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Übergesiedelter Depardieu: Obelix bei den Belgiern

Foto: Jörg Carstensen/ dpa

Gérard Depardieus Steuerflucht Der steinige Weg zum belgischen Pass

Gérard Depardieu langt's: Nachdem ihn Premierminister Ayrault "erbärmlich" genannt hatte, kündigte der Schauspieler in einem offenen Wutbrief an, den französischen Pass abzugeben. Er strebt eine Einbürgerung in Belgien an - doch das Motiv für seinen Umzug könnte Probleme bereiten.

Brüssel - Gérard Depardieu will offenbar Belgier werden. Der wegen hoher Reichensteuern aus seiner französischen Heimat ausgewanderte Schauspieler hat sich der Nachrichtenagentur Belga zufolge bereits beim Bürgermeister seines neuen Wohnortes Néchin erkundigt, wie er an einen belgischen Pass kommt.

Offenbar um Steuern zu sparen, war der Schauspieler ("Cyrano de Bergerac", "Asterix und Obelix") vor kurzem nach Belgien gezogen und dafür in Frankreich scharf kritisiert worden. Nachdem der französische Premierminister Jean-Marc Ayrault Depardieu in der vergangenen Woche "erbärmlich" und "unpatriotisch" genannt hatte, keilte der Star am Sonntag in einem offenen Brief zurück.

"Wer sind Sie, um so über mich zu urteilen?", hieß es in dem Schreiben, das in der Zeitung "Le Journal du Dimanche" abgedruckt wurde. "Ich habe in 45 Jahren 145 Millionen Euro Steuern bezahlt, ich beschäftige 80 Arbeitnehmer. (...) Ich weise das Wort 'erbärmlich' zurück." Depardieu ist seit Jahren erfolgreicher Unternehmer, ihm gehören unter anderem Weingüter und drei Restaurants in Paris. Er verlange Respekt - keiner der zahlreichen anderen Unternehmer sei wegen seiner Steuerflucht derart angegangen worden.

Der Schauspieler kündigte Konsequenzen an: "Ich überreiche Ihnen meinen Pass und meine Sozialversicherungskarte", schrieb der 63-Jährige. Er und Ayrault hätten nicht länger dasselbe Vaterland. Mitglieder der sozialistischen Regierung reagierten entsetzt auf Depardieus Entscheidung.

Nun soll wohl der belgische Pass her. Doch das ist möglicherweise gar nicht so einfach. Anfang Januar tritt ein neues Gesetz in Kraft, wonach jemand fünf Jahre in Belgien leben muss, um die Staatsbürgerschaft zu bekommen. Ausnahmen gibt es für Personen, die sich besonders um das Land verdient gemacht haben: Wissenschaftler, Sportler oder Künstler beispielsweise können schon nach sechsmonatigem Aufenthalt die Einbürgerung beantragen.

Die Vorsitzende des für Einbürgerungen zuständigen Ausschusses des belgischen Parlaments brachte jedoch ihre Zweifel zum Ausdruck, ob ein solcher Fall vorliegt. Sie habe den Eindruck, Depardieu sei nach Belgien gekommen, um den französischen Steuern zu entkommen. "Das ist kein Argument, das zählt", sagte Karine Lalieux dem Sender Europe1. Sie wolle nicht, dass Belgien zu einem Ort werde, an den man komme, um der Besteuerung des eigenen Landes zu entfliehen.

"Milchkühe" der Politiker

Französische Medien nutzten die Diskussion für ihre politischen Grabenkämpfe und stellten sich - zumindest teilweise - hinter Depardieu: "Sein Überdruss betrifft nicht seine Heimat, sondern die verletzenden Worte eines Premierministers", kommentierte die konservative Pariser Zeitung "Le Figaro". Der wirkliche Skandal stecke darin, dass die Unternehmer aufgrund der hohen Reichensteuer die "Milchkühe" von Politikern seien, "die als einzigen Dank Beleidigungen von sich geben".

Die Straßburger Zeitung "Dernières Nouvelles d'Alsace" (DNA) schrieb, Depardieus Entscheidung, "sich seiner Bürgerpflicht zu entziehen", sei "natürlich moralisch schockierend und ungebührlich". Doch der Schauspieler handele völlig legal und mit einer gewissen Offenheit. "Er profitiert ganz einfach auf zynische Weise von den Lücken des europäischen Systems."

Die Zeitung "Le Midi Libre" aus dem südfranzösischen Montpellier nannte Depardieu einen "Star mit einem ausgeprägten Geschäftssinn": "Indem er auf seinen französischen Pass verzichtet, sendet er ein Warnsignal an die Regierung."

siu