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18. Januar 2016, 08:13 Uhr

Elterncouch

Der Vater, der seinen Sohn im Schlafanzug in die Kita brachte

Von Tilda Beck

Anziehen am Morgen ist für Eltern oft der Horror: Kinder bestehen auf Badeanzug und Ballerinas im Winter. Oder sie wollen überhaupt nichts anziehen. Brief an einen Helden des allmorgendlichen Ankleide-Kriegs.

Lieber O.,

wir kennen uns nur flüchtig. Morgens kommen wir zeitgleich in den Kindergarten. Unsere Kinder mögen sich, ihre Garderobenhaken sind nah beieinander. Um 7.55 Uhr rutschen wir deshalb oft nebeneinander auf den Knien hin und her, um die Hausschuhe unserer Kinder zu finden. Heute möchte ich dir danke sagen.

Du hast deinen Sohn im Schlafanzug in die Kita gebracht und damit meinen Tag gerettet. Obwohl ich richtig gut in Form war an diesem Morgen, hatte ich an vielen Fronten einstecken müssen. Gezank, Gezerre, Meuterei und Empörung - und alles wegen ein paar Anziehsachen! Dann sah ich dich und dein Kind und etwas passierte mit mir.

Ich bin eine recht organisierte Mutter. Wie immer hatte ich schon am Abend zuvor die Wettervorhersage gecheckt und für drei Kinder passende Kleidung herausgelegt. Ich kalkuliere jeden Morgen eine halbe Stunde für das Thema "Anziehen" ein. Um 6.30 Uhr begann ich plangemäß, meine Aufforderungen abzuspulen. Doch 30 Minuten waren an diesem Tag nicht genug.

Stella, 3, konnte sich mal wieder nicht entscheiden. Im Hochsommer trägt sie aus lauter Unentschlossenheit manchmal drei Kleidchen übereinander. Dazu den Wollschal, den Oma gestrickt hat. An diesem Novembermorgen entschied sie sich für Badeanzug, Fußball-Shorts und Ballerina-Schuhe. Ich setzte eine autoritäre Miene auf, sagte knapp: "Das ist zu kalt. Zieh bitte die Sachen an, die ich Dir hingelegt habe."

Stella schaukelte im Badeanzug am Kletterseil

Edward, 5, verweigerte sich. Er saß verträumt auf seinem Bett und pulte in den Zehenzwischenräumen. Ich bat ihn, ermahnte ihn. Er rührte sich nicht. Schon kamen mir die ersten Drohungen über die Lippen: "Wenn du dich jetzt nicht anziehst, wirst du das Frühstück verpassen." Er konterte schlagfertig: "Dann lade ich dich nicht zu meinem Geburtstag ein!"

Konrad, 8, blätterte in einem Comic. Er sei durchaus bereit, den St.-Pauli-Pullover anzuziehen, verkündete er, ohne von seiner Lektüre aufzuschauen. Leider sehe er den Pullover nirgendwo. Er las weiter.

Stella schaukelte im Badeanzug am Kletterseil. Ich drängelte, schon 6.55 Uhr, sie solle sich nun wirklich anziehen, sonst würde ich bald böse werden. Sie piepste ihr Lieblingsargument: "Aber auch wenn du schimpfst, hast du mich immer noch lieb, oder?"

Damit überhaupt etwas passierte, zog ich Edward den Pyjama aus und half ihm in die Unterhose. Mit Stella einigte ich mich derweil auf eine Strumpfhose unter den Shorts und verhandelte über ein UV-T-Shirt, das immerhin ja auch in die Kategorie Badekleidung fällt. Zwischendurch bellte ich Befehle in Konrads Richtung. Dem fiel allerdings ein, dass er seine Mathe-Hausaufgaben noch nicht beendet hatte. In Unterwäsche fing er an, die Aufgaben zu rechnen. "Ich gehe sonst nicht zur Schule!", rief er.

In Elternratgebern wird immer gesagt, man solle seinen Kindern zuhören, sich nach den Gründen erkundigen, warum sie Dinge nicht tun wollen. Ihre Botschaften ernst nehmen. Erziehungs-Guru Jesper Juul etwa empfiehlt, das Kind auch ohne Schuhe rausgehen zu lassen, wenn es das möchte, auch im Winter. Man solle das Kind dann begleitend beobachten und ein paar warme Stiefel nebenher tragen. Ich stelle mir also vor, wie ich mit einem Berg angemessener Kleidung hinter meinen Kindern herlaufe, damit sie erfahren können, wie sich "kalt und nass" anfühlt? No, thanks.

Als endlich alle angezogen am Tisch saßen, schüttete Stella ihren Kakao aus, durchnässte das UV-Shirt, die Fußballshorts, die Strumpfhose. Sie heulte bitter vor Enttäuschung. Ich war frustriert, weil die langen Verhandlungen ums Outfit völlig umsonst gewesen waren und reagierte alles andere als pädagogisch: "Na super, Stella, vielen Dank. Dieses Mal ziehe ICH dich aber an", woraufhin Stella noch mehr weinte, was mir auf der Stelle leid tat.

Mit Puls 180 in die Kita

7.40 Uhr, wir mussten los, in 15 Minuten würde die Schule beginnen. Es regnete in Strömen. Konrad fand seine Mütze nicht. Ich stellte fest, dass ich vergessen hatte, die Regengarnitur aus dem Kindergarten zu waschen, mit der sich Edward am Vortag in einer Schlammpfütze gewälzt hatte. Gestresst rannte ich in den Keller, suchte nach der alten Matschhose, die eigentlich zu klein ist. Die Jungs fingen an, sich gegenseitig gegen die Schienbeine zu treten, großes Geschrei. Stella gefiel ihre neue Winterjacke nicht, sie wollte unbedingt die alte mit dem defekten Reißverschluss anziehen. Ich machte mir Sorgen, dass sie den ganzen Tag mit offener Jacke herumlaufen würde. Unter Zeitnot gab ich nach.

Ich hatte einen gefühlten Puls von 180, als ich in der Kita ankam. Elternsein ist manchmal so verdammt hart.

Und dann, lieber O., sah ich dich. An deiner Hand lief dein Sohn, er trug einen grün-braun gestreiften Frottee-Schlafanzug, mit Zahnpastaflecken auf der Brust. Ihr saht vergnügt aus.

Ich weiß nicht, wie es zum Pyjama-Outfit kam. Aber ich bin dir dankbar: Ich fühlte mich nicht mehr allein in meinem Stress. Und dachte: Warum habe ich meine Kinder nicht einfach gehen lassen, wie sie wollten? Warum mache ich meinen Kindern und mir manchmal das Leben unnötig schwer? Vielleicht liefe vieles leichter, wenn wir uns einfach ein wenig locker machen würden. Oder wie Jesper Juul es sagt: "Wir könnten unsere Kinder auch einfach nur genießen."

Hochachtungsvoll,

Tilda Beck


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