Berlusconi und die Blondine "Keiner versteht, wie sensibel Papi ist"

Neue Runde im medialen Familienzoff der Berlusconis: Nach den Vorwürfen seiner Gattin präsentierte sich Italiens Premier mit weiteren Dementis im Fernsehen - und siehe da: Mehr als die Hälfte seine Landsleute überzeugte der Auftritt. Genau wie die 18-jährige Noemi, an der sich der Skandal entzündet hatte.

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Rom - Der Ministerpräsident hatte sich wie immer herausgeputzt: Im blauen Anzug und weiß gepunkteter Krawatte stellte sich Silvio Berlusconi am Dienstagabend in der Polit-Talk-Sendung "Porta a Porta" ("Von Tür zu Tür") den Fragen des Moderators Bruno Vespa.

Der Tenor war klar: "Jetzt rede ich" und "Veronica muss sich entschuldigen" war auf den Bildschirmen im Hintergrund zu lesen. Nur selten unterbrochen vom seinem gewohnt handzahmen Gegenüber konnte der italienische Premier noch einmal seine Version der Ereignisse der vergangenen Tage unters Volk bringen - und die waren filmreif.

Zunächst hatte die Gattin des Premiers, Veronica Lario, öffentlich kritisiert, dass der 72-Jährige Showgirls und Sängerinnen zu Kandidatinnen für die Europawahlen erkoren hatte. Als sie erfuhr, dass Berlusconi mit einer 18-jährigen Blondine in Neapel deren Geburtstag gefeiert hatte, verkündete sie, sie könne nicht mit jemandem leben, "der sich mit Minderjährigen trifft" - und erklärte, sie werde die Scheidung einreichen.

"Es ist eine Lüge, dass ich mit Minderjährigen verkehre"

Beides sei "absolut falsch" dargestellt, ereiferte sich der Medienmogul nun in der Talkshow. "Es ist eine Lüge, dass ich mit Minderjährigen verkehre." Seine Frau sei schlicht einem Irrtum aufgesessen, manipuliert worden und müsse sich deshalb bei ihm entschuldigen. Er habe nicht erwartet, dass ein solcher Sturm der Entrüstung in den Zeitungen losbrechen würde. Falschmeldungen in "gewissen Medien" hätten allerdings schon in der Vergangenheit große Probleme hervorgerufen.

"Hätte es etwas Pikantes, Unsauberes, etwas Heimliches oder Verstecktes gegeben, wäre der Ministerpräsident dieses Landes dann so verrückt gewesen, sich in eine solche Situation zu begeben? Jeder mit einem Minimum an gesundem Menschenverstand würde das verneinen."

Mit einem Riesenaufgebot von acht Autos sei er auf die Party von Noemi Letizia gefahren, "fast wie ein Begräbnis" habe das ausgesehen. Dann habe er Fotos machen lassen - mit dem Vater des Mädchens, der sein Freund sei, mit der Mutter, den Großeltern, den Kellnern und dem Chef des Lokals Villa Santa Chiara in Casoria.

Von den Gästen der Party erklärten die einen, Berlusconi sei gegen 21.30 Uhr dort aufgetaucht und nach Mitternacht wieder verschwunden. Andere sagten, der Ministerpräsident sei höchstens eine Stunde geblieben und dann in sein Hotel zurückgekehrt.

In einem Interview mit dem "Corriere del Mezzogiorno" hatte Noemi Letizia am 28. April erklärt, sie nenne Berlusconi "Papi", weil er immer "wie ein zweiter Vater" für sie gewesen sei. Er selbst habe gesagt, sie erinnere ihn an seine leibliche Tochter Barbara. Ein Goldkettchen habe er ihr geschenkt, an einem anderen Geburtstag einen Diamanten, so die 18-Jährige, die als Berufswunsch "Showgirl" angibt. Manchmal singe sie mit Berlusconi Karaoke, bisweilen müsse sie ihn trösten: "Keiner versteht, wie sensibel Papi ist." Noemis Mutter Anna erklärte im "Corriere della Sera": "Meine Tochter ist mit dem Mythos Berlusconi groß geworden. Es ist ihre spontane Art, ihm ihre Bewunderung zu zeigen."

Der TV-Sender Rai Uno blendete während "Papis" Auftritt einige Bilder der inzwischen berühmten Geburtstagsparty ein - brave Gruppenaufnahmen mit ordentlichen Jungs und pummeligen Mädchen, die in die Kamera lächeln und den Staatsmann anbeten. Eben diese Fotos sollten am Mittwoch in der zum Medienkonzern Mondadori gehörenden und damit auch von deren Anteilseigner Berlusconi kontrollierten Zeitschrift "Chi" veröffentlicht werden, kursieren aber längst im Netz - und zwar in interessanten Varianten. Auf der Seite http://brindaconpapi.blogspot.com ("Stoß an mit Papi") haben Spaßvögel dem Premier und seiner blonden Begleiterin jede Menge Prominente an die Seite collagiert - unter anderem Batman, George Clooney und die mutmaßlichen "Leidensgenossen" Bill Clinton und Monica Lewinsky.

In mehreren Internet-Foren wurde zudem der Verdacht laut, bei den Gruppenfotos von der Geburtstagsparty am 26. April könne es sich um Fälschungen handeln. Auch der "Corriere della Sera" berichtet von zahlreichen Hinweisen seiner Leser auf mögliche Manipulationen. Die Macher von "Chi" wiesen diese Behauptungen in einer Erklärung vehement zurück, Berlusconi nannte die Vorwürfe "völlig absurd". "Chi"-Chefredakteur Alfonso Signorini wollte sich zu dem Fall nicht äußern: "Ich ziehe es vor, die Fakten sprechen zu lassen", sagte er laut "Messaggero".

Berlusconi nutzte seinen Fernsehauftritt erneut, um seine politischen Gegner anzugreifen: "Die Linken und ihre Presse schaffen es einfach nicht, zu akzeptieren, dass ich über eine Zustimmung von 75 Prozent verfüge", so der Premier unbescheiden. Eher müde die Reaktion der Opposition: "Berlusconi soll es unterlassen, die pathetische Phrase vom Komplott zu wiederholen", sagte der Chef der wichtigsten Oppositionspartei, Dario Franceschini von der Demokratischen Partei PD. Der Rosenkrieg der Berlusconis sei mittlerweile eine "öffentliche Angelegenheit" geworden.

Italiener vertrauen Berlusconi trotzdem

Doch wie so oft scheint Berlusconi nahezu unbeschadet aus dem Eklat hervorzugehen: Eine von der "Repubblica" in Auftrag gegebene Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "Ipr Marketing" ergab, dass das Vertrauen der Italiener in den Premier tatsächlich in etwa so groß ist wie vor dem Skandal. Nach dem TV-Auftritt erklärten 57 Prozent der Befragten, Berlusconi sei überzeugend gewesen, 51 Prozent hielten ihn für aufrichtig, 52 Prozent für entspannt.

Dennoch muss Berlusconi nicht nur einen Imageschaden im Ausland sondern auch um die Stimmen der katholischen Wähler fürchten. Kurienkardinal Walter Kasper rief den Premier in der "Stampa" zur Mäßigung auf und erklärte, er habe von einem Ministerpräsidenten mehr Seriosität erwartet. "Das Verhalten des Regierungschefs erscheint uns seltsam", sagte Kasper, "öffentlicher Trennungsstreit verstärkt das Leiden, und er gibt vor allem den Jüngeren ein schlechtes Beispiel."

Auch die blutjunge Noemi Letizia scheint inzwischen genug zu haben von ihrer unverhofften Popularität. Am Dienstagabend verzichtete sie demonstrativ auf einen geplanten Auftritt in der TV-Talentshow "Stelle emergenti" des Senders Tele A, an der sie bereits zweimal teilgenommen hatte. Mutter Anna beschwerte sich: "Es reicht jetzt mit all der Aufmerksamkeit für Noemi. Sie ist ein Kind, ein junges Mädchen, das ich im Lichte des Evangeliums und des Herrn erzogen habe."

Der Vater der blonden Noemi, Benedetto Letizia, sagte der "Repubblica": "Alles wird sich aufklären. Silvio ist ein guter Kerl, ihr werdet es sehen." Er wolle darauf hinweisen, dass "die Freundschaft Silvios mir gilt. Darauf beruht alles", so der Angestellte. Mit dem Premier verbinde ihn das Interesse an der Politik "und den schönen Dingen". Er habe seiner Tochter geraten, "hoch erhobenen Hauptes" durchs Leben zu gehen, denn: "Sie hat nichts zu verbergen."



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