Cornelia Funke und Los Angeles Echte Liebe

Star-Autorin Cornelia Funke lebt seit zehn Jahren in Los Angeles, sie hat einen Blockbuster produziert und ein Haus in Beverly Hills gekauft. Mit Hollywood ist sie erst mal durch - mit der Stadt noch lange nicht. Geschichte einer großen Liebe.

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Aus Los Angeles berichtet Gesa Mayr


"Los Angeles", sagt Cornelia Funke und blickt auf den dichten Verkehr auf der Melrose Avenue, "Los Angeles benimmt sich wie ein sehr raffinierter Liebhaber. Jedes Mal, wenn man ihm weglaufen will, wird er wieder ganz wunderbar charmant."

Sie sitzt in ihrem Stammcafé in West Hollywood, Espresso, Orangensaft, geräucherter Lachs vor sich. Sie ist Frühstücksmensch. Im Café kennt man das schon, Funke bekommt extra Brot. Hier sitzt die erfolgreichste deutsche Jugendbuchautorin oft mit ihren Skizzenbüchern, schreibt E-Mails, startet in den Tag. "Ich habe gerne diese Atmosphäre, dass ich in der Stadt ankomme, dass ich sie spüre."

Diese Stadt.

Diese Stadt, die sich auf einer Strecke etwa so lang wie von Hamburg nach Lübeck ausdehnt. Die viele mit Hollywood und Sonnenschein verbinden, mit Auto-Massen, die sich in der Hitze über die breiten Boulevards schieben. Eine Stadt, in der Träume wohl häufiger ein schlechtes als ein gutes Ende nehmen. Los Angeles, Stadt der Extreme, in manchen Vierteln leben nur Obdachlose, wenige Blocks weiter die Superreichen. Am Sonntag wird all das noch ein wenig sichtbarer, wenn die Oscars verliehen werden.

Einen Tag hat es gedauert, bis Funke hier angekommen war. "Ich wollte überhaupt nicht nach LA", sagt sie. Erbost sei sie gewesen, als sie vor mehr als zehn Jahren wegen eines Buchpreises nach Kalifornien musste. Aber am Abend, als sie am Südpazifik in Santa Monica saß, da kam es in ihr hoch. Das Gefühl, dass ihr all das gefällt. Man kann sich in Menschen verlieben oder in Orte. Beides kann schnell gehen.

Stadt der Träumer

"Ich nenne LA die versteckte Stadt", sagt Funke. In ihren millionenfach verkauften Romanen stürzen sich die Menschen gerne in fremde Welten, die sich hinter Spiegeln und Büchern verstecken, sie sind mutig und manchmal eigenwillig. Sie sind vielleicht auch ein bisschen wie Funke, die diese Welt hinter dem Glamour und dem Gehabe für sich entdeckt hat. Die in Hamburg irgendwann Heimweh nach Los Angeles hatte.

Nach dem Meer, wo man Wale und Delfine sieht. Nach den Canyons, in denen man Kojoten und Klapperschlangen begegnet. Nach dieser Stadt, mit all ihren Ecken und Kanten. So ist das. Wenn man liebt, liebt man auch die seltsamen Seiten.

Die blonden Haare lose zurückgesteckt, kein Make-up, grauer Pulli, schwarze Jeans und eine Kette mit einem dicken roten Stein - Funke sieht so gar nicht nach dem Typ Mensch aus, den man in West Hollywood vermutet. Funke mag, dass man hier im Pyjama in den Supermarkt gehen kann. Die Mischung der Menschen. Die Latinos, die Asiaten, das Immigrantenland, in dem sie niemand fragt, wo sie herkommt, denn alle sind ja irgendwie von woanders. "In Italien wäre ich die reiche Deutsche, die Zugereiste. Das hat man hier ganz schnell abgelegt und ist einer der Amerikaner."

LA, Stadt der Fantasie, der Träumer, der Kreativen. Die Stadt, in der sich die Menschen neu erfinden. Wesentlich braver sei sie in Deutschland gewesen, sagt Funke. Nicht so abenteuerlustig. Hier halten die Leute erst mal alles für möglich. Funke sagt: "Ich fühle mich hier bei meinem Stamm."

"Nech?", sagt sie und köpft ihr Frühstücksei. Ein bisschen ist also doch noch da, von ihrer Kindheit in Westfalen und ihrem alten Leben in Hamburg-Ohlstedt. Vermisst hat sie es nie. "Eigentlich bin ich ein Landei", sagt Funke. Pflanzenhexe, wie sie sagt.

Stadt der Angst

"Tintenherz", damit wurde sie auf der ganzen Welt bekannt. Kinder und Erwachsene verschlangen die Geschichte von dem Vater und seiner Tochter, die, wenn sie aus Büchern vorlasen, die Geschichten lebendig werden lassen konnten. Wenn Funke spricht, zieht sie einen manchmal mit hinein, in diese Welt, in der oft die Magie in den Alltag kriecht. "Mir kommt es manchmal so vor, also ob die Wildnis die Stadt auf dem Buckel hat, und ab und zu schüttelt sie sich." Dann blickt sie kurz auf ihr Telefon, es steckt in einer Handyhülle, Motiv ist die Zeitmaschine aus der Serie "Doctor Who".

75 Millionen Dollar hat ein Studio damals ausgegeben, um die Geschichten von "Tintenherz" auf die Leinwand zu bringen. Am Ende war Funke mit Hollywood fertig. "Der Film macht meinen fliegenden Teppich zu einer Serviette."

Nichts fehlte dem Film, und doch irgendwie alles. So sieht sie das heute. Da half es auch nicht, dass das Team Steine aus Ligurien nach London flog, und sie ein Mitspracherecht hatte. Das war vielleicht ihre härteste Lektion: "Das letzte Wort hat der, der die Millionen investiert." Und so gab es statt dem offenen Ausgang der Geschichte ein Happy End. Zumindest für die Zuschauer.

Cornelia Funke überlegt, kippt einen zweiten Espresso hinunter. "Lügen gilt in Hollywood als Kunst und in keinster Weise als moralisch verwerflich." Soll heißen: Die Moral folgt dem Geld, den Hunderten Millionen, für die Leute ihre Seele auf den Tisch legen. Dazu die Sehnsucht nach Ruhm, der Traum von Hollywood, den die Alphatiere in den Chef-Etagen wie Bluthunde spüren und ausnutzen. Das sind so Funkes Erfahrungen. Gnadenlosigkeit. Es sei immer noch so, dass der mächtigste Filmproduzent nach zwei Flops merke, wie der Thron wackelt. "Auf den Fluren der Hollywood-Studios riecht es nach Angst."

Die treue Stadt

In Cornelia Funkes Garten in Beverly Hills riecht es ein wenig nach Rosmarin, nach Gras, nach den vielen Kräutern, dem Feigenbaum und dem Avocadostrauch. Pflanzenhexe. Ganz hinten ist ihr Garten-Häuschen, ihr Büro, in dem es aussieht, als hätte jemand all ihre Romane genommen und den Inhalt hinein geschüttet. Drachen, Bücher, Federn, Fotos, Bilder, Buddha-Statuen, ein strubbeliger Hund, ein Norwegen-Reiseführer, ein Oger-Plastikarm, noch mehr Drachen, noch mehr Bücher. Was sie liebt, was sie gesammelt hat. Geschenke ihrer Kinder, Briefe von Fans. Und ein Bild ihres verstorbenen Mannes.

Denn auch wenn LA ihr viel Liebe gegeben hat, hat sie doch auch eine große hier verloren. Ihr Mann starb 2006 an Krebs.

In schwierigen Momenten entscheidet sich oft: Flirt oder Beziehung. Für Cornelia Funke wurde es etwas Ernstes mit dieser Stadt.

Die Nachbarn kamen, die Schulen riefen an, Freunde nahmen die Kinder mit zum Strand, die Mutter mit in die Stadt. "Amerikaner können auf wunderbar praktische und reale Weise hilfreich sein, wenn schlimme Dinge passieren", sagt Funke.

Viele hätten damals damit gerechnet, dass sie die Heimreise antritt. Aber Funke wollte in dieser Welt bleiben, in die sie sich gestürzt hatte. "Gerade damals hat sich die Stadt bewiesen." Das wird sie ihr nie vergessen. Los Angeles ist eben ein guter Liebhaber. Und in dieser Geschichte auch ein treuer.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
janne2109 20.02.2015
1. Liebe?
Liebe - hm ich weiss es noch nicht genau, aber es ist eine wunderbare Aufzählung über LA, sogar die schönste die ich je gelesen habe über die verrückte Stadt. Und ja so habe ich auch empfunden vor langer Zeit. Leider habe ich nicht die Mittel gehabt um dort zu bleibend, vielleicht auch nicht den Mut? Wenn mich nicht die amerik. Politik so abstoßen würde, ich nicht so enttäuscht vom derzeitigen Präs. wäre, ich würde morgen hin fliegen und schauen ob ich noch so fühle.
Werner Mueller 20.02.2015
2.
Dieser "raffinierte Liebhaber" könnte sich auch als verkappter Psychopath entpuppen, der einen im Vorbeifahren erschiesst. Nichts für mich.
demophon 20.02.2015
3. City of Angels
Eine sehr zutreffende Beschreibung von L.A. Typisch auch Funkes Reaktion: Sie wollte erst gar nicht in diese Stadt reisen, war dann aber so begeistert, dass sie blieb. Man kann übertrieben behaupten, nur Menschen, die L.A. nicht wirklich kennen, mögen diese Stadt nicht. Funke hat allerdings einen wichtigen Aspekt ihrer Vorzüge ausgelassen: das ausgezeichnete Wetter. Was die Politik betrifft, die Menschen in L.A. gehören zu den liberalsten und tolerantesten in den USA. Wenn nur das ganze Land so denken würde!
Traudhild 20.02.2015
4.
So muss es sein - mit Skepsis bis Ablehnung an einen Ort fahren und letztenendes doch den "Bund des Lebens" mit ihm eingehen. Ich bezeichne mich selbst als eher keltischen Typ- ich weiß nicht, ob ich mehr als ein, zwei Jahre an einem Ort aushalten könnte, in dem das ganze Jahr über Sommer ist. Aber die Wege des Lebens sind unergründlich..
perfekt!57 20.02.2015
5. Guter Bericht, erstklassige Schreibe, psychologich und menschlich
klug, zeiht einen mit rein ohne die hermetikmzu suchen, alles bleibt offen, und die Mitte ist ein verantwortet er Platz voller Freiheit, Möglichkeiten, Entscheidungen und auch Widersprüchen. Evtl. mehr Mittelschicht-Timesharing, transatlantisch, koennte in der Tat wieder mehr hilfreich sein. 'Lear-Jet-Lose für Lustige' - oder solche, die es (wieder) werden wollen. Von der neuen 'Lockerer-Leben-Lotterie'. Menschen sind nicht boese, nur manche Orgnisationformen manchmal. Und Menschen mit viel Geld können es sich ueberall schnell leicher schoen machen lassen. Besonders die Anhänger des Passivs.
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