SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

02. März 2011, 12:20 Uhr

Gallianos Schimpf-Tiraden

Absturz des Paradiesvogels

Von , Paris

Erst gefeiert, dann gefeuert: Stardesigner John Galliano droht in Frankreich ein Verfahren wegen antisemitischer Ausfälle, jetzt hat ihm auch noch sein Arbeitgeber Dior gekündigt. Gallianos Umfeld erklärt die Affäre mit Überarbeitung - und erntet dafür Hohn und Spott.

In Paris sind sie die Stars der Szene, wahre Lichtgestalten mit Schere und Schneidebogen: In der Hauptstadt der Mode zählen die Couturiers der Edelmarken zu den ruhmreichen Vertretern der französischen Zivilisation, gleich neben Schauspielern, Literaten, Künstlern und Köchen. Balmin, Cardin, Chanel, Lanvin, Patou, Saint-Laurent - wer in den Kreis der schöpferischen Spitzentalente vorgedrungen ist, wird verehrt und gefeiert.

Das gilt sogar für Ausländer. Ob Calvin Klein, Emanuel Ungaro, Paco Rabanne oder Karl Lagerfeld: Auch sie gehören zur Schar legendärer Schöpfer, die in an der Seine Karriere machten oder dort gar in die Führungsetagen der etablierten Modehäuser aufstiegen.

Auch John Galliano, 50, gehörte zu dieser erlesenen Riege, jetzt aber droht dem extravaganten Stardesigner der Rauswurf aus dem Pantheon. Galliano wurde wegen rassistischer und antisemitischer Ausfälle von seinem Arbeitgeber, dem Konzern Louis Vuitton Moët Hennessy (LVMH) , Besitzer der Marke Dior, sang und klanglos gekündigt.

Es ist ein brutaler Absturz: Der Brite, geboren in Gibraltar, inspirierter Wunderknabe und drei Jahre nach seiner Mode-Ausbildung zum "Designer of the Year" gekürt, zog Anfang der neunziger Jahre nach Paris. Fünf Jahre später avancierte er dank seiner ausgefallenen Entwürfe zum Chef-Couturier bei Givenchy. Er schockierte, sorgte für Schlagzeilen - und für Umsatz. Der Rockstar der Modemacher entwirft Kreationen für den Laufsteg, die ebenso offensiv wirken wie die seltsamen Selbstinszenierungen des Designers, der sich immer wieder gern in einem schrägen Piratenlook präsentiert, Lippenbart und Dreadlocks inklusive.

Das hindert das Enfant terrible der Branche freilich nicht, sich 1997 vom Traditionshaus Dior anheuern zu lassen, wo die Dramaturgie seiner Defilés - stets gekrönt vom Schlussauftritt des Meisters - ihm den Ruf "göttlichen Wahnsinns" bescheren. Damit gelingt Galliano endgültig der Aufstieg in den Club der angehimmelten Genies.

Steiler Fall für den Senkrechtstarter

Und jetzt der jähe Rauswurf aus dem Olymp der Mode. Womöglich landet Galliano bald auf einer Anklagebank. Mehrere Parteien haben Klage erhoben. Offenbar hatte Galliano am Donnerstag vergangener Woche in stark angetrunkenem Zustand ein Paar auf der Terrasse eines Pariser Cafés angepöbelt; eine Darstellung, die der Modeschöpfer umgehend dementieren ließ.

Doch kaum hatte sich die üble Entgleisung in der Hauptstadt herumgesprochen, meldete sich ein anderes Opfer bei der Polizei und zeigte Galliano ebenfalls wegen vergleichbarer Taktlosigkeiten an, die sich im vergangenen Jahr ereignet haben sollen. Und schließlich tauchte ein ominöses Video auf, veröffentlicht auf der Internet-Seite des Boulevardblattes "Sun", in dem Galliano in einer Kneipe lallend-aggressiv über das Äußere anderer Gäste herzieht. Die unappetitlichen Tiraden gipfeln in dem Bekenntnis: "Ich liebe Hitler".

Damit war beim Luxuskonzern LVMH die Grenze von Geschmacklosigkeit und Gesetzesverstoß überschritten. Antisemitische und rassistische Injurien sind in Frankreich strafbar. Der Vorgang sei mit den "Werten des Hauses" nicht vereinbar, ließ LVMH mitteilen, offenbar äußerst besorgt um seine internationale Reputation.

"Keine Träne nachweinen"

Es ist ein tiefer Fall für den Senkrechtstarter Galliano, der von "Who's Who" in der Liste der "einflussreichsten Designer des 20. Jahrhunderts" geführt wird, bei dem sich aber augenscheinlich die Grenzen zwischen professioneller Provokation und privatem Wahnwitz vermischen. Die Affäre, just zum Auftakt der Prêt-à-Porter-Schauen, erschütterte nicht nur die vornehme Welt des "Tout-Paris", sondern bedrohte vorübergehend die Präsentation des Hauses Dior im Musée Rodin.

Neben den Laufstegen wird allerdings getuschelt, dem Modehaus käme der Vorfall nicht ungelegen - man habe sich schon länger von dem schillernden Galliano trennen wollen. Fans und Freunde des Designers bestreiten diese Version und wollen dessen Gemeinheiten mit Überarbeitung erklären.

Dauerstress gehört gewiss zu einer Branche, in der zwischen London, Paris und Mailand mittlerweile jährlich dutzendfach neue Kollektionen produziert werden - vom Prêt-à-Porter der Textilketten bis zu den unerschwinglichen Modellen der Modehäuser. Doch Pierre Bergé, der langjährige Lebensgefährte des verstorbenen Modeschöpfers Yves-Saint Laurent, tut diese Erklärung als unredliche Ausrede ab.

"Eine Arbeit in der Fabrik, ein Flugzeug zu steuern oder eine Lokomotive zu bedienen, ist sicher schwieriger und anspannender", so Bergé im französischen Radio. "Der Job eines Couturiers ist ein goldener Kreuzweg, man wird gut bezahlt und ist eine Berühmtheit." Mit deutlicher Abneigung gegenüber Galliano sagt Bergé: "Also da kann ich nur lachen, wollen wir doch den armen kleinen Herzchen keine Träne nachweinen, die ein paar Mal pro Jahr eine Kollektion entwerfen."

Und mit einem Seitenhieb auf die Branche, in der sich die Stars vor allem um das eigene Image sorgen, sagt der Szenekenner: "Für die Couturiers, die für sich eine Persönlichkeit erfinden, habe ich nicht viel Respekt." Modeschöpfer, die er gekannt habe, wie Chanel, Dior oder Saint-Laurent, hätten das nie getan. "Sie bedurften weder Handschuhen, Ringen, Pferdeschwanz oder sonst was, um zu existieren", so Bergé, "ihnen genügte einfach nur ihr Talent."

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung