20. Hochzeitstag von Victoria und David Beckham Das Markenversprechen

Sie waren Influencer, bevor es überhaupt ein Wort dafür gab: Vor 20 Jahren heirateten David und Victoria Beckham. Eine Ehe ohne Geschmack - aber mit großem Gewinn.

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In ihren wüstesten Style-Zeiten hätten sie auch Geschwister sein können. Zugegeben, ziemlich gruselige Geschwister, die von einer noch grusligeren Mutter regelmäßig in wunderliche Partnerlook-Outfits gesteckt wurden. Schon ihre Verlobung verkündeten Victoria Adams und David Beckham1998 bei einem mäuschenhaft verpiepsten Pressetermin in schwarzen Rollkrägen und ebensolchen Mänteln.

Später erschienen sie zu Events in identischen schwarzen Leder-Jumpsuits, als wollten sie gleich noch einen Riesendiamanten aus einem Hochsicherheitsversteck stehlen. Sie trugen künstliche Brutzelbräune im gleichen Tiefengrad, Jeans in identischen Used-Stufen, die gleichen Kreuzanhänger, dunkelblauen Blazer, verzuppelten Blondsträhnchenfrisuren. Nur ihre Gesichtsausdrücke unterschieden sich stets eklatant: Er mit seiner Neigung zum Surferboygrinsen, sie mit dem distanzierten Fröstelgesicht.

Schon damals, in den stilistisch ohnehin hochverwirrten Nullerjahren, wirkten diese Matchy-Matchy-Auftritte verkitscht und abgeschmackt. Aber sie schmiedeten gleichzeitig weiter an dem Einheitsmythos, den die Beckhams seit Beginn ihrer Beziehung zelebrieren: Ja, wir haben vielleicht keinen Geschmack, schrien diese Aufmachungen - aber wir haben beide zusammen keinen Geschmack, wir gehören zusammen, wir sind eins: Ein Paar und eine Marke.

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20. Hochzeitstag von David und Victoria Beckham: Die Popstar-Ehe

Es sind gerade diese stilistischen Entgleisungen, für die man die beiden nach all den Jahren immer noch irgendwie mag, ihre manchmal rührend einfache Variante von Romantik. Sie mögen seit März offiziell Dollar-Milliardäre sein, aber sie nennt ihn, wie sie zu seiner Pein in bester Plapperlaune in einem Fernsehinterview erzählte, wenig distinguiert "Goldenballs".

Und es stimmt wahrscheinlich wirklich, was David Beckham in seiner Autobiografie schreiben ließ: "Meine Frau hat mich aus einem Fußballer-Aufklebersammelheft ausgesucht, und ich sie aus dem Fernsehen." Er lud das seinerzeitige Spice Girl 1997 zu einem Benefiz-Fußballspiel ein und die Romanze nahm ihren Lauf: die Liebe zwischen dem guten, aber nicht besten Fußballer von Manchester United und der berühmten, aber nicht besten Sängerin und Tänzerin der Spice Girls (wenngleich man anerkennen musste, dass Victoria in ihrer Rolle als Posh unbestritten das Spice Girl war, das am besten Stolzieren und in die Kamera deuten konnte).

Ihre Vereinigung vermählte auch zwei Unterhaltungssphären, die vor zwanzig Jahren nur lose miteinander verbandelt waren, das Showbiz und den Profisport. Posh und Becks, das ist eine interessensflexible Allianz, und ihre Fanschaft war darum von Anfang an deutlich diverser als die anderer Powerpaare, die beide im selben Sektor erfolgreich sind. Legendärerweise soll Victoria einmal gesagt haben, sie wolle berühmter werden als Persil, und dafür machten beide ihre Hausaufgaben: Schon früh sollen sie Marken- und PR-Experten angeheuert haben, um ihre Paar-Brand strategisch schlau aufzubauen.

90.000 Euro Einnahmen - täglich

So etwas macht vor allem dann Spaß, wenn es keine hinderlichen Geschmacksgrenzen gibt, die einen vor den überkandideltsten Eskapaden zurückschrecken lassen. Also heirateten David und Victoria am 4. Juli 1999 natürlich in einem irischen Schloss, saßen dabei auf goldenen Thronen, sie trug ein Krönchen, und abschließend wurde eine Fahne mit den Buchstaben "V. B. D." gehisst - Initialen, die ab da auch ein Markenlogo sein sollten. Ihr inzwischen wieder verkauftes Anwesen in Hertfordshire trug, passend zu dieser Inszenierung bürgerlicher Royalty, den Spitznamen Beckingham Palace.

Angeblich soll die Hochzeit eine gute Million Euro gekostet haben, was einem damals aberwitzig vorkam, inzwischen aber wie eine absolut vernünftige Investition vorkommt: Angeblich nehmen die Beckhams inzwischen täglich etwa 90.000 Euro ein, mit Victorias Modelabel, aber vor allem mit Davids Werbedeals mit Adidas, Pepsi, Samsung, L'Oréal und H&M und anderen. Victoria trat zwar nicht bei der gerade abgeschlossenen Revival-Tour der Spice Girls auf, profitierte aber dennoch von den Einnahmen. Und 2020 wird der US-Fußballverein Inter Miami den Spielbetrieb aufnehmen, der zu einem Teil David gehört.

Angehäuft haben die Beckhams diesen Reichtum, weil sie schon Influencer waren, als es noch gar kein Wort für den Job gab. Haltungs-Pioniere, die sich zur vermarktbaren Marke stilisierten, bevor Hans und Franz das auf Instagram taten, und die stets neue, limitierte Editionen von sich auf den Markt warfen: Davids Frisurentransformationen von Dawson-Leery-Flopphaar über Boyband-Schmachtpony, modellierte Tolle, rasierten Schädel und Irokesenschnitt hin zu einer tatsächlich würdevollen Frisur; Victorias Umdekorierung vom archetypischen Spielerfrauen-Look mit Extensions und Hot Pants zur smarten Designerin mit kurzem Pixie-Schnitt - die Beckhams verpassten nie den richtigen Zeitpunkt, sich zu relaunchen, bevor sie einem zu fad wurden. Auf Instagram sehen ihnen dabei inzwischen 56,8 Millionen (David) und 25,7 Millionen Follower (Victoria) zu.

Immerhin knapp 57.000 Aufrufe hat ein Video, das die Beckhams bei der royalen Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle im vergangenen Jahr zeigt - genauer gesagt: Victorias eher unlustiges Sphinxgesicht. "Watch to see Victoria's face", ist das Filmchen überschrieben, das dem Paar durch die Kirche folgt. Damals brummten gerade die Gerüchte, es krisele gewaltig zwischen den beiden, eine Scheidung sei wahrscheinlich.

Schon 2004 musste David öffentlich den Aussagen seiner ehemaligen Assistentin widersprechen, die berichtete, die beiden hätten miteinander eine Affäre gehabt. Victoria stand damals öffentlich demonstrativ an seiner Seite und rettete damit auch ihre Marke: Könnte man David nicht mehr als stabilen Ehemann, Vater und insgesamt guten Typen vermarkten, würde das das gemeinsame Unternehmen heftig lädieren.

Für die Zukunft scheinen die Beckhams darum auf die Erweiterung ihres Markenkerns zu setzen, die lange schon in Vorbereitung war: Ihre vier Kinder Brooklyn, 20, Romeo, 16, Cruz, 14, und Harper, 7 Jahre alt, waren immer schon auf ihren Instagram-Accounts und bei öffentlichen Auftritten zu sehen. Nun nahm Victoria sie mit auf ihr jüngstes Cover für die britische Vogue: Sie posiert darauf mit ihren Kindern - und ohne David, dafür ist aber Spaniel Olive dabei.

Die Marke Beckham ist längst schon größer als David und Victoria: Brooklyn versucht sich als Fotograf, seine Freundin Hana Cross trägt regelmäßig Victorias Kleidung. Romeo modelte schon für Burberry, und Harper kommt mit, wenn Papa die englische Frauen-Fußballnationalmannschaft trifft. Glückliche Familiendemonstration statt Paarfokus, das scheint die aktuelle Beckham-Markenstrategie zu sein. Und das Vorbild nicht mehr so sehr das britische Königshaus, sondern seine amerikanische Entsprechung: der Kardashian-Clan.

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Hexavalentes Chrom 04.07.2019
1. Galore
Diese beiden recht bescheidenen Medienmenschen sind bar jeglicher Originalität. Sie sind BIldvermarkter und bedienen den jeweiligen Zeitgeist mit angesagten Kopien. Der Lebenstil der Stunde wird von ihnen zuverlässig ausgestellt und zur Nachahmung anempfohlen. Eigentlich haben sie gar kein Versprechen, dass der Rede wert wäre. Geld als Klebstoff hält schließlich seit tausenden von Jahren ganze Imperien zusammen. Es sind Langweiler ohne Inhalt. Und über die Form lässt sich herrlich ablästern. Ihre Influence ist trotz dynastischer Fortschreibungsbemühungen recht übersichtlich. Interessant ist immer der Zeitpunkt, an welchem Eltern ihre Kinder zu Markte tragen: wenn es selbst nicht mehr läuft. Ob bei Beckhams, ob bei den Beckers oder den Poths. Galore.
femdoc 04.07.2019
2. gemach, gemach
den etwas midleidvollen Ton von "oben herab" würde ich lassen. auch ich bin kein fan von diesen Menschen, aber man sollte schon folgendes anerkennen: - sie sind noch verheiratet, eine echte Leistung, heutzutage auch bei Nicht-Promis, sie halten zusammen, auch für die Kinder - die Vermarktung der Kinder ist nicht mit den Kardashians vergleichbar, weil nur punktuell und gezielt. die Privatsphäre bleibt - VB ist mittlerweile erfolgreiche Modedesignerin, zunächst belächelt, mittlerweile Vogue-geadelt finanziell sehr erfolgreich sein und scheinbar noch einen guten Familienzusammenhalt, das muss man erst einmal schaffen, Hut ab!
ancoats 04.07.2019
3.
Zitat von femdocden etwas midleidvollen Ton von "oben herab" würde ich lassen. auch ich bin kein fan von diesen Menschen, aber man sollte schon folgendes anerkennen: - sie sind noch verheiratet, eine echte Leistung, heutzutage auch bei Nicht-Promis, sie halten zusammen, auch für die Kinder - die Vermarktung der Kinder ist nicht mit den Kardashians vergleichbar, weil nur punktuell und gezielt. die Privatsphäre bleibt - VB ist mittlerweile erfolgreiche Modedesignerin, zunächst belächelt, mittlerweile Vogue-geadelt finanziell sehr erfolgreich sein und scheinbar noch einen guten Familienzusammenhalt, das muss man erst einmal schaffen, Hut ab!
Na ja... Das Modelabel ist hoch defizitär - und damit finanztechnisch eigentlich nur als "Hobby" einer sehr reichen und obendrein noch sehr reich verheirateten Ehe- und Hausfrau zu betrachten... ;-) Und was die Leistung des Zusammenhaltens betrifft, beschreibt der Artikel ja sehr schön, dasss dies ein zentraler Markenkern des Unternehmes Beckham ist. Da kann - nein, da muss - man sich ggf. eben zusammenreissen. Und die Fantasilliaden Dollars helfen dabei sicherlich auch. Ein schönes, rundes, erfolgreiches Marketingprojekt, das Ganze - und ja, DAS kann man schon mal neidlos anerkennen.
mariomeyer 04.07.2019
4. Yo!
Gäbe es nicht diesen Artikel (und hätte ich ihn nicht gelesen), hätte ich von all dem nichts mitbekommen. Oder fast nichts. Insofern: Herzlichen Glückwunsch, Anja Rützel! Auch wenn Sie die Selbstvermarktung der Beckhams reichlich unappetitlich zu finden scheinen, so sind Sie mit diesem Artikel auch Teil der offenbar schon Jahrzehnte währenden Beckhamschen Marketingkampagne geworden. Ich finde die Ironie dabei köstlich.
Hexavalentes Chrom 04.07.2019
5. Auf dem heißen Stein
Zitat von mariomeyerGäbe es nicht diesen Artikel (und hätte ich ihn nicht gelesen), hätte ich von all dem nichts mitbekommen. Oder fast nichts. Insofern: Herzlichen Glückwunsch, Anja Rützel! Auch wenn Sie die Selbstvermarktung der Beckhams reichlich unappetitlich zu finden scheinen, so sind Sie mit diesem Artikel auch Teil der offenbar schon Jahrzehnte währenden Beckhamschen Marketingkampagne geworden. Ich finde die Ironie dabei köstlich.
Viele Menschen machen Quote. Es ist wie beim pauschalen Urlauben. Die Funktion der Kolumnistin ist die einer Reiseleiterin ins Seichtgebiet. Ohne Media-Coverage keine Beckhams. Es ist nicht anzunehmen, dass das Medium Teil einer Kick-Back-Strategie ist, was wenigstens sinnvoll wäre, aber leider hierzulande nicht gestattet ist. So bleibt etwas Trash-Content, um das gigantische Sommerloch zu stopfen. Gewiss nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.
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