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09. Februar 2007, 07:57 Uhr

Anna Nicole Smith

Tod eines Sexidols

Von , New York

Tragisches Finale eines tragischen Lebens: Anna Nicole Smith wollte leben wie Marilyn Monroe, und sie endete wie sie. Die 39-Jährige, Ex-Playmate, Reality-Star und Milliardärswitwe, starb in Florida einen rätselhaften Tod.

New York - Sie wollte sein wie Marilyn Monroe, als Mädchen schon. "Marilyn ist mein Idol", hat sie einmal gesagt. "Irgendwie fühle ich eine Verbindung mit ihr." Auch äußerlich ähnelte sie der Hollywood-Ikone der sechziger Jahre, mit ihrem grellen Pin-up-Look: das Haar, die Lippen, die Kurven. In ihrem Haus hingen bis zuletzt Fotos von ihr, in Marilyn-Posen. Und wie ihr tragisches Idol sahen die Leute sie als Karikatur: wild, schillernd, schrill. Ein Käfig der Klischees, den sie selbst erschaffen hatte. Und dem sie auch im Tod nicht entkam.

Sie lebte wie Marilyn. Sie starb wie Marilyn. Der Aufstieg aus der Armut zum Sexsymbol. Die Jahre im Blitzlichtgewitter. Die Skandale. Der Absturz in Alkohol und Pillen. Die letzten Interviews, stammelnd, einsam, unverstanden. Der mysteriöse Tod, suspekt, lässt viele Fragen offen. Und hinter all dem: eine Person, die keiner kannte. Eine dunkelrote Decke hüllte ihren Leichnam ein. Zwei Sanitäter, die vergeblich versucht hatten, sie wiederzubeleben, schoben die Bahre ins Hollywood Memorial Regional Hospital. Mit diesen Bildern endete in Florida das Leben des von den Kameras so geliebten Covergirls Anna Nicole Smith - Zerrbild des American Dream, der für sie längst zum Alptraum geworden war.

Vom Stripclub zum "Playboy"

Wie die Monroe hatte Smith ihren Geburtsnamen früh abgeworfen. Eigentlich hieß sie Vickie Lynn Hogan, so nannte sie ihre Mutter bis zum Schluss. "Vickie Lynn, pass auf, mit wem du dich abgibst", hatte Virgie Arthur die Tochter nach dem Tod von Smiths jungem Sohn Daniel unter Tränen angefleht, via CNN-Interview. "Du könntest die Nächste sein."

Mutter und Tochter sprachen schon lange nicht mehr miteinander - ein Zerwürfnis, das sich bereits in Smiths Kindheit angedeutet hatte, im texanischen Kaff Mexia, wo Smith ärmlich aufwuchs. Ihr Vater hatte die Familie verlassen, auch das eine Parallele zu Monroe.

Mit 17 heiratete sie den ein Jahr jüngeren Billy Wayne Smith, mit dem sie bei "Jim's Krispy Fried Chicken" am Highway 84 Geld verdiente. Sie Kellnerin, er Koch. Smith wurde schwanger, den Sohn nannte sie Daniel, die Ehe scheiterte. "Ich war eine misshandelte Ehefrau."

Smith zog nach Houston, jobbte bei Wal-Mart. Doch das Geld reichte ihr nicht zum Leben, sie wollte mehr, "unbedingt Schauspielerin werden." Doch zunächst wurde sie eine der umworbensten Stripperinnen der Stadt. 1991 sah sie eine Anzeige: "Playboy" suchte Playmates. Sie schickte ein paar Polaroids ein - Nacktfotos. Dann lernte sie im "Gigi", einem Strip-Club, J. Howard Marshall II. kennen. Marshall, Öl-Milliardär, 86 Jahre alt, zahlte ihre Rechnungen. Machte ihr Geschenke. Kaufte ihr einen Mercedes, Schmuck, Kleider. Ein Haus. Eine Ranch. Neider beschimpften sie als "Goldgräberin". Aber sie sagte über den Mann, der ihr Großvater hätte sein können: "Ich liebte ihn für all das, was er für mich getan hat."

Als Marilyn zum Playboy Mansion

Als der "Playboy" sie zum Fototermin lud, war sie so nervös, dass sie kaum Luft bekam. Im März 1992 landete sie auf dem Cover, als "Vickie Smith". Ihre Kurzbiografie bestand aus ihren Maßen (36DD-26-38), Gewicht (63,5 Kilogramm) und ihren Ambitionen ("Ich will die neue Marilyn Monroe sein und meinen Clark Gable finden."). Ein Jahr später war sie "Playmate des Jahres". Zur Party im Playboy Mansion kam sie als Monroe im "Verflixten 7. Jahr", im weißen Chiffonkleid.

Guess heuerte sie als neues Jeans-Model an, als Nachfolgerin von Claudia Schiffer. Von Guess bekam sie auch ihren neuen Namen: Anna Nicole Smith. Ihre Familie war düpiert. "Vickie wollte immer einen anderen Namen", erinnerte sich ihre Tante Elaine. "Genau so, wie sie es immer besser haben wollte als wir."

1994 heiratete sie Marshall - nur 14 Monate später starb der Greis und hinterließ ein Vermögen von 1,6 Milliarden Dollar. Damit begann ein jahrelanger Rechtsstreit zwischen Smith und Marshalls Sohn E. Pierce Marshall, ihrem 29 Jahre älteren Stiefsohn. Der letzte Wille berücksichtigte Smith nicht. Doch sie forderte die Hälfte des Erbes, das ihr mündlich versprochen worden sei.

Der Fall quälte sich von Instanz zu Instanz, bis er den Obersten US-Gerichtshof erreichte. Zur Verhandlung im Mai 2006 erschien Smith im schwarzen Kostüm, schlicht geschminkt, im Dekolletee baumelte ein Goldkreuz. Der Gerichtshof verwies die ganze Sache zurück zu einem Bundesgericht - eine neue Chance für Smith. Sieben Wochen nach dem Urteil erlag Marshall Jr. einer Infektion. Seine Witwe hielt das Verfahren aufrecht.

Panoptikum eines zerstörten Lebens

Smith litt in jenen Jahren sichtlich. Sie wurde pillenabhängig, begab sich in Entziehungskur. "Ich bin einsam", klagte sie. "Keiner versteht das." Sie fraß sich durch die Depressionen, wog zwischenzeitlich mehr als 100 Kilo. "Keiner will mit mir ausgehen. Keiner kümmert sich um mich."

Aus Ruhm wurde Infamie, aus dem Sexsymbol ein Symbol für die Kehrseite der Prominenz. Sie trat in ein paar B-Movies auf. Aber die Klatschpostillen waren nur an ihren Privataffären und Gewichtsschwankungen interessiert. Auch ein letztes "Playboy"-Cover 2001 half wenig. Smith wurde zum Gespött der Late-Night-Comedians.

Sie versuchte das Steuer herumzureißen und startete 2002 ihre eigene Reality-Serie: die "Anna Nicole Show". Die Serie war ein Panoptikum eines zerstörten Lebens. Smith stotterte, kreischte, taumelte durch die Kulisse, ein aufgedunsener Cartoon. Das Debüt hatte die höchsten Einschaltquoten, die der Entertainment-Kanal E! je verzeichnet hatte.

2003 stellte sie der Schlankheitsmittel-Konzern TrimSpa als neues Werbegesicht an. Sie verlor angeblich 36 Kilo. Trotzdem wurden ihre Auftritte immer grotesker. Oft schien sie betrunken oder unter Tabletteneinfluss: bei den "American Music Awards", den "MTV Australia Video Music Awards", bei CNN-Talker Larry King. 2004 schmiss E! ihre TV-Show aus dem Programm, wegen "kreativer Differenzen".

Wer ist der Vater des Babys?

Dann, im vorigen Juni, verkündete sie auf ihrer Website: "Ich bin schwanger. Ich bin glücklich. Alles läuft wirklich, wirklich gut." Kurz darauf offenbarte sich ihr Anwalt Howard Stern als ihr Liebhaber. Drei Monate später brachte Smith auf den Bahamas eine Tochter zur Welt, Dannielynn, per Kaiserschnitt. Stern hielt die Geburt fürs Fernsehen auf Video fest.

Drei Tage später starb Smiths Sohn Daniel, 20 - in einem Sessel am Krankenbett der Mutter. Der Arzt stellte eine tödliche Kombination aus Methadon - das gegen Heroinsucht eingesetzt wird - und den Antidepressiva Zoloft und Lexapro fest. Die letzten Fotos von Daniel verkaufte Smith für 650.000 Dollar ans Klatschblatt "In Touch Weekly" und die TV-Sendung "Entertainment Tonight".

Drei Wochen nach Daniels Tod gaben sich Smith und Stern an Bord eines Katamarans vor den Bahamas das Ja-Wort - wenngleich ohne Hochzeitsurkunde und legale Bindung. Dann sprangen sie ins Wasser, sie im weißen Kleid, er im schwarzen Anzug. Für die Fotos zahlte "People" rund eine Million Dollar.

Dann ein weiterer Rechtsstreit - um die Vaterschaft der kleinen Tochter. Larry Birkhead, ein Ex-Freund, reichte Klage ein: Nicht Stern, sondern er sei der wahre Vater von Dannielynn. Am Mittwoch dieser Woche ordnete ein Richter einen Vaterschaftstest an. Und am selben Tag wurde bekannt, dass Smith und TrimSpa vor einem Gericht in Los Angeles verklagt worden waren: Drei TrimSpa-Kundinnen warfen ihnen "Betrug am Verbraucher" vor.

Da waren Smith und Stern schon in Florida, im Seminole Hard Rock Hotel in Hollywood, das sie oft frequentierten. Smith hatte einen Bodyguard und eine Krankenschwester dabei: Sie klagte über Fieber und "grippeähnliche Symptome". Im November war sie schon einmal mit "Lungenentzündung" für eine Woche ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Was dann geschah, ist noch unklar. Am Nachmittag fand die Krankenschwester Smith bewusstlos in ihrer Suite im sechsten Stock. Sie alarmierte den Concierge, der den Bodyguard. Erst der rief den Notarzt. Um 14.49 Uhr Ortszeit wurde Anna Nicole Smith für tot erklärt.

Minuten später überschlugen sich die TV-Sender mit Live-Berichten. Freunde, Feinde, Angehörige, Fremde: Alle hatten sie etwas zu sagen, alle wussten sie ihr Dasein schnell zu analysieren. "Ich hoffe", sagte Debra Opti, die Anwältin Larry Birkheads, "dass sie endlich den Frieden gefunden hat, den sie suchte."

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