Filmpreis-Party "In Hollywood wären sie durchgedreht"

Barbaras Babybauch, Kekillis Kniefall - und ein bester Hauptdarsteller, der es partout nicht bis zur Bar schaffte: Die Verleihung der Lolas im Berliner Friedrichstadtpalast war trotz fehlender Tanzfläche ein echtes Party-Event. Sogar ein bisschen Hollywood-Glamour blitzte auf.

DDP

Aus Berlin berichtet Antje Wewer


Zu behaupten, der 60. Verleihung des Deutschen Filmpreises habe Glanz gefehlt, wäre dann doch ein wenig unfair. Immerhin stand bei der Lola-Gala im Friedrichstadtpalast der frisch gekürte Oscar-Preisträger Christoph Waltz als Laudator auf der Bühne. Seit er im März für seine Rolle als charmant-unheimlicher SS-Offizier in Quentin Tarantinos Nazijäger-Satire "Inglourious Basterds" ausgezeichnet wurde, ist der Österreicher "unser Mann in Hollywood". Wer, wenn nicht er, könnte eine Bilanz zwischen den Academy Awards in Los Angeles und der Filmpreis-Gala in Berlin ziehen? "In Hollywood hat man ein ganz anderes Bewusstsein für die Filmindustrie", sagt er nach der Verleihung. "Sie ist mächtiger, hat viel mehr Geld im Rücken und tritt daher auch viel selbstbewusster auf. Die Amerikaner legen an so einem Abend mehr Wert auf Show als die Deutschen. Hier wird aber genauso professionell agiert wie drüben."

Letztes Jahr wurde die Preisverleihung - beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit - im Palais im Funkturm veranstaltet, für die Geburtstagsgala wurde sie - auch aus Kostengründen - in den kleineren Friedrichstadtpalast verlegt. Neue Location, neues Glück? Nicht ganz. Aber wer in der neuen Mitte statt im alten Westen feiert, zieht viel mehr Schaulustige und Fans an den Roten Teppich. Das ist gut für die Schauspieler-Egos und noch besser für die Stimmung. Ebenfalls neu sind die beiden Präsidenten der Filmakademie, Iris Berben und Bruno Ganz, die neben Kulturstaatsminister Bernd Neumann sogar die Bundeskanzlerin als Ehrengast begrüßen durften. Angela Merkel, im lachsfarbenen Blazer und schwarzen Hosen, gab sich in ihrer Rede überraschend locker. Erst kürzlich von einer Reise an die US-Westküste zurückgekehrt, munterte sie die hiesige Filmbranche mit Lob auf: "Ich konnte mich gerade davon überzeugen, dass der deutsche Film einen sehr guten Ruf in Los Angeles genießt."

Einer schwangeren Frau verzeiht man fast alles

Dass die Lola-Verleihung dennoch zu staatstragend geriet, verhinderte zum Glück Moderatorin Barbara Schöneberger, die, in ein riesiges und sehr clever kaschierendes Paillettenkleid gewandet, ihren Babybauch (achter Monat!) zum Thema des Abends machte. Man erfuhr viel, vielleicht zu viel, nur nicht den Namen des Kindes, das womöglich aber Lola heißen wird, wenn es ein Mädchen wird. Einer schwangeren Frau verzeiht man fast alles. Sogar, dass sie beim Warm-Up der Zuschauer die gleichen Witze reißt wie später bei der TV-Aufzeichnung.

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60. Deutscher Filmpreis: Lola, Waltz und weiche Knie

Ein Mann, der garantiert keine Scherze macht oder große Gefühle aufkommen lässt, ist der österreichische Regisseur Michael Haneke. Sein Geschichtsdrama "Das Weiße Band" war 13-mal nominiert und gewann am Ende zehn Lolas. Der Filmakademie hat man in den vergangenen Jahren oft vorgeworfen, sie würde Preise nach dem Gießkannenprinzip verteilen, dieses Jahr ging auf Haneke und sein Team ein veritabler - und hochverdienter - Preisregen nieder. Die einzige Überraschung war Sibel Kekilli, die für ihre Rolle in "Die Fremde" als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde: Sie stürmte barfuß auf die Bühne, ging stolpernd in die Knie, konnte ihr Glück nicht fassen - und rief schließlich beherzt ins sichtlich irritierte Publikum, dass sie noch jung ist, viel arbeiten will und sich auf Drehbücher und Rollenangebote freut. Nach ihrem furiosen Debüt in Fatih Akins "Gegen die Wand" vor sechs Jahren hatte es kaum ernsthafte Arbeitsmöglichkeiten für Kekilli gegeben. Später auf der Party, als alle Preise vergeben sind, kommentiert Liya Kebede, das ehemalige Top-Model, das die Hauptrolle in "Wüstenblume" spielt, den Auftritt so: "Der Auftritt von dem türkischen Mädchen mit dem lustigen Namen hat mir am besten gefallen. Er war rührend, emotional und überraschend. In Hollywood wären sie durchgedreht."

Einer, der auch für Stimmung sorgt, ist Burghart Klaußner. Vor lauter Händeschütteln schafft es der für seine Rolle als Pfarrer in "Das weiße Band" zum besten Hauptdarsteller gekürte Schauspieler einfach nicht bis zur Bar: Er steckt im Treppenhaus des Friedrichstadtpalastes fest. In der rechten Hand hält er seine "Lola", in der linken ein Bier. Egal, dann wird eben an Ort und Stelle gefeiert. "Nachdem wir in Los Angeles leer ausgegangen sind, ist das hier natürlich ein grandioses Heimspiel", erzählt Klaußner von der Oscar-Verleihung, bei der Hanekes Film gegen den argentinischen Beitrag verlor. "Hier ist es sowieso viel kuscheliger als drüben. Dort war der Saal auf Gefrierfachkälte runtergefahren", lacht er - und freut sich sogar über die auf Berliner Partys allzu obligatorische Currywurst, die ihm ein Kellner reicht. "Solche Leckereien gab es dort auch nicht." Ganz klar: Gewinner können überall Spaß haben.

Auf den Toiletten wird gefeiert

Für den Rest der Gäste gestaltet sich das schwieriger: die 1800 Gäste verteilen sich auf drei Ebenen, die Fotografen jagen die Nominierten durchs Haus, das leider nur den Charme einer Schulaula verströmt, und so richtig gehen lässt sich auch niemand: Die Tanzfläche fehlt, der Abend hat kein Zentrum. Der düstere Schwarzweiß-Film "Das weiße Band" kommt wunderbar ohne Musik aus, aber eine bunte Party? Regisseur Oskar Roehler ("Die Unberührbare") steht in der zweiten Etage neben dem Stand mit Rotkäppchen-Sekt (ein Champagner-Sponsor ließ sich nicht finden) und hat Sehnsucht nach dem Palais am Funkturm: "Die Architektur war viel schöner, es gab eine tolle Terrasse, frische Luft, super Drinks, und irgendwann hat man die Preisträger enthemmt auf der Tanzfläche gesehen."

Stattdessen wird vor den Toiletten gefeiert - weil dort geraucht werden darf. Der Schauspieler Rolf Zacher ist in Turnschuhen gekommen und hat bombige Laune. Er flirtet gleichzeitig mit Alexandra Maria Lara und Anna Loos (beide in weißen Kleidern, die eher nach Hochzeit als nach Gala aussehen) und freut sich, dass Justus von Dohnanyi für seine komische Rolle in "Männerherzen" ausgezeichnet wurde. "Komödie wird ja oft unterschätzt, dabei ist das genauso schwer wie das todernste Geschäft", sagt Zacher.

Etwas versteckt in einer Ecke sitzt die Überraschungssiegerin Sibel Kekilli auf einem Sofa, trinkt Mineralwasser und ruht sich aus. "Ich habe mich vorhin auf der Bühne total verausgabt, der Preis hat mich überrumpelt. Nachdem ich die Laudatio für meinen Kollegen Settar Tanriögen gehalten hatte, dachte ich, das war es für mich und habe mir die Pumps ausgezogen."

Und Bernd Eichinger? Der wohl meistgefürchtete Mann der deutschen Filmbranche, für den es den Ehrenpreis und Standing Ovations gab, verließ die Party schnell in Richtung Promi-Restaurant Borchardt. Der Erfolgsproduzent konnte sich einen frühen Abgang erlauben, denn seine Dankesrede war beides: cool und emotional zugleich. Tränen in den Augen, großer Applaus. Das war Hollywood im Friedrichstadtpalast. Ganz kurz, aber immerhin.



insgesamt 5 Beiträge
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lemming51 24.04.2010
1. ??
Ich habe bei den Bildern in den Printmedien oder im TV von diesen deutschen Veranstaltungen (Lola, Echo, Grimme usw.) immer den Eindruck, dass sich da ein Haufen Möchte-Gern-Mimen-Musiker-Künstler oder Prominenten-Darsteller tummeln und in die Kameras drängeln, um mehr oder weniger hirnlose "Stäitmenntz" abzusondern. Eitel, selbstverliebt und ungeheure wichtig. Als Darsteller in ihren Filmen gefallen sie mir weitaus besser als im "richtigen" Leben.
Hercules Rockefeller, 24.04.2010
2. Ohje
Eine schwangere Moderatöse und eine Pornodarstellerin mit Migrationshintergrund als Aufhänger für einen Artikel über einen deutschen Filmpreis-das spricht doch Bände! Dagegen kann man einer Lindsay Lohan ja einen Oscar für ihr Lebenswerk geben, selbst die wirkt glamouröser, als unsere Armada aus Reihenhauszombies mit Hochlohn. Unsere "Stars" dürften in Amerika noch nicht mal beim Catering die Teller waschen.
snowboarding_3 24.04.2010
3. Facelifting lohnt sich nicht
@lemming51: Was für eine .. ähem .. konstruktive Kritik. Ich denke das Format bringt diese Begleiterscheinungen wie Eitelkeit einfach mit sich. Denn warum soll man auch nicht stolz auf sich sein, wenn man für seine Arbeit anerkannt wird? Bei wem konkret haben sie diesen "Eindruck"? Mich haben aber einige Nachtgestalten aus dem Publikum erschreckt. Es schien so, als hielte man die Kamera immer auf (mir unbekannte) C-Promis, bei denen das Faceliftung gründlich schief gelaufen ist ...
leonardo667 24.04.2010
4. glamour auf deutsch
für eine deutsche filmparty wars doch ganz ordentlich... Ich glaube, es macht keinen Sinn, immer wieder Vergleiche mit der Oscar-Veranstaltung anzustrengen. Die Mentalität dort ist einfach eine völlig andere: ein so lässiger Auftritt wie der von Ben Stiller als Avatar-Wesen ist hier so gar nicht möglich. Das ist Entertainment, das deswegen so gut funktioniert, weil die meisten dort in der Lage sind bis zu einem gewissen Grad immer auch über sich selber zu lachen bzw. einen Witz auf eigene Kosten zu verkraften (z.B. bei den standups in der Einleitung, wo es schon mal ziemlich ans Eingemachte geht...); mir scheint, dass die Leute hier sowas viel schneller viel persönlicher nehmen. Man feiert sich hier zwar auch selbst, aber echter Glamour will sich nicht einstellen. Deutschland ist eben nicht Amerika. Alles ist ernster und irgendwie auch unlockerer. Macht aber nix, hier gibts ja schließlich eigene hervorragende Qualität; deswegen nervt es auch, wenn ständig versucht wird, bis in die Details die Oscar-Veranstaltung zu kopieren, wenn man nicht wirklich verstehen will, wie und warum das dort und nur dort so funktioniert...
kalif1978 09.04.2011
5. Alles Egomanen
Immer wieder das selbe (Grammy, Oskar, Echo, Löwe etc.pp). Da ist ein Haufen von Nichtsleistenden wieder mal zusammengekommen um sich gegenseitig zu Beweihräuchern. Irgendwann haben die so viele Auszeichnungen geschaffen, daß auch jeder einen Preis bekommt! Die haben doch mächtige Minderwertigkeitskomplexe!
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