"Cinema for Peace" Steptanz, Montserrat Caballé, tibetische Folklore

Wäre die "Cinema for Peace"-Gala ein Film, es wäre eine glamouröse Tragik-Komödie. Bei der promigespickten Party, die jährlich am Rande der Berlinale steigt, mischt sich Hochkulturelles mit argen Peinlichkeiten. Und FDP-Minister Niebel erfährt, dass er ein "hässlicher Mann" ist.

Von Antje Wewer, Berlin


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"Cinema for Peace": Schnäbeln mit Leo
Man weiß nicht, ob man weinen oder lachen soll angesichts des Spektakels "Cinema for Peace" - und doch ist es der Berlinale-Abend mit den meisten Stars: Allen voran Leonardo DiCaprio, der gleich von zwei Damen, Mama Irmelin und Model-Freundin Bar Refaeli, begleitet wurde, daneben Liam Neeson, Bob Geldof, Catherine Deneuve, Christopher Lee und Michail Gorbatschow, für den es gleich zweimal Standing Ovatins gibt. Sie alle sind dabei.

Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt heißt Sir Bob Geldof zusammen mit Catherine Deneuve die 650 Menschen in Abendgarderobe willkommen und wundert sich, warum unser FDP-Minister Dirk Niebel eine so hübsche Frau hat - wo er selber doch ein "so hässlicher Mann" sei. Eine Beleidigung von Geldof, come on, natürlich lässt Niebel sich die nonchalant gefallen, ist doch alles für einen guten Zweck.

Der Charity-Event "Cinema for Peace" findet bereits seit 2001 statt, ein Ticket für den Abend kostet 1000 Euro, dafür gibt es Dinner, Drinks und Drama.

Es werden Filme ausgezeichnet, die Missstände anprangern, und mit einer Auktion wird Geld gesammelt, um später damit wieder Filmprojekte zu finanzieren, die unsere Welt besser machen sollen.

An den opulent mit Kerzenleuchtern dekorierten Tischen sitzen also Gäste in Smoking und langen Kleidern, essen Flusskrebse mit Kopfsalatcreme und Wiesenkalb mit geschmorter Zwiebel und trinken dazu Grauburgunder. Sie wissen, dass Liam Neesons Frau kürzlich gestorben ist, dass DiCaprios Mutter Irmelin heute Geburtstag hat und warten darauf, dass die Diva Deneuve sich wieder frech eine Zigarette ansteckt, obwohl es doch nicht erlaubt ist.

"Jeder, der 2000 Euro für Haiti spendet, darf zu mir hoch auf die Bühne"

Eindeutiger Höhepunkt ihres Abends ist nicht die Auszeichnung für "Das weiße Band" als wertvollster Film des Jahres oder die bewegende Rede von Joe Berliner, dem Regisseur von "Crude", der für seinen Dokumentarfilm über den Kampf der Eingeborenen am Amazonas den "Green Film Award" erhält, sondern der spontane Aufruf von Leonardo DiCaprio: "Jeder, der 2000 Euro für Haiti spendet, darf zu mir hoch auf die Bühne."

Tosender Applaus, große Begeisterung, die Stürmung der Bühne blieb aber aus. Am Ende standen 40 Prominente oben und sangen Leos Mama ein Geburtstagsständchen. Ach, wie herzig. Und Geld ist auch noch zusammen gekommen.

Ist doch alles für einen guten Zweck. Da kann man gar nicht dagegen sein, oder etwa doch?

Berlinale-Chef Dieter Kosslick, der anfangs noch mit im Gründungskomitee von "Cinema for Peace" saß, hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr von der Benefizgala distanziert, seit 2006 ist er nicht mehr dabei.

An den Filmen kann es nicht liegen, denn die Auswahl ist tatsächlich konsequent, interessant und wirklich inspirierend, thematisiert werden Völkermord in Ruanda, Zensur in Burma, Unterdrückung der Frauen in Iran.

Dass nicht jeder "Cinema for Peace" goutiert, liegt wohl eher am absurden Rahmenprogramm - irischer Steptanz, Montserrat Caballé, tibetische Folklore - und an der chaotischen Organisation, die im Kontrast zu der inszenierten Wichtigkeit des Events steht.

