Vorstellung des Royal Babys Mensch Meghan

Er hibbelig, sie selig, beide sehr angenehm unperfekt: Harry und Meghan machen bei der Präsentation ihres Sohnes Archie Harrison vieles anders als William und Kate. Gut so.

Dominic Lipinski/ WPA Pool/Getty Images

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"Sir John" wurde es leider doch nicht, das ist schade. Zwei Tage nach der Geburt ihres Sohnes haben Prinz Harry und Herzogin Meghan ihr Baby bei einem schnellen Fototermin zum ersten Mal öffentlich gezeigt und wenige Stunden später auch seinen Namen verraten: Archie Harrison Mountbatton-Windsor heißt der Siebtplatzierte in der britischen Thronfolge.

Die John-Theorie, die nach Harrys erstem Statement kurz nach der Geburt gesponnen wurde, als der Prinz die Reporter aus welchem Grund auch immer ausgerechnet vor den Pferdestallungen von Windsor zum Interview traf, war aber auch sehr hübsch. Die royalen Zossen schauten dabei im Hintergrund dekorativ aus ihren Boxentüren, und neben dem Fenster eines Pferdes konnten ambitionierte Zoomer auf einem kleinen Schild den Namen "Sir John" ausmachen. Royale Superfans orakelten: Hatte Harry diesen Hintergrund bewusst gewählt, um einen subtilen Hinweis auf den Babynamen zu droppen?

So wild die Spekulationen wogten, so zurückhaltend gestalteten die Sussexes ihren ersten Auftritt als Familie. In der St. George's Hall von Windsor Castle posierten sie für die Fotografen, also in der geschützten Privatheit der royalen Residenz - und nicht, wie Prinz William und Herzogin Kate, auf den öffentlichen Treppen des Krankenhauses.

Harry hielt seinen in eine Decke gewickelten Sohn auf dem Arm, Meghan streichelte immer wieder sein bemütztes Köpfchen. Der Auftritt wirkte simpel, natürlich - und weniger auf Contenance getrimmt als die Babypräsentationen von Harrys Bruder und seiner Frau.

Fotostrecke

6  Bilder
Erster Fototermin: Baby Sussex stellt sich vor

Proper und elastisch

Meghan trug ein Trenchcoat-Kleid, das ihren Post-Entbindungskörper ganz selbstverständlich zeigte, an ihrem Gang konnte man ablesen, dass sie von den Anstrengungen der Geburt noch mitgenommen war, sie versteckte diese Menschlichkeit nicht.

Ihre Schwägerin Kate wirkte vor einem Jahr dagegen fast übermenschlich kontrolliert, als sie schon ein paar Stunden nach der Geburt ihres dritten Kindes Louis so proper, elastisch und scheinbar ohne jede körperliche Spur von dem, was sie gerade geleistet hatte, aus dem Krankenhaus spazierte.

Heute und damals: Royale Babys mit ihren Eltern
zz/ KGC-22/ STAR MAX/ IPx/ AP; AP

Heute und damals: Royale Babys mit ihren Eltern

Kates Auftritt war damals auch eine bildsymbolisch sorgfältig komponierte Erinnerung an Diana, die verstorbene Großmutter des pressfrischen Prinzen, fast wie eine geplante, dezente Spiegelung: Wie Kate trug auch Diana seinerzeit ein knallrotes Kleid mit weißem Bubikragen, als sie 1984 ihren Sohn Harry aus dem Krankenhaus nach Hause brachte.

Schon 2013, bei der öffentlichen Präsentation von Prinz George, hatte Herzogin Kate ein Kleid gewählt, das an Dianas Auftritt erinnerte, als sie 1982 mit William aus dem Krankenhaus kam: Beide trugen Kleider mit kleinen weißen Tupfen.

