Anna Nicole Smith Trauern, geifern, abkassieren

Anna Nicole Smith sorgt nach ihrem Tod für noch mehr Quote als zuvor. Millionen Fans in den USA verfolgen die Kapriolen um den Nachlass der Werbe-Ikone, Geschäftemacher gieren aufs schnelle Geld - Smith wird endgültig zum Symbol einer Voyeurs- und Abzockgesellschaft.

Von , New York


New York - Die Puppe ist 20 Zentimeter hoch und aus Plastik. Sie trägt ein schwarzes Cocktailkleid mit tiefem Dekolleté. Die platinblonden Plastikhaare sind hochtoupiert, die Plastikzähne zum grellen Grinsen gebleckt. Wenn man den Kopf anstößt, wackelt er witzig.

Anna Nicole Smith lebt fort, auch nach ihrem frühen Tod. Die "Anna Nicole Smith Bobble Head Doll" ist ein Renner im Internet. Ein Privatmann aus San Francisco bietet die Plastikpuppe auf Craigslist.com zum Ramschpreis von zehn Dollar feil - aus schlechtem Gewissen. "Auch ich habe mich über sie lustig gemacht", schreibt er. "Doch ihren eigenen tragischen Tod finde ich nicht komisch. Möge sie in Frieden ruhen." Es folgt seine Telefonnummer, zwecks flottester Abwicklung der Transaktion.

Über eine Woche ist es nun her, dass sie von uns gegangen ist, mit 39 Jahren erst: Anna Nicole Smith, Playmate a.D., Milliardärswitwe. Doch nicht nur anonyme Geschäftemacher schielen auf schnelle Münze. Während Smiths Überreste in Florida weiter auf Eis liegen, temperiert bei 3,33 Grad Celsius, streiten diverse Parteien um die Gebeine und das Sorgerecht der Tochter: die Mutter, der Boyfriend, der Ex, der Bodyguard, Frederic Prinz von Anhalt et cetera. Es ist ein Tableau der Frivolitäten, wie es die USA seit dem Spektakel um O.J. Simpson nicht erlebt haben.

Krokodilstränen per Mausklick

Der posthume Familienkrach - ausgefochten in den zwei tollsten Tollhäusern Amerikas, Florida und Hollywood - dreht sich natürlich nur ums Geld: Dem Baby winkt ein Millionenerbe. Wobei Smiths gestern aufgetauchtes Testament von 2001 auch das wieder in Frage stellt: Darin vermachte sie alles ihrem inzwischen gestorbenen Sohn Daniel. Eventuelle andere Kinder aus späteren Beziehungen nahm Smith in ihrem letzten Willen ausdrücklich vom Erbe aus.

Millionen Fans verfolgen gebannt die täglich neuen Kapriolen dieses Jahrhundertfalls - nur um dann selbst schnell auf eBay die "Playboy"-Cover Smiths zu erstehen (239,99 Dollar im Viererpack). Selbst das "Wall Street Journal" widmete ihr ein Essay - auf seiner graumelierten Meinungsseite: "Anna Nicole Smith", postulierte es, "verkörperte Amerika."

Trauern, geifern, abkassieren: Anna Nicole Smith, ein kulturelles Faszinosum - erst recht im Tod, der ein größerer Quotenhit ist als ihr Dasein je war. Lebend war sie eine traurige Kunstfigur in der Biennale der Banalitäten. Doch erst tot ist sie so richtig zum Symbol der virtuellen Voyeurs- und Abzockgesellschaft geworden, die ihre Gelüste nicht mehr (nur) mit Pin-Up-Magazinen stillt, sondern im Rund-um-die-Uhr-Kabelfernsehen und dem Internet.

