Comeback nach Sexskandal Der schwere Gang des Tiger Woods

Ein Mann, 36 Minuten und viele Fragen: Golfprofi Tiger Woods stellte sich erstmals nach Bekanntwerden des Sexskandals der Öffentlichkeit - drei Tage vor seiner Rückkehr auf das Grün. Am Ort seiner größten sportlichen Triumphe musste er seine größte menschliche Niederlage erklären.

AP

Hamburg - Um Punkt 14 Uhr Ortszeit betritt er den Presseraum des altehrwürdigen Augusta National Golf Club, 14 Minuten später lächelt er zum ersten Mal, nach 36 Minuten ist das Spektakel vorbei - und Tiger Woods, der beste Golfer aller Zeiten, hat die bislang wohl schwierigste Aufgabe seiner Karriere gemeistert. Doch er schaut nicht zufrieden aus, eher erschöpft. So wie jemand, der froh ist, es endlich hinter sich gebracht zu haben.

Es ist Woods erster Auftritt vor Journalisten nach dem Bekanntwerden des Sexskandals im November vergangenen Jahres. Zuvor hatte der 34-Jährige lediglich den beiden US-Sendern Golf Channel und ESPN jeweils fünfminütige Interviews gegeben. Am Montag in Augusta stellt er sich erstmals den Fragen der Öffentlichkeit - gefasst und hochkonzentriert.

Der Unfall, als Woods vor seiner Ehefrau flüchtete; das öffentliche Geständnis, als der Golfprofi seine Sexsucht zugab; die Therapie, als sich der Sportmilliardär offensichtlich wegen seiner zahlreichen Affären behandeln ließ: Nichts lassen die zahlreichen Journalisten aus. Allein das Thema Golf kommt in der Fragerunde mit dem Profisportler kaum vor.

"Was ich getan habe, war schrecklich"

"Was ich getan habe, war schrecklich." Es ist ein Satz, den Tiger Woods an diesem Tag noch öfter sagen wird. Er spricht von einer "schwierigen Zeit", davon, dass er sich selbst belogen habe. Woods sagt all das, was man im Vorfeld von Woods erwartete. Wie schwer ihm dieser Gang aufs Podest jedoch fällt, wie nervös der Weltstar ist, lassen bloß Kleinigkeiten erahnen.

Als Tiger Woods sich setzt, ist sein Blick gesenkt. Er nimmt seine Mütze ab, wischt sich den Schweiß von der Stirn, atmet tief durch, greift zur Plastikflasche, trinkt einen Schluck. Er sagt, er sei nicht nervös, doch seine Körpersprache ist eine andere. Er sagt, es sei ein "großartigen Tag", weil er vor der Pressekonferenz auf dem Platz in Augusta seine erste öffentliche Trainingsrunde absolviert hatte. "Ich wusste ja nicht, wie ich empfangen werde. Aber ich sage Ihnen, die Zuschauer hätten nicht netter sein können. Die Unterstützung war unglaublich", beschreibt er seinen Tag auf dem Platz. Die Journalisten aber wollen andere Dinge wissen.

"Was war in den vergangenen Monaten am schwierigsten?", ist eine der ersten Fragen. "Zwei Dinge", antwortet Woods: "Auf mich selbst zu gucken, wer ich bin, und die Situation für meine Familie."

So geht das weiter, Minute für Minute. Woods lässt die Journalisten häufig ihre Fragen gar nicht zu Ende stellen. Die Antworten platzen förmlich aus ihm heraus, als wolle er das alles hier so schnell wie möglich hinter sich bringen. Er ist dabei offen, schonungslos ehrlich, nimmt die Schuld auf sich, entschuldigt sich immer wieder bei seiner Familie und bedankt sich bei den Menschen, die in den vergangenen Monaten zu ihm gestanden haben.

Flucht nach vorn

Seine Ehefrau Elin Nordegren wird wie auch seine Kinder nicht beim ersten Major des Jahres dabei sein, sagt Woods. Nur ein paar handverlesene Reporter durften seine Flucht nach vorn aus dem selbstverordneten Rückzug vom Turnierzirkus hautnah mitverfolgen. "Meine Therapie hat mir gutgetan und mir Werte meiner Familie, Mutter, Frau und Kinder bewusst gemacht. Aber jetzt bin ich topfit", so Woods. Warum er sich im Januar in eine Therapie begeben hatte, wollte er nicht begründen. Aber er werde sie fortsetzen.

Als ein Reporter wissen will, wie es seinem Knie geht, lächelt Tiger Woods zum ersten Mal. Es ist 14.14 Uhr in Augusta, und die Gesichtszüge des Golfprofis entspannen sich etwas. "Großartig", sagt er. Mit Sport hat diese Frage nur auf den ersten Blick etwas zu tun, die Knieverletzung rührt vom Autounfall, als Woods vor seiner Ehefrau flüchtete.

