Freiwilliges Martyrium Die Frau, die sich strecken ließ

Wie weit darf man seinen eigenen Körper optimieren? Eine kleinwüchsige US-Journalistin beschreibt in ihrer Biografie, wie sie sich um 35 Zentimeter strecken ließ. Nun bricht eine Debatte über den Sinn der schmerzhaften Prozedur aus.

Hamburg - Tiffanie DiDonato ist eine selbstbewusste Frau. Die 32-Jährige ist mit einem US-Marine verheiratet, mit dem sie einen kleinen Sohn hat. Seit mehreren Jahren arbeitet sie als freie Autorin , in Social Networks wie Facebook  und MySpace  stellt sie sich und das Leben ihrer Familie ohne Scheu dar. Dass sie eine derart öffentliche Person ist, verdankt sie, wenn man ihrer gerade erschienenen Biografie glauben kann, auch der Tatsache, dass sie sich die Beine brechen ließ.

DiDonato ist zwergenwüchsig, sie wurde mit einem normal proportionierten Körper, aber deutlich verkürzten Gliedmaßen geboren. Schon als Kind will sie beschlossen haben, das nicht hinzunehmen. Gliedmaßen kann man strecken, indem man gezielt die Knochen bricht und Lücken lässt, die man während des Heilungsprozesses immer wieder um Millimeter aufzieht. Der Körper selbst sorgt dann für den Aufbau zusätzlicher Knochenstrukturen.

Das klingt einfacher als es ist. Menschen sind keine Eidechsen, ihre Selbstheilungskapazitäten sind eng begrenzt. Was da nachwächst, ist nicht ganz so stabil wie der ursprüngliche Knochen. Die Prozedur ist zudem eine langfristige Tortur, die über Monate beträchtliche Schmerzen verursacht.

Sie ist darüber hinaus mit erheblichen Risiken verbunden. Manchmal geht die Streckung schief, manchmal endet der Versuch mit einer Lähmung im Rollstuhl. Nicht nur darum sprechen sich die Little People of America , die Lobbyorganisation der Kleinwüchsigen, gegen diese Methode aus.

35,5 statt 10 Zentimeter Streckung

Normalerweise verweigern auch Ärzte Streckungen, die über ein Maß von rund 10 Zentimeter hinaus gehen. Tiffanie DiDonato ließ sich um 35,5 Zentimeter strecken. Ihre erste OP hatte sie mit acht Jahren. Die zweite, bei der sie gegen jede Regel auf einer Streckung um das Zweieinhalbfache des sonst üblichen Höchstmaßes bestand, hatte sie mit 15 Jahren. Heute ist DiDonato 1,47 Meter groß und gilt damit gerade noch als kleinwüchsig.

In Amerika, quasi dem Mutterland der körperlichen Optimierung mit operativen Mitteln, weckt all das in diesen Tagen höchst konträre Gefühle. Für die Mainstream-Medien ist DiDonato eine "Marine Wife", die selbst Heldin sei: nach schmerzhaftem Kampf Siegerin über die eigenen Limitierungen. Die TV-Sender reißen sich um sie, seit sie am Donnerstag ihre Autobiografie "Dwarf" ("Zwerg") vorlegte.

Die Vorlage lieferte der zum Disney-Konzern gehörende US-Sender ABC. "Standing Tall" heißt der Bericht , was man jenseits der offensichtlichen Bedeutung ("groß aufgerichtet stehen") auch mit "Rückgrat beweisen" übersetzen kann. Dabei ist der Beitrag noch nicht einmal kritiklos: Bis in ihre Familie hinein reicht offenbar die Debatte über das Für und Wider der schmerzhaften Operationen. Auch Tiffanie, erzählt ihr Vater da, habe "durch die Operationen Mobilität verloren".

Offensichtlich: Auf Kinderfotos erscheint sie als quirliges Kind, heute läuft sie an Krücken. Aber worauf es ankomme, sagt ihr Vater, der die Phase der Operationen "unerträglich" fand, sei ja am Ende, dass sie zufrieden sei mit sich. Und das sei ja wohl so.

Was bedeutet Behinderung?

So scheint es wirklich. DiDonato stellt sich als jemand dar, die ihre eigene Behinderung überwand. Man kann und sollte das durchaus hinterfragen: Technisch gesehen ist sie heute stärker behindert als früher - da war sie nur klein. Heute kann sie ohne Gehhilfen nicht laufen. Sie habe nichts bereut, sagte sie dazu der ABC. Offenbar ist ihr der Größenzuwachs, die Annäherung an die Norm wichtiger als ihre körperliche Unversehrtheit. Ohne Schmerz, sagt DiDonato, komme man zu nichts.

Vertreter von Kleinwüchsigenverbänden können sich auch deshalb mit ihr und ihrer Botschaft nicht recht anfreunden. Die "Short People" verstehen sich absolut nicht als behindert, sondern nur als anders. Was DiDonato vorlebt, erklärt die Kleinwüchsigkeit aber quasi zur operativ zu heilenden Krankheit. Wobei Heilung hier mit dem Maßband definiert wird. Ist man gehbehindert weniger eingeschränkt als klein?

Die nun aufbrandende Debatte erinnert an die Diskussionen, die über Cochlea-Implantate geführt werden, mit denen viele Gehörlose wieder hören können. Schließlich kämpfen Organisationen von Menschen, die körperlich von der gängigen Norm abweichen, seit Jahrzehnten darum, dies nicht als Krankheit zu sehen. Gehörlose werden heute in vielen Ländern als eigene Kultur mit eigener Sprache anerkannt. Auch Kleinwüchsige haben sich vielerorts emanzipiert.

Dass Operationen sie angeblich zu vermeintlich "normaleren" Menschen reparieren können, stellt all das in Frage. So wie die Möglichkeiten, die Stammzelltherapien oder PID in naher Zukunft ermöglichen könnten. Die Betroffenen fürchten, dass am Ende dieser Entwicklung ein Umschwung der öffentlichen Meinung stehen könnte, der jede Normabweichung, jede Behinderung zur Schuld der Betroffenen erklärt.

Man kann verstehen, dass sich Tiffanie DiDonato wünschte, größer zu werden. Aber die Frage betrifft weit mehr Personen: Wenn die Umgestaltung, die Optimierung des Körpers zur Normalität wird, wo liegt dann die Grenze? Wohin bewegt sich die Norm, wenn man jede Abweichung, jede krumme Nase, jedwedes Fett, jeden zu schmalen Kiefer, jedes Zeichen von Alter zu eliminieren hätte, um akzeptabel zu sein und zu bleiben?