Schauspielstar Christiane Paul "Jeder versucht, seine Haut zu retten"

Ganz Europa auf der Flucht: In der Serie "8 Tage" durchlebt Christiane Paul, wie sich Menschen verhalten, wenn die Katastrophe unausweichlich ist. Privat verbreitet sie nicht so gerne Untergangsstimmung.

Sky/ Neuesuper

Christiane Paul (Jahrgang 1974) hat als Ärztin und Schauspielerin einen ungewöhnlichen Werdegang. Den Arztberuf hat sie zugunsten der Schauspielerei aufgegeben. 2016 erhielt sie den Emmy als beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle der Richterin im Fernsehfilm "Unterm Radar". Paul engagiert sich politisch, unter anderem für Menschenrechte und besseren Umweltschutz. In der Serie "8 Tage" erlebt sie die letzte Woche vor dem Einschlag eines Asteroiden, der Europa zu zerstören droht. Start am 1. März auf Sky.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer neuen Serie "8 Tage" droht die Erde von einem Asteroiden zerstört zu werden. Sind Sie persönlich manchmal in Weltuntergangsstimmung?

Paul: Man könnte den Asteroid vielleicht eher als Metapher sehen. Wenn überhaupt, dann mache ich mir Sorgen um katastrophale Folgen von Umweltverschmutzung und Klimaveränderung. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir das in den Griff bekommen. Insofern bin ich optimistisch und nicht in Weltuntergangsstimmung.

SPIEGEL ONLINE: Sie setzen sich seit Langem öffentlich für mehr Umweltschutz ein. Hat sich mit der Zeit merklich etwas verändert?

Paul: Ich habe mich 2011 in meinem Buch damit beschäftigt, was jeder Einzelne tun kann. Inzwischen denke ich, dass es zwar toll ist, wenn Leute vegan leben, aber das reicht nicht. Wir können die Lösung der Probleme nicht nur auf die Konsumenten, die Bevölkerung abwälzen. Einer alleinerziehenden Mutter können wir nicht vorschreiben, nur Pfandflaschen und Brot aus dem Bioladen zu kaufen. Die Politik muss Lösungen und Regelungen für die Wirtschaft finden.

SPIEGEL ONLINE: Achten Sie im Alltag besonders viel auf die Umwelt?

Paul: Mülltrennung, Umweltpapier, all diese Beiträge leisten wir natürlich. Aber ich stoße an Grenzen. Meine Kinder lieben Fleisch. Dagegen komme ich nur schwer an mit meinen bescheidenen Kochkünsten. Und ehrlich gesagt, mein Leben als Schauspielerin in Mitteleuropa mit gehobenem Lebensstandard macht es sehr schwer. Ich reise viel, fliege, die Kleidung, all diese Dinge... Ich habe einen sehr großen CO2-Fußabdruck, auch wenn ich oft Fahrrad und U-Bahn fahre.

SPIEGEL ONLINE: Versuchen Sie, andere zu überzeugen, nachhaltiger zu leben?

Paul: Ich habe das eine Zeit lang stark propagiert, aber damit aufgehört, weil ich in Gesprächen mit Freunden oder in Talkrunden häufig eine Abwehrhaltung gespürt habe. Die andere Seite wird entweder sofort still oder reagiert mit Scheinargumenten: Warum muss ich ein umweltfreundliches Auto kaufen, wenn der Chinese sich gar nicht um Umweltschutz kümmert? Das ist eine Art Schutzverhalten. Die Chinesen spielen doch sonst bei unseren Entscheidungen keine Rolle. Warum werden sie an dieser Stelle hervorgeholt? Das habe ich oft erlebt und deswegen aufgehört, so missionarisch zu diskutieren.

SPIEGEL ONLINE: Wovor schützen sich die Menschen?

Paul: Sie haben Angst, Dinge aufzugeben, von denen sie glauben, dass sie unbedingt zu ihrem Leben und zum Wohlstand gehören. Leider sehen viele nicht, dass wir dafür so viel anderes aufgeben, in Staus stehen, verschmutzte Luft atmen. Aber wahrscheinlich verlangen wir zu viel von den Menschen. Ich denke, wir brauchen in dem Fall mehr Staat, eine Politik, die den Menschen abnimmt, visionär zu denken und die Probleme zu lösen. Der Einzelne schafft das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das nicht: mehr Bevormundung?

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Christiane Paul: "Ich habe häufig eine Abwehrhaltung gespürt"

Paul: Nicht, wenn es richtig gemacht wird. Politiker müssen ihre Verantwortung tatsächlich wahrnehmen. Ich erwarte, dass sie vor einer Migrationskrise wissen, dass diese Krise auf uns zukommt und das Land darauf vorbereiten. Da sehe ich Handlungsbedarf. In "8 Tage" versagt die Politik auch, während die Bevölkerung in Starre verharrt.

SPIEGEL ONLINE: Besonders unheimlich erscheint in der Serie der moralische Verfall sämtlicher Beteiligten und der Sieg des puren Egoismus. Wie würden Sie sich verhalten?

Paul: Ich bin solchen extremen Situationen noch nicht ausgesetzt gewesen. Vielleicht ist es normal, dass jeder versucht, seine Haut zu retten. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten würde. Ich frage mich auch manchmal, ob ich den Mut gehabt hätte, gegen den Nationalsozialismus aufzustehen.

SPIEGEL ONLINE: Also zweifeln Sie daran, dass sich in der Katastrophe die Moral aufrechterhalten lässt?

Paul: Ich bin mir nicht sicher. Auf der anderen Seite gibt es gerade in Kriegssituationen viele Menschen, die Solidarität zeigen. Auch in "8 Tage" gibt es Menschen, die sich einen Rest an moralischem Empfinden bewahren.

SPIEGEL ONLINE: Können wir uns darauf vorbereiten, in der Gefahr unseren moralischen Kompass nicht zu verlieren?

Paul: Es ist essenziell, den sozialen Frieden aufrechtzuerhalten. Die Leute können sich nur für Moral interessieren, wenn der Druck nicht zu groß ist. Und der wird zurzeit immer größer. Es macht Angst, wenn wir uns fragen müssen, ob die Schicht der Zivilisation so dünn ist, dass wir in Gefahr sofort wieder mit der Machete losrennen. In den letzten Jahrhunderten haben wir große Fortschritte in der Entwicklung unserer kulturellen Werte gemacht. Wir müssen nun schauen, dass wir diese Werte nicht verlieren.



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