Um 14.36 Uhr ist Schluss. Woods steht von seinem Stuhl auf, entkrampft sich endgültig. Die Welt hatte ihren Auftritt, nun will Woods seinen eigenen. Am Donnerstag beginnt in Augusta das US Masters, das bedeutendste Golfturnier der Welt. Viermal hat Woods hier schon triumphiert. Was er bei seiner diesjährigen Teilnahme erwarte, will ein Journalist wissen. "Nichts hat sich geändert", sagt Woods nach fünfmonatiger Wettkampfpause. "Ich will wieder gewinnen".

Es war in 36 Minuten die einzige Sportfrage, die der Golfprofi gestellt bekam.

ham/dpa



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Resident.Rhodan, 05.04.2010
1. ...
Die Frage sollte doch jetzt sicher heißen, warum sich die Weltöffentlichkeit mit dem Privatleben eines wohlhabenden, talentierten Golfspielers auseinandersetzen muss... oder warum das Fremdgehen eines Tiger Woods um so vieles interessanter sein sollte als das von Walter Müller... oder warum die Boulevard-Abteilung des SPIEGELs noch keine inflagranti-Beweisfotos besorgt hat, die man in einer Fotostrecke mit Klickrekord veröffentlichen könnte. Herrje, Tiger Woods ist ein Mann wie alle anderen, manch einer geht fremd, mancher nicht, manche werden erwischt, manche nicht, manche belügen ihre Frau, manche nicht - aber nur bekannte Menschen werden bei solchen privaten Geschehnissen monatelang von der Presse gedemütigt. Gibts eigentlich eine Hall Of Fame für den Golfsport? Wenn ja, stifte ich einen Preis für das größte Presse-A....loch, das noch in 20 Jahren, wenn Tiger Woods dort aufgenommen wird, bei der ersten Frage auf den "Sex-Skandal" zu sprechen kommt!
Porgy, 05.04.2010
2. Was denn für ein Sexskandal?
Zitat von sysopEin Mann, 36 Minuten und viele Fragen: Golfprofi Tiger Woods stellte sich erstmals nach Bekanntwerden des Sexskandals der Öffentlichkeit - drei Tage vor seiner Rückkehr auf das Grün. Am Ort seiner größten sportlichen Triumphe musste er seine größte menschliche Niederlage erklären. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,687326,00.html
Tiger Woods ist fremdgegangen. Na und? Was ist daran "skandalös"? Das muss er doch mit seiner Ehefrau ausmachen, und die kann sich natürlich scheiden lassen. Aber das ist auch schon alles. Siehe auch: https://portfolio.du.edu/portfolio/getportfoliofile?uid=102435 http://www.newsweek.com/id/54389 Verdammte Ami-Heuchelei.
sample-d 06.04.2010
3.
..wundert mich nicht, dass hier niemand schreibt - noch langweiliger und unsportlicher als golf ist höchstens curling - auch wenn die Amerikaner das Thema scheinbar hochkochen - warum soll sich denn jemand in Deutschland für das privatleben eines sportlers interessieren, wenn nicht mal die sportart irgendjemand interssiert... plock - plack - plock....birdie - gähn....
Ylex 06.04.2010
4. Von den Plains bis zu den Rocky Mountains
Wenn Tiger Woods überhaupt süchtig ist, dann entschuldigungs- und rechtfertigungssüchtig. Der Golf-Milliardär macht sich zum Affen mit seiner penetranten Reumütigkeit, die schon fast lächerlich wirkt. Es sei schrecklich, was er getan habe, versichert er wortreich, er habe sich vor sich selbst geekelt – er labert und labert und labert, vor allem dummes Zeug. Manche Leute behaupten, man könne sich die Birne weichvögeln, vielleicht liegt es ja daran. Was trägt die Dame am Hudson River wohl drunter? Bisher gilt Freiheitsstatue als geschlechtsneutral, aber Amerika macht sich gern unerwartete, doch typische Sorgen - dazu gehört auch diese brandneue Gattung von Sexskandal, den Selbstanklagen und Weinerlichkeit in nationale Höhen eregieren. Nicht der Sexoholic Tiger Woods verdeutlicht die eigentliche Obsession, sondern der Stellenwert eines diffusen sittlichen Kodex – ein Abgrund hat sich aufgetan, und alle prüden Tanten von den Plains bis zu den Rocky Mountains starren lüstern in ihn hinab. Über die Probleme des zerknirschten Tiger Woods hätte August der Starke anno 1700 nur müde gelächelt – müde deshalb, weil der sächsische Kurfürst oft abgespannt war, denn er soll 364 Nachkommen gezeugt haben, mit so vielen hingebungsvollen Mätressen, dass über ihre Anzahl bis heute spekuliert wird. Nebenbei kam er sogar noch zum Regieren, und sein Image hat unter diesem bemerkenswerten Fleiß nicht gelitten.
zackzodiac, 06.04.2010
5. niederlage
was denn, bitteschön, ist denn seine grösste menschliche niedelage?
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