Erinnerungen an Diether Krebs Der Alleswoller

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2. Teil: Diether Krebs: Morgens zur Chemo - abends auf die Bühne


Diether Krebs reibt sich auf für neue TV-Formate wie "Voll daneben", "Der Dicke und der Belgier", "Knast" und "Rost", landet sogar einen Top-Ten-Hit mit "Ich bin der Martin, ne". Wie verdammt gut er seinen Job macht, sieht man auch bei seinen düsteren Rollen, zum Beispiel in der "Polizeiruf 110"-Folge "Roter Kaviar".

Dann erfährt Diether Krebs, dass er sterben muss. Der Kettenraucher hat gerade vier Bypässe gelegt bekommen, als die Ärzte 1998 beim Röntgen den Schatten auf seiner Lunge entdecken: inoperabler Lungenkrebs.

Krebs gibt ein letztes Mal Vollgas: 1999 brilliert er in der Gaunerkomödie "Bang Boom Bang" als Fiesling Werner Kampmann. Es hätte für ihn der Beginn einer dritten Karriere, als kantiger Star des jungen deutschen Kinos, sein können. Doch nach jeder Szene bricht er, geschwächt vom Lungenkrebs, am Set zusammen. Gedreht wird deshalb extra in der Nähe einer Klinik, in der er sich vor und nach seinen Szenen Behandlungen unterziehen muss. Diether Krebs verneint das nahende Ende stur bis zum Schluss, plant eine letzte Tournee. Er will sich vor seinem Publikum verneigen, ein letztes Mal Applaus hören. "Er war ein Alleswoller, ein Genussmensch, ein Lebemann", sagt Sohn Moritz, heute 28, SPIEGEL ONLINE.

Alleswoller Diether Krebs: "Er war ein Genussmensch"

Alleswoller Diether Krebs: "Er war ein Genussmensch"

Nur wenige weiht er ein, wie es um ihn steht. Morgens quält er sich mit der Chemotherapie, abends steht er kraftstrotzend auf der Bühne. Die Haare fallen ihm aus. Auf seine Glatze angesprochen, sagt er, er habe sie sich zugelegt, um sich für seine Perücken-Rollen schneller verwandeln zu können.

Nur zu Hause ist der Tod immer mal Thema. "Als wir vor der 'Tagesschau' saßen, sagte er mal: 'Ob die das melden werden, wenn ich sterbe?'", erinnert sich Sohn Moritz. Ein anderes Mal sagt Krebs über den Tod: "Er war schon zwei-, dreimal da, aber so lange ich ihn nicht anschaue, bleibe ich." Solange er Theater spielen kann, gelingt das Wegschauen.

Zurück nach Essen - "Da kommt er her, da gehört er hin"

Am ersten Tag nach Tournee-Ende geht es Diether Krebs dreckig, mit dem Bühnen-Adrenalin ist auch sein Lebenselixier weg. "Ich habe meine Mitte verloren", sagt er zu seinen Kindern. Er will zu Hause sterben, ohne Morphium und andere Schmerzmittel. Seine liebsten Menschen halten ihm die Hand. Zwei Tage später ist er tot.

Diether Krebs wird in seiner Heimatstadt Essen beigesetzt. "Da kommt er her, da gehört er hin", befindet die Familie. Mehr als tausend Menschen begleiten den Schauspieler auf seinem letzten Weg. Seine Frau Bettina von Leoprechting-Krebs trägt unter dem schwarzen Mantel ein weinrotes Kleid, wie am Tag der Hochzeit. Das Haus in der Lessingstraße verkauft sie. "Sie ertrug es nicht, dort zu sein. Es fühlte sich so an, als sei Papa nur kurz Kippen holen", sagt Sohn Moritz. Ein Neuanfang ohne Diether bleibt ihr verwehrt. Auch sie erkrankt an Lungenkrebs und stirbt am 6. April 2006.

Seinen Kindern hat Diether Krebs neben den Erinnerungen ein Video-Tagebuch hinterlassen, "Selbstgespräche": Diether Krebs allein vor der Kamera, mal im Bademantel, mal in irgendeinem Hotelzimmer. "Ein großes Erbe, aber auch ein hartes", sagt Moritz. "Dafür muss man die richtige Hose anhaben. Wir haben noch lange nicht alles davon angesehen."

Moritz gründete die Medienfirma Public Demand, sein 21-jähriger Bruder Till ist Kameramann. Gemeinsam mit dem Biografen Martin Schlierkamp und den Filmautoren Winni Gahlen und Rüdiger Daniel haben sie eine Dokumentation über ihren Vater Diether Krebs gedreht. "Es ist ein erster Schritt, das Erlebte zu sortieren. Eine Reise, die sehr wichtig ist für uns." Ihr Vater ist ein Stück deutsche Fernsehgeschichte. Am Abend, als er gestorben war, schalteten die Söhne die "Tagesschau" ein: "Und sie meldeten, dass Papa tot ist."



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