Cherie Blairs Memoiren "Es war bitterkalt, dann kam eines zum anderen..."

Fehlgeburten, Schwangerschaftstests und eine Empfängnis auf Schloss Balmoral: Cherie Blair lässt in ihren Memoiren keinen noch so intimen Moment im Leben einer First Lady aus. Das Werk provoziert Kritiker. Die Gattin des britischen Ex-Premiers solle sich schämen: "Warum dieses jämmerliche Buch?"

London - Eine 45-Jährige ruft ihren Ehemann auf der Arbeit an.

Sie: "Der Test. Er ist positiv."

Er: "Und was bedeutet das?"

Sie: "Das bedeutet, dass ich schwanger bin."

Er: "Oh mein Gott."

Kein besonders tiefsinniger Dialog. Ein Gespräch unter Eheleuten, wie es in der Geschichte der Menschheit schon öfter geführt wurde. Auch unter Staatsmännern und ihren Frauen. Das Besondere daran ist allenfalls, dass es die schwangere Dame in diesem Fall für nötig befunden hat, die Welt an dem persönlichen Wendepunkt ihres Lebens teilhaben zu lassen.

Und damit nicht genug: Die Menschen dort draußen sollten auch wissen, wo Cherie Blair, ehemalige First Lady Großbritanniens, ihr viertes Kind empfangen hat. Nämlich im Jahr 1999 von ihrem Mann Tony auf Schloss Balmoral, dem schottischen Landsitz der Queen.

"Die Nation war verblüfft angesichts dieses schieren Draufgängertums, das der Queen den Sex so nah brachte", unkt nun Anne Perkins im "Guardian" und fragt: "Oh Cherie, warum haben Sie - klug, ehrgeizig, erfolgreich (...) - dieses jämmerliche Buch geschrieben?"

Die Antwort? Cherie Blair hat den Titel ihrer derzeit in Teilen in der "Times" veröffentlichten Autobiografie einfach wörtlich genommen. "Speaking for myself" - zu Deutsch etwa "Aus meiner Sicht" - erzählt die weite Welt der Politik aus dem bisweilen sehr engen Blickwinkel der Premierminister-Gattin. Und erspart dem Leser nichts.

Warum hat Frau Blair nicht verhütet?, fragten sich schon damals viele Beobachter. Die 54-jährige Rechtsanwältin gibt nun brav Antwort: Weil in Balmoral aus Sicherheitsgründen auch Toilettenartikel durchsucht würden, habe sie sich entschieden, keine Verhütungsmittel mitzunehmen, um der Peinlichkeit zu entgehen. "Wie immer war es dort oben bitterkalt, und dann kam eines zum anderen...", beschreibt Blair bemüht mädchenhaft die damalige Situation.

"Ich lag blutend da, und die beiden diskutierten"

Während der Schwangerschaft sahen sich die Blairs Vorwürfen ausgesetzt, die Geburt des Kindes sei lediglich Teil einer perfiden politischen Strategie: Im Mai 1997 hatte Tony Blair einen fulminanten Wahlsieg für die Labour-Partei davongetragen und war mit 43 Jahren als jüngster britischer Premier in die Downing Street eingezogen. Im Sommer 1999 machten die Labour-Wahlniederlage bei der Europawahl und innerparteiliche Querelen dem Senkrechtstarter Probleme. Warum also nicht medienwirksam ein eigenes Baby knuddeln, Volksnähe erzeugen und damit Wähler begeistern? Immerhin war der auf Balmoral gezeugte Leo Blair eine Art Rekordhalter - das erste während der Amtszeit eines Premierministers geborene Kind seit gut 150 Jahren.

Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass sich die Blairs zu einer derartigen PR-Aktion hinreißen ließen. Zumal auf die schwere - laut Cheries eigener Aussage lautstarke - Geburt des vierten Kindes eine Fehlgeburt im Alter von 47 folgte. Im Jahr 2002 habe eine Ärztin festgestellt, dass das Baby keine Herztöne mehr habe. "Für einen Moment habe ich nicht verstanden, was sie da sagt", erinnert sich Blair. Sie sei "von dem Gefühl des großen Verlustes überwältigt" gewesen.

Am schlimmsten sei gewesen, dass ihr Mann seinen damaligen Regierungssprecher Alastair Campbell informieren musste, um die Medienstrategie abzusprechen. "Ich konnte es nicht glauben. Ich lag blutend da, und die beiden diskutierten, was sie der Presse sagen sollten."

Warmherziges und Intimes für 1,25 Millionen Euro

Neben politischem Kalkül unterstellen Kritiker der aus einfachen Liverpooler Verhältnissen stammenden Cherie immer wieder einen herausragenden Geschäftssinn. Der britische "Independent" berichtet, dass sie eine Million Pfund (rund 1,25 Millionen Euro) für ihre Memoiren bekommen haben soll. Nicht viel im Vergleich zu den knapp 5,8 Millionen Euro, die der Verlag Random House ihrem Ehemann Tony für dessen noch ungeschriebene Erinnerungen versprochen hat.

Als "warmherziges, intimes und oft sehr lustiges" Familienporträt hatte Cherie Blair ihre Memoiren im vergangenen Jahr angekündigt. Dabei herausgekommen ist eine Ansammlung intimer Details, die selbst hartgesottene Voyeure ob ihrer Unerheblichkeit zum Gähnen bringen.

Ja, Cherie Blair spricht auch über US-Präsidenten: Die außereheliche Beziehung Bill Clintons mit Praktikantin Monica Lewinsky sei "total dumm" gewesen: "Oh Bill, wie konntest du?”, fragte sich die Premiersgattin im fernen Albion - und bewunderte die betrogene Hillary Clinton umso mehr für ihren würdevollen Umgang mit dem Skandal.

Anders als bei den Clintons, die berühmt waren für ihre illustren Partys mit jeder Menge Prominenten, habe man bei dem rustikaleren George W. Bush um 22 Uhr das Licht gelöscht, erzählt Blair. Bei ihrem ersten Besuch in Camp David habe man den Abend mit einer DVD vor der Glotze beschlossen - es gab Robert de Niro in "Meet the Parents".

"George ist wirklich ein sehr lustiger, charmanter Mann mit einem sehr eigenen Sinn für Humor." Auf die Frage, was die beiden Politiker gemeinsam hätten, habe Bush geantwortet: "Colgate-Zahnpasta".

Schädliche Enthüllungen vermeiden

Brisant ist die Rolle des britischen Premiers Gordon Brown, der zurzeit gleichsam unter Memoiren-Beschuss steht: Nicht nur Cherie Blair fühlte sich berufen, den Premier aus dem Off zu attackieren und ihm implizit vorzuwerfen, ihre Schwangerschaft vor der Zeit ausgeplaudert zu haben. Auch Blairs früherer Stellvertreter John Prescott und Michael Lord Levy, einst oberster Spendensammler der Labour-Partei, haben Memoiren geschrieben, in denen sie den innerparteilich schwer geschwächten Labour-Chef Brown attackieren.

Tony Blairs Verhältnis zu seinem ehemaligen Minister Brown war stets gespalten. Angeblich soll er deshalb versucht haben, seine Frau von der Veröffentlichung "schädlicher Enthüllungen" abzuhalten. Seit Browns Amtsantritt als Labour-Chef und Premierminister im Sommer soll sich die Beziehung zwischen beiden entspannt haben.

Die Neuschreibung der Geschichte durch Cherie Blair sei einfach "schamlos", wettert Stephen Glover in der "Daily Mail". Das Buch sei allenfalls auf gruselige Weise fesselnd. Man könne davon ausgehen, dass Cherie Blair nach der Veröffentlichung ihrer Verhütungspraktiken nie wieder über eine Verletzung ihrer Intimsphäre klagen dürfe. Prescott, Levy und Blair unterschieden sich nicht in ihren Werken: "Alles, was wir haben, sind Bagatellen, das Begleichen von persönlichen Rechnungen und Selbstrechtfertigung."

Für Anne Perkins vom "Guardian" ist die Sache klar: Cherie Blairs Memoiren bestätigten all das, was Kritiker schon immer an der Neuen Linken gehasst hätten. "Sie ist flach, selbstverliebt und wie hypnotisiert von der glänzenden Oberfläche."

Ein gutes Haar allerdings lässt Perkins an der Autorin: In Sachen Ich-Bezogenheit könne Blair problemlos mit einer wirklichen Ikone des Landes konkurrieren: der verstorbenen Prinzessin Diana.