Rockergang Ex-Boss der Hells Angels Sonny Barger ist tot

Sonny Barger, langjährige Führungsfigur der Rockergang Hells Angels, ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Nach Jahren im Gefängnis gab er sich als geläuterter Rabauke, schrieb Bücher und züchtete Pferde.
Ralph Hubert »Sonny« Barger 2003 in Quincy, Illinois

Ralph Hubert »Sonny« Barger 2003 in Quincy, Illinois

Foto: Scott Olson / Getty Images

»Wenn Sie diese Meldung hier lesen, bin ich nicht mehr«, heißt es in dem Posting auf Facebook . Es verkündet den Tod von Sonny Barger, prägende Figur der berüchtigten Rockergang Hells Angels. Barger sei nach einem kurzen Kampf mit Krebs friedlich verschieden, heißt es, und weiter: »Ich hatte ein langes und gutes Leben, gefüllt mit Abenteuer. Und ich hatte das Privileg, Teil eines unglaublichen Klubs zu sein.«

»Haltet den Kopf hoch, bleibt loyal, bleibt frei, und vergesst nie den Wert von Ehre«, schließt das Posting. Loyalität, Freiheit, Ehre – alles Sekundärtugenden, mit denen sich die Hells Angels gern schmücken. Außerdem steht die Gang für Gewalt, Drogenhandel, Rockerkriege, Rassismus. Und für Motorräder natürlich, die Harley-Davidson.

Ralph Hubert »Sonny« Barger gründete 1958 die Hells-Angels-Ortsgruppe von Oakland (Kalifornien) und stieg schnell zur Führungsfigur der Biker-Gang auf. Ihr Name geht auf einen Film von 1930 zurück: »Hell's Angels« über Erlebnisse von Kampffliegern im Ersten Weltkrieg. Wie groß die Rolle ehemaliger Soldaten in der Gründungsphase der Gang war, ist nicht ganz klar, auf jeden Fall klang der Name schön martialisch und passte zum Selbstbild der Biker.

In ihrer Anfangszeit war das Image der Hells Angels noch gar nicht so rau: Sie wurden in den Sechzigerjahren als Teil der erstarkenden Gegenkultur angesehen, sie hatten ihr Hauptquartier in San Francisco, der charismatische Barger pflegte Bekanntschaften mit Kulturschaffenden wie Allen Ginsberg, Timothy Leary oder der Band The Grateful Dead. Die Rocker nahmen die gleichen Drogen und schwärmten von einem Lebensgefühl, das 1969 das Roadmovie »Easy Rider« verewigte. Doch sie nutzten als Symbole Totenkopf und Hakenkreuz, ihr Motto war: »Fuck the World«.

Sonny Barger 1979 in San Francisco

Sonny Barger 1979 in San Francisco

Foto: Janet Fries / Getty Images

Im Vietnamkrieg meldete Sonny Barger die ganze Gang freiwillig zum Kampfeinsatz. »Wir haben das Gefühl, dass eine Brechertruppe, bestehend aus gut trainierten Gorillas, den Vietcong demoralisieren und der Freiheit dienen wird. Wir stehen ab sofort bereit, unsere Pflicht zu übernehmen«, schrieb er 1965 an den damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson (der das Angebot aber nicht annahm, wie die »Washington Post« berichtet ). Mit Linken, Studierenden und Kriegsgegnern wollte Barger nichts zu tun haben.

Spätestens auf dem Altamont-Festival 1969 wurde das deutlich. Dieses war von den Bands Rolling Stones und The Grateful Dead als Westküsten-Woodstock geplant, endete aber in einer Gewaltorgie: Die als Security engagierten Hells Angels verprügelten reihenweise Konzertbesucher, und als sich ein schwarzer Besucher, der 18-jährige Meredith Hunter, gegen sie wehrte und einen Revolver zückte, erstach ihn ein Hells Angel. Dieser wurde später wegen Notwehr freigesprochen, aber Altamont symbolisierte fortan das Ende der Love-Generation – und machte auch den Letzten klar, wozu die Hells Angels fähig sind.

Drogenhandel, Prostitution, Erpressung, Gewalt

Die Biker waren schon längst in Drogenhandel, Prostitution, Erpressung, Gewalt und andere kriminelle Machenschaften verwickelt und expandierten weltweit: 1969 gründete sich die Londoner Gruppe, 1973 die erste deutsche in Hamburg. Auch Sonny Barger verbrachte Jahres seines Lebens hinter Gittern, wegen Waffenbesitzes, Gewalttaten, Rauschgiftdelikten.

Dabei sei seine Gang gar nicht so gefährlich. »Das ist alles Polizeipropaganda«, beteuerte Barger 1998 bei SPIEGEL TV. »Komm mal um 10 Uhr morgens in meiner Werkstatt vorbei, da stehe ich und schraube an Motorrädern herum. Und um fünf gehe ich nach Hause, ich bin viel zu müde, um später in einer Bar noch jemanden umzubringen, da will ich nur noch ins Bett.«

Die Aufnahmen mit Barger können Sie in folgendem Beitrag sehen (ab Minute 9:30):

Die Aufnahmen zeigen einen fröhlichen Mann in Rockerkutte, der zum Reden ein Loch in seinem Hals zuhält – Luftröhrenschnitt nach Kehlkopfkrebs – und ohne Scheu mit dem Image seiner Bande kokettiert. Ja, er trug in den Sechzigern einen Nazi-Gürtel mit Hakenkreuz, na und? »Wir sind halt ein bisschen anders«, tut er Vorwürfe ab.

In einem weiteren Ausschnitt erklärt Barger seine Philosophie: »Wir glauben an Gut und Böse, wir respektieren Gesetze.« Nur halt nicht unbedingt die staatlichen Gesetze, räumt er ein, aber es brauche Regeln, um zu überleben. Und er beschreibt sein Problem: »Die Regierung hält sich nicht an ihre Gesetze – von uns wiederum wird das erwartet.«

SPIEGEL TV

Lockere Attitüde, das Image des geläuterten Bad Boys, daraus hat Barger in seinen letzten Lebensjahrzehnten ein Geschäftsmodell gemacht. Er schrieb fünf Bücher, darunter eine Autobiografie und zwei Romane, und züchtete mit seiner vierten Frau Zorana Pferde in Arizona. In der erfolgreichen TV-Serie »Sons of Anarchy« spielte er einen inhaftierten Rocker.

2016 zog er wieder ins heimatliche Oakland. Dort erlag er am 29. Juni im Alter von 83 Jahren einem Krebsleiden.

mgo
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