Zum Tod von Gloria Vanderbilt "Armes, reiches Mädchen"

Erbin, Skandalobjekt, Glamour-Ikone, Modedesignerin, Malerin - und New Yorks letzter wahrer Society-Star: Gloria Vanderbilt war vieles, vor allem reich und berühmt. Doch Geld machte auch sie nicht glücklich.

Von , New York


Im Alter von 93 entdeckte sie Instagram. Dort postete Gloria Vanderbilt eine wilde Mischung aus alten Privatfotos, Gemälden, Magazinartikeln und Einblicken in ihr überladenes Apartment auf der Upper East Side Manhattans.

Ihr jüngster Post - erst eine Woche her, als sie längst wusste, wie es um sie stand - zeigte ihr Badezimmer, voller gerahmter Bilder: ihre Mutter, ihre Söhne, sie mit ihrem damaligen Ehemann Wyatt, sie als Model, als Kleinkind im Spitzenkleid.

Auf eine Kachel hatte sie einen Stern gemalt und darunter das Wort "CHILD". Neben das Foto schrieb sie: "Warum nicht, Sternenkind?"

Die sorgsam kuratierten Szenen zeigen, was Gloