein nach Schloss Sandringham eingeladen habe? Ja, Epstein sei sein Gast gewesen, aber nur für eine "ganz normale Jagdgesellschaft am Wochenende".

"Ich will nicht abgehoben erscheinen..."

Ein Foto, aufgenommen 2001 im Londoner Townhouse von Ghislaine Maxwell: Prinz Andrew mit Virginia Roberts

Ein Foto, aufgenommen 2001 im Londoner Townhouse von Ghislaine Maxwell: Prinz Andrew mit Virginia Roberts

Foto: Shutterstock

Andrew zieht auch die Authentizität eines Fotos in Zweifel, das ihn Anfang der Nullerjahre mit Virginia Roberts zeigt, sein Arm liegt um ihre Hüfte. Als "Mitglied der königlichen Familie", so Andrew, seien solche Zurschaustellungen von Zuneigung nicht seine Art.

Ob ihm denn nie aufgefallen sei, dass in Epsteins Wohnungen - dem Apartment in New York, der Villa in Palm Beach - viele junge Frauen präsent gewesen seien, fragt Interviewerin Maitlis. "Ich will nicht abgehoben erscheinen", näselt Andrew in seinem abgehobenen Oberklasse-Englisch, aber er interagiere nicht mit Angestellten.

Wo endet die Höflichkeit?

Ob er bereit sei, vor Strafverfolgungsbehörden über seine Beziehung zu Epstein auszusagen, allein, damit die betroffenen Frauen mit dem Fall abschließen könnten? Ja, auch das, sagt Andrew, er brauche auch die Möglichkeit, endlich damit abzuschließen.

Als er an einer Stelle die Freundschaft zu Epstein wieder mit einem verharmlosenden "unvorteilhaft" kategorisiert, fällt ihm die Journalistin Maitlis ungläubig ins Wort: "Unvorteilhaft? Er war ein Sexualstraftäter!" Er habe nur höflich sein wollen, erwidert Andrew.

Kein Wunder, dass viele Kommentatoren die Metapher vom "Autounfall" nicht für ausreichend halten, um das Interview zu beschreiben: von einer "Katastrophe" ist die Rede, von "Flugzeug-Crash" und "Desaster".

Dickie Arbiter, ehemaliger Pressesprecher des Buckingham Palace, nannte Andrews Auftritt "entsetzlich". Schon bei der bloßen Vorstellung, der Sohn der englischen Königin könne auf die Idee kommen, in einem TV-Interview seine Freundschaft mit Jeffrey Epstein erklären zu wollen, müsse doch jeder vernünftige PR-Spezialist die Hände ringen.

Wer also hat Andrew bestärkt, das Himmelfahrtskommando doch zu wagen? Mehrere Medien berichten, sein erst kürzlich angeheuerter Berater Jason Stein habe nach nur 14 Tagen gekündigt, weil Andrew sich nicht von der Idee abbringen ließ. Seine Privatsekretärin Amanda Thirsk, ebenso beratungsresistent wie Andrew und ihm treu ergeben, habe das Interview forciert.

"Fergie" lobt den "Gentleman"

Einzig Andrews Ex-Frau Sarah Ferguson kann nichts Kritikwürdiges daran erkennen, im Gegenteil. Andrew habe sich als echter Gentleman gezeigt, jubelte sie auf Twitter.

Die anderen Mitglieder der Windsor-Familie dürften das ein wenig differenzierter sehen.

Thronfolger Charles und sein Sohn William bemühen sich seit den skandalüberfrachteten Neunzigerjahren um ein ganz anderes royales Image, mit Erfolg: Charles, die jungen Prinzen und ihre Frauen engagieren sich für Belange wie Naturschutz, Inklusion, die Enttabuisierung psychischer Erkrankungen. Sie wollen nahbarer wirken als Royals früherer Zeiten, moderner - menschlicher.

Andrew ist schon lange kein Zugpferd mehr in der royalen Zirkusschau. Im Gegenteil. Charles verbannte den peinlichen Bruder vor Jahren an die Seitenlinie. Das Interview ist auch ein Zeichen Andrews, dass er sich mit dieser Marginalisierung nicht zufriedengeben will.

Aber das letzte Wort in diesem Machtkampf ist noch nicht gesprochen.

Fortsetzung folgt

So hieß es in britischen Medien zunächst, Andrew habe sich für den seit sechs Monaten geplanten BBC-Auftritt den Segen der Queen eingeholt. Doch bereits am Sonntagabend ließ der Buckingham-Palast über konservative Blätter wie "Times" und "Telegraph" verbreiten, die Idee zum Interview sei in Andrews "Bunker" ausgebrütet worden, erst kurz vor der Ausstrahlung sei die Königin informiert worden.

Charles hingegen, im Dienst der Krone gerade auf Reisen in Übersee, schäume, weil sich kein Mensch mehr für seinen Trip interessiere - stattdessen reden alle nur über den medialen "Unfall" von Andrew.

Fortsetzung folgt.