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Anne Sinclair: Hauptperson der "französischen Tragödie"

Foto: ALEXANDER JOE/ AFP

Anne Sinclair Die Frau an Strauss-Kahns Seite

Ihr Mann war kaum verhaftet, da flog sie nach New York und bemühte sich um Anwälte: Anne Sinclair, einst gefeierte TV-Moderatorin, widmet sich nun vor allem einem Ziel: der Verteidigung ihres Gatten Dominique Strauss-Kahn. Was treibt sie an, ist es brave Solidarität oder eigenes Machtbewusstsein?

"Nicht schuldig": Die Erklärung von Dominique Strauss-Kahn war nicht überraschend. Der ehemalige Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) hat die gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen - sexuelle Belästigung, versuchte Vergewaltigung, Freiheitsentzug - rundweg zurückgewiesen.

Das kategorische Nein zu den Aussagen des Zimmermädchens, das der Ex-Banker am 14. Mai in der Suite 2806 des New Yorker Sofitel laut Anklage "vorsätzlich und ohne legitimen Grund an ihren Genitalien und anderen intimen Körperteilen" berührt haben soll, gehörte zur Strategie der Verteidigung.

Bei dem Prozess, der an diesem Montag begann, geht es auch und vor allem um die Persönlichkeit des Beschuldigten; es darf daher keine Zweifel geben an der Integrität von DSK, kein Einlenken, wo es um den Ruf des Mandanten geht.

Die tragende Rolle beim Kampf um Strauss-Kahns Leumund spielt Gattin Anne Sinclair, 62. Ihre ungebrochene Loyalität, ihre untadelige Rolle als "Frau an der Seite des Angeklagten" könnte direkt aus einer amerikanischen Seifenoper stammen - die Darstellung einer unanfechtbaren Beziehung, jenseits aller Zweifel und Anwürfe, die stumme Solidarität einer Ehefrau, die in der Stunde der Wahrheit ihrem Mann beisteht. Die Inszenierung könnte einen direkten Einfluss haben auf das Bild, das sich Justiz, Medien und Öffentlichkeit von Dominique Strauss-Kahn machen.

Das "leidende Lächeln"

Und die Selbstdarstellung Anne Sinclairs in dem Drama, das das Magazin "Marianne" als "französische Tragödie" beschrieb, wird die etwaige Zukunft eines Politikers mitdefinieren, der bis zu den Ereignissen von New York unter den Genossen der Sozialistischen Partei (PS) als Hoffnungsträger der Präsidentschaftswahlen 2012 gehandelt wurde.

Frankreichs Medien charakterisieren die frühere Journalistin daher mal als Heldin, mal als Opfer, ihr "leidendes Lächeln" zierte die Titelseiten der People-Presse. Offen bleibt dabei, ob Sinclair, die dritte Ehefrau von Strauss-Kahn, die bewundernswerte Säulenheilige einer traditionellen Lebens- und Wertegemeinschaft ist oder eine düpierte und gedemütigte Ehefrau.

Immerhin: DSK war kaum verhaftet, da flog Sinclair nach New York; während er noch in der Haftzelle schmorte, bemühte sich die gut vernetzte Frau um Anwälte und eine Apartment. Ganz selbstverständlich, dass die Tochter und Millionenerbin eines der wichtigsten Pariser Kunsthändler der Nachkriegszeit - mit ihrem Privatvermögen die Rechnungen für ihren Mann bezahlt: sechs Millionen Dollar Kaution, 50.000 Monatsmiete für ein mondänes Townhouse, 200.000 Dollar für die Sicherheitsfirma, die DSK bewacht und satte Honorare für die besten US-Anwälte, die für Geld zu haben sind.

Und jetzt gibt Sinclair das Hausmütterchen: Sie kümmert sich um das leibliche Wohl ihres Gatten, kauft Handtücher, schafft Möbel aus der Washingtoner Residenz nach New York und renoviert das neue Heim.

Passt das zu Sinclair, der engagierten Journalistin? Immerhin: Ihre eigene Karriere opferte sie schon, als ihr Mann 1997 zum Finanzminister berufen wurde. Dabei war ihr eigener beruflicher Werdegang ebenso vielversprechend wie brillant. Sie reüssierte im Fernsehen, als dort der Aufstieg für Frauen eher schwierig und ungewöhnlich war. Ihre Talkshows gehörten zu dem Besten, was französisches Fernsehen in den achtziger Jahren zu bieten hatte. Sinclair fragte scharfsinnig, konnte schmeicheln und provozieren, ohne dass dabei Kompetenz und Contenance auf der Strecke blieben.

"Politiker müssen verführen können"

Nun ein Rückfall in die Rolle französischer Politiker-Gattinnen? Wohl kaum. Eher versteht sich Sinclair als Alter Ego ihres machtbewussten Mannes. Fast wie einst Hillary Clinton, die sich während der Sex-Affäre ihres Präsidentengatten auf die Seite ihres Mannes stellte und später selbst davon politisch profitierte. Nun sagt niemand in Paris Anne Sinclair eigene Ambitionen auf eine Polit-Karriere nach, aber unbestritten ist, dass sie sich den Kampf von DSK resolut zur eigenen Aufgabe gemacht hat.

Wie einst Cécilia, Ex-Frau von Präsident Nicolas Sarkozy, gehört auch sie zu den engsten Beratern ihres Mannes, den sie 1989 während eines Fernsehauftritts kennenlernte und zwei Jahre später heiratete. Zusammen bildeten die beiden eine moderne Patchwork-Familie und zählten zu den Spitzen des "Tout-Paris" - hier die Starjournalistin, dort der Professor und aufstrebende Polit-Promi: Ein gewinnendes Gespann, bei dem Sinclair ("Politiker müssen verführen können") immer wieder über die Eskapaden ihres Mannes hinwegsah.

Etwa 1999, als er wegen vermeintlicher finanzieller Missgriffe sein Ministeramt aufgeben musste - Unterstellungen, die sich später als haltlos herausstellen. Sie erduldete die entwürdigende Episode, als ihr Mann, damals bereits an der Spitze des IWF, einen Seitensprung mit einer jüngeren Untergebenen hatte. "Das passiert in jeder Ehe", erklärte sie später und verriet: "Ich liebe ihn wie am ersten Tag."

Dennoch und trotz aller Affären plante das Doppel Sinclair-DSK auch das anstehende Rennen um Frankreichs Präsidentschaft als weiteren gemeinsamen Schritt ihres Lebens - hier die mediengewandte Journalistin, dort der versierte Strippenzieher DSK. Sinclair jedenfalls gab den inoffiziellen Startschuss für die Kandidatur des Sozialisten, als sie sich öffentlich gegen ein zweites Mandat ihres Mannes für den IWF aussprach.

Eine Paarung, die offenbar auch Frankreichs Öffentlichkeit gefiel. "Die Versuchung von Paris" titelte Anfang des Jahres "Paris Match" zum Foto des Paares. Eine Umfrage kürte Sinclair zur beliebtesten Anwärterin auf den Posten der künftigen "First Lady" - demnach war sie doppelt so populär wie Sarkozys Gattin Carla Bruni.