2013 und 1982: Die Hommage war nicht zu übersehen
Kirsty Wigglesworth/ AP; John Redman/ AP

2013 und 1982: Die Hommage war nicht zu übersehen

Meghan verzichtete zumindest auf derart leicht dekodierbare Anspielungen, das einzige direkt auszumachende Verbindungsglied an die royale Nachwuchsherzeigetradition ist die Merinowolldecke des Hoflieferanten GH Hurt & Son, in die seit 70 Jahren sämtliche Windsorbabys bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt gewickelt werden. (Die genaue Produktbezeichnung ist "Leaves and Flowers", in Elfenbein zu 128 Euro, falls sie jemand nachshoppen möchte).

Im Video: Harry und Meghan zeigen ihren Sohn

Dominic Lipinski - WPA Pool/Getty Images

In der hochroyalen Pomphalle von Schloss Windsor wirkte die frische Familie bei ihrem Pressetermin fast ein wenig fremd, vielleicht, weil sie bisher alle Babyangelegenheiten so privat wie möglich gestaltet hatte. Bislang haben sie sich nicht dazu geäußert, ob Meghan die von ihr gewünschte Hausgeburt erleben konnte, auch der beteiligte Ärztestab wurde nicht genannt - bei den Kindern von William und Kate hatten die Mediziner noch, wie es Tradition ist, auf der offiziellen Geburtsanzeige unterschrieben, die auf der Staffelei vor dem Buckingham-Palast aufgestellt wurde.

Es sind Details wie diese, die auf eine neue Sensibilität hinweisen, die Prinz Harry und Herzogin Meghan immer wieder im Kleinen anstoßen. Der Palast mag auf der offiziellen Verlautbarung formulieren, Meghan "was safely delivered of a son", sie sei also von einem Sohn entbunden worden - eine Passivformulierung, als hätte sie selbst nicht viel zu dieser Geburt ausgetragen. Harry glich diese steife, gefühlsarme Formulierung aus, als er bei seinem Statement nach der Geburt ausdrücklich und tief beeindruckt erklärte, wie stolz er auf seine Frau sei: "Was Frauen da tun, ist unvorstellbar".

Die Queen wieder ganz souverän

Beim gemeinsamen Fototermin versicherten beide Eltern, sehr glücklich zu sein über ihr "very own bundle of joy", man konnte das auch ohne Konsultation eines Körperspracheexperten sehen, den Boulevardmedien engagiert hatten, um das erste Statement des ganz offensichtlich vor Freude überhibbeligen Prinzen zu analysieren, der mit den Knien wackelte, hin und her trippelte und vor Glück in die Hände klatschte.

Professionell zurückhaltender reagierten William und Kate in einem kurzen Interview, bei dem beide erklärten, sie seien "delighted" über den Familienzuwachs - William begrüßte seinen Bruder außerdem offiziell im Schlafentzug-Klub der Eltern.

Die beste Reaktion kam indes von Queen Elizabeth II. selbst. Bei einem Essen für die Träger des Verdienstordens gratulierte ihr ein Gast: "Herzlichen Glückwunsch! Noch ein Urgroßenkel!" Und die Queen antwortete, wie es nur eine Königin vermag: "Ich weiß."

insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
rauchendes_gnu 08.05.2019
1. Welch wunderbares Leckerli am Abend :-)
Inzwischen, ich gebe es zu, bin ich süchtig nach Frau Rützels so gekonnt auf den Punkt gesetzten, dabei nie unter der Gürtellinie landenden Sprachspielen, die so leicht und spielerisch daherkommen wie die Muster eines Kaleidoskops, die immer neu und anders und immer schön sind. Seufz, danke für diesen Lesegenuß am Abend und die mehr als treffende Beschreibung eines überglücklichen Jungvaters, von den dekorativ schauenden royalen Zossen und dem "Ich weiß." (eben ganz "Die souveräne Leserin") mal ganz abgesehen :-D Obendrein freut es mich, daß Frau Rützel sich mal nicht nur das ansehen durfte, was hinterunter der letzten Schublade so schlummert...
mirage122 08.05.2019
2. Ein ausgesprochen sanfter Beitrag
Das kann Frau Rützel also auch: ein großes Kompliment! Da ich in diesem Fall mal mitreden kann - anders als bei den Sendungen, die sie sonst über sich ergehen lassen muss - kann ich ihren Ausführungen in jeder Hinsicht zustimmen. Schön der Vergleich zwischen den beiden Brüdern und den entsprechenden Schwiegertöchtern. Da ist es außerordentlich angenehm, die Baby-Präsentation von "Baby Sussex" zu erleben. Abgesehen davon, dass der kleine Archie jetzt schon um Längen hübscher ist als die drei Thronfolger-Kinder, ist er schon aus dem Grunde zu beneiden. Meghan und Harry haben es durch ihren menschlich tollen Auftritt geschafft, wahre Begeisterung sogar bei mir auszulösen, die bisher für royale Auftritte welcher Art auch immer nicht ein Fünkchen Interesse gezeigt hat. Die beiden jungen Eltern sind eine ungeheuer angenehme Erscheinung. Sie hatten den Versuch der Original-getreuen Kopie von Diana nicht nötig, sie waren wirklich glücklich und erschöpft, mussten keine Show abziehen, um dem Volk zu gefallen. Und genau das ist in ihrem Artikel zum Ausdruck gekommen: endlich mal Menschen und keine "billigen Königsdarsteller"!
birdie 09.05.2019
3. Die Welt der Royals ist eine kleine Welt, in der das Hofzeremoniell
wie in einer Orchestrierung jeden Takt einzeln vorgibt. Megan und Harry scheinen sich behutsam aus diesem Korsett befreien zu wollen. Und man kann ihnen nur wünschen, auf dem Weg zu mehr Menschlichkeit erfolgreich voran zu kommen. Denn die Aristokratie ist ein überflüssiges Relikt aus vergangenen Jahrhunderten. Sie kam nur zustande, weil machtgierige Gewaltmenschen sich an die Spitzen der jeweiligen Völker durchboxten und Familiendynastien zur Absicherung ihrer Erfolge implementierten. "Von Gottes Gnaden" war danach das Logo der Herrschenden. Das alles aber hat heute in unserer Welt keine Bestandskraft mehr.
Lipper in Wien 09.05.2019
4.
Zitat von rauchendes_gnuInzwischen, ich gebe es zu, bin ich süchtig nach Frau Rützels so gekonnt auf den Punkt gesetzten, dabei nie unter der Gürtellinie landenden Sprachspielen, die so leicht und spielerisch daherkommen wie die Muster eines Kaleidoskops, die immer neu und anders und immer schön sind. Seufz, danke für diesen Lesegenuß am Abend und die mehr als treffende Beschreibung eines überglücklichen Jungvaters, von den dekorativ schauenden royalen Zossen und dem "Ich weiß." (eben ganz "Die souveräne Leserin") mal ganz abgesehen :-D Obendrein freut es mich, daß Frau Rützel sich mal nicht nur das ansehen durfte, was hinterunter der letzten Schublade so schlummert...
Danke für den kleinen Hinweis auf den großartigen Bennett! (Und tatsächlich ist ja mal ein Wortspiel aus dem Englischen - The uncommon Reader - für den Romantitel in ein sinnvolles deutsches Äquivalent umgeformt worden...) Mein durch Anja Rützels warmherzigen und humoristischen Artikel eh schon breites Grinsen wurde noch einmal ein gutes Stück breiter. Seien Sie beide, Autorin und Kommentator, auf das herzlichste gegrüßt und Ihnen beiden gedankt!
odenkirchener 09.05.2019
5. Naja,
die zwei hätten ja auch blöd da gestanden, wenn sie's wie das angehende Königspaar gemacht hätten. Man kann's mit den Anspielungen übertreiben. Ich, jedenfalls bin froh, das wir eine Republik haben.
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