Erziehungs-Debatte Wickert fordert Staat statt Eltern

"Ich bin überzeugt davon, dass der Staat Kinder besser erziehen kann, als es die Eltern können": Mit diesen Worten mischt sich Moderator Ulrich Wickert in die Kinderbetreuungs-Debatte ein. Er fordert Ganztagskindergärten und -schulen - und spricht über seine ganz persönlichen Erfahrungen mit der Prügelstrafe.


Hamburg - "Ich bin überzeugt davon, dass der Staat Kinder besser erziehen kann, als es die Eltern können", sagte der ehemalige Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert der "Bild am Sonntag". Sicherlich würden bürgerliche Eltern glauben, sie würden besser erziehen als der Staat. Aber die machten nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung aus. Er finde das französische System richtig, Kinder so früh wie möglich in ein geordnetes Erziehungssystem zu geben.

Ulrich Wickert: "Der Staat kann Kinder besser erziehen."
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Ulrich Wickert: "Der Staat kann Kinder besser erziehen."

Wickert spricht sich dafür aus, Schulen und Kindergärten ganztags zu betreiben. Ganztagsschulen sollten Pflicht werden, dabei solle man keine Wahlmöglichkeiten lassen. Auf den Einwand, dass viele Menschen in der DDR schlechte Erfahrungen damit gemacht hätten, dass der Staat früh die Kinder in seine Obhut nimmt, sagte Wickert: "Die DDR war eine Diktatur. Das heutige Deutschland ist der freiheitlichste Staat überhaupt."

Wickert, der seit seinem Abschied von den Tagesthemen eine TV-Bücher-Sendung moderiert und gerade ein neues Buch geschrieben hat, kritisierte auch, dass Kinder zu Hause und in der Schule zu wenig Höflichkeit und Benehmen lernten. "Es geht ja gar nicht darum, dass sie unendlich viele Regeln auswendig lernen sollen, es geht schlicht um Respekt", sagte Wickert. Er selbst habe Höflichkeit und Respekt erst lernen müssen.

Zerrissene Jeans und ohne Krawatte

Zu Beginn seines Berufslebens habe er aber ganz bewusst gesagt: "Ich erweise anderen keinen Respekt. Und das habe ich getan, in dem ich in völlig zerrissenen Jeans zu Terminen gegangen bin, beim Termin mit dem Chef absichtlich auf eine Krawatte verzichtet habe, obwohl das damals noch als ungehörig galt", erzählt Wickert.

Strengere Erziehung heißt für Wickert nicht, dass die Kinder die harte Hand spüren sollen. "Ich bin grundsätzlich gegen jede körperliche Gewalt in der Erziehung. Im Affekt ist mir auch einmal die Hand ausgerutscht. Ich telefonierte und sie – sechs oder sieben Jahre alt – schlug mir die ganze Zeit aufs Bein, hörte auch trotz meines Schimpfens nicht auf", sagte Wickert der Zeitung. Er selbst sei von seinen Eltern nicht geschlagen worden, jedenfalls erinnere er sich nicht daran. "Allerdings: In der Schule gabs noch was mit dem Rohrstock. Das hat meiner Seele aber nicht geschadet", sagte Wickert.

sac/dpa



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