So pilgern die trauernden Fans nicht zu ihrer Villa auf den Bahamas, sondern zu Online-Schreinen wie annanicoleshrine.org, wo ihr jemand namens "Arelis" nachschluchzt: "Meine Super-Anna! Du wirst auf ewig in unseren Herzen weiterleben! I love you!" Derweil fand ein "Tribut" auf der Video-Website YouTube, dessen Autor Elton Johns Lady-Di-Elegie "Candle in the Wind" zu "Goodbye Anna Nicole" umgetextet hatte, bisher über 268.000 Zuschauer - Krokodilstränen per Mausklick.

Erfundene Biografie

Der Vergleich mit Marilyn Monroe aber, von ihr selbst in die Welt gesetzt, hinkt, je öfter ihn die Medien wiederkäuen. Smith hatte weder Stil noch Erfolg. Selbst ihre Biografie, so stellt sich heraus, hatte sie sich offenbar ausgedacht. Die ärmlichen Verhältnisse, die provinzielle Herkunft, die alte Tellerwäscher-Legende: Alles frei erfunden, sagt ihre Mutter Virgie Arthur. "Egal, mein Name ist in den Schlagzeilen", habe Smith sich gerechtfertigt. "Ich verdiene Geld und mache, was immer dazu nötig ist."

Die Fans wollten die Wahrheit aber auch gar nicht wissen, und die klischeeverliebte Presse sowieso nicht. Sie alle hatten einen stillen "Schmuddelkontrakt" ("New York Times") mit Smith abgeschlossen: Smith gierte nach Aufmerksamkeit, die Öffentlichkeit giert nach Reality-Dramen, und alle Seiten nutzten das zur größtmöglichen Profitmaximierung aus.

Voyeurismus trifft auf Exhibitionismus, ohne Scham und Schuldgefühle: Perfekte Symbiose der moralentleerten Boulevardgesellschaft. Die Amerikaner nennen dies "Train Wreck" - eine unausweichliche Katastrophe, auf die man wie gebannt starrt, ohne weggucken zu wollen. Selbst die letzten Fotos ihres mit 20 Jahren an einer Überdosis Tabletten gestorbenen Sohnes verhökerte Smith meistbietend. Doch der größte Coup, das war ihr eigener Tod.

"Superheiße Babes"

Zum Beispiel die kuriose Parade der Ex-Lover, die nun Smiths Tochter Dannielynn gezeugt haben wollen. Ihr Lebensgefährte und Anwalt Howard Stern. Der Fotograf Larry Birkhead. Bodybuilder Alexander Denk. Der deutsche Prinz von Anhalt, dessen invalide Glamour-Gattin Zsa Zsa Gabor mit Scheidung droht, sollte er "mit dem Baby nach Hause kommen". Oder doch J. Howard Marshall, Smiths 1995 mit 90 Jahren verstorbener Ehemann, dessen Milliardärssperma sie eingefroren haben soll?

Bis zur Klärung bleibt die Leiche im Kühlhaus. Neue DNA-Proben sollen entnommen werden, vorzugsweise "zur Lunchpause", wie es heißt. "Dies wird nicht schnell gehen", murrte Richter Larry Seidlin in Fort Lauderdale, als sich die Streithähne laut zeternd an einem Tisch gegenüber saßen, um die Begräbnisfrage zu erörtern. Dabei hat der Gerichtsmediziner Joshua Perper ja zur Eile gemahnt: "Jede weitere Verzögerung könnte die Integrität des Leichnams und seine ästhetische Erscheinung nach der Einbalsamierung beeinträchtigen."

Unterdessen hat der US-Kleinverlag Barricade Books eine uralte, längst vergriffene Biografie Smiths ("Great Big Beautiful Doll") von 1996 rasch zur Neuauflage gebracht, mit 20.000 Exemplaren. Das Buch ist ab sofort erhältlich, auch bei Wal-Mart. Ein etwas harscheres Enthüllungswerk hat Smiths Halbschwester Donna Hogan geschrieben. Das war schon vor Smiths Tod fertig; Hogan hat jetzt nur noch ein Kapitel drangehängt. Titel: "Train Wreck".



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