"Wieder enger mit der Berlinale zusammenarbeiten"

Da wird ein falscher Filmausschnitt eingeblendet, der angesehene britische Dokumentarfilmer Rex Bloomstein ist darüber "not amused", Preisträger stehen schon auf der Bühne, bevor sie genannt werden und bei der Auktion wird bestürzend wenig - am Ende sind es 45.000 Euro - für ein Gemälde von Daniel Richter geboten. "Vermutlich weiß die Hälfte der Gäste gar nicht, dass Richter einer der teuersten deutschen Maler ist", sagt der Galerist Gerd Harry Lybke, der mit im Komitee sitzt und jedes Jahr aufs Neue davon abrät, Kunst zu versteigern. "An diesem Abend geht es in erster Linie ums Promigucken, dann um die Filme und gar nicht um Kunst."

Eines allerdings muss man Jaka Bizilj, dem 38-jährigen Veranstalter von "Cinema for Peace", lassen: Die Stars kommen immer wieder, sitzen geduldig bei ihm am Ehrentisch und halten engagiert bis vergnügt ihre Laudatio.

Immer wieder wird behauptet, Bizilj bezahle den Prominenten reichlich Gage für ihren Auftritt. "So ein Quatsch", sagt Bizilj mit sanfter Stimme und schaut betrübt. Er trägt eine dezente Brille und ein Sakko, dass leicht glitzert: "Die wollen ihre Prominenz in den Dienst einer guten Sache stellen, das ist es. Und selbst wenn wir wollten, könnten wir uns das gar nicht leisten. Aus dem Sponsoren-Topf zahlen wir den Gästen die Reisekosten und Unterbringung."

Bizilj leidet darunter, dass "Cinema for Peace" in Berlin derzeit kein gutes Standing genießt. Dieter Kosslick hat auch dieses Jahr zu Protokoll gegeben, dass "Cinema for Peace" nicht zum offiziellen Programm der Berlinale gehört, und selbst der bei Partys nicht eben selten in Erscheinung tretende Klaus Wowereit ist zwar im Programmheft vertreten, hat aber am Abend andere Termine.

"Trotz der Querelen im letzten Jahr wünsche ich mir, dass wir in Zukunft wieder enger mit der Berlinale zusammenarbeiten", sagt Bizilj und schwenkt somit also die weiße Flagge, schließlich ist er der Produzent einer Gala für den Frieden.

"Charity - ein paradoxes soziales Gebilde"

Gerd Harry Lybke glaubt zu wissen, warum die Gala dagegen in Hollywood keineswegs in Verruf geraten ist: "Als Prominenter kann man bei "Cinema for Peace" einfach nichts falsch machen. Kino für den Frieden ist eine gute Sache. Punkt."

Das dachten sich auch Laudatoren wie Jan-Josef Liefers, Katja Riemann oder Jana Pallaske. Heike Makatsch blendet das Schicki-Micki-Drumherum so gut es geht aus und konzentriert sich an dem Abend auf die Filme: "Na klar ist Charity ein paradoxes soziales Gebilde", sagt sie. "Auf der Bühne geht es um das Elend der Welt und wir sitzen hier in Abendrobe und essen von Porzellantellern. Das ist der Deal, aber genau so funktioniert unsere Welt und ich finde es wichtig, dass diesen Filmen eine Plattform geboten wird."

Als die Auktion, bei der ein Dinner mit Placido Domingo und ein Kleid von Nastassja Kinski ersteigert werden können, nicht in Gang kommt, wünscht man sich Sharon Stone herbei. Die vor drei Jahren "Ihr ungezogenen Deutschen" in den Saal rief, um deutlich zu machen, dass sie mit dem Spendengebaren der Gäste sehr unzufrieden war. Und dann, gerade als die Moderatorin Sonya Kraus einen Trip zu den Gorillas nach Ruanda anpreist, passiert das, worauf einige Gäste den ganzen Abend gewartet haben. Catherine Deneuve zieht herrlich genervt eine Augenbaue hoch und zündet sich - im Saal - eine Zigarette an. Endlich.



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