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Jane Austen Der Fluch der Karibik

aus DER SPIEGEL 19/2021

Sie ist seit über 200 Jahren tot – und steht im Mittelpunkt einer Kontroverse: Jane Austen, 1817 verstorbene Schriftstellerin und so etwas wie ein Heiligtum der britischen Nation. Die Verbindungen von Austens Familie zum Sklavenhandel, der im Vereinigten Königreich 1807 verboten wurde, sollen thematisiert werden, hat die Direktorin des Jane-Austen-Museums in Chawton angekündigt, wo Austen bis kurz vor ihrem Tod mit 41 Jahren lebte und arbeitete. Die Touren durch die Räumlichkeiten fanden zuletzt virtuell statt, eine Wiedereröffnung für analoge Besuche ist demnächst geplant. In letzter Zeit habe es vermehrt Fragen zu der Verbindung von Jane Austen zur Sklaverei gegeben, sagte die Direktorin. Austens Vater war Teilhaber einer Zuckerplantage in der Karibik. Das ist lange bekannt, und doch führte der Plan zu einem Aufschrei: Boulevardzeitungen wie der »Express« klagten, das sei eine neue Verrücktheit im Rahmen der aktuellen Debatten über Rassismus und Kolonialismus. Auch historische Persönlichkeiten werden dabei auf den Prüfstand gestellt, Zeitumstände hinterfragt. Die »Daily Mail« zeterte, die Pläne seien eine »revisionistische Attacke« auf Jane Austens Liebe zum Tee, eine peinliche Untersuchung, initiiert von »Black Lives Matter«-Aktivisten. Im England des 18. Jahrhunderts gab es kaum eine Familie, die nicht von Kolonialismus oder Sklaverei profitierte. Konsumgüter wie Zucker, Baumwolle oder eben Tee wurden in Überseegebieten unter zum Teil schrecklichen Bedingungen produziert. Diesem Themenbereich will sich das Museum am Beispiel der Familie Austen widmen – und damit einen wissenschaftlichen Prozess beginnen, der noch lange nicht beendet werden kann. Über die politische Einstellung der Künstlerin Jane Austen ist bislang nicht sehr viel bekannt. Zu ihren Lieblingsautoren gehörten ausgewiesene Gegner der Sklaverei, explizite Äußerungen von Austen dazu sind aber nicht überliefert.

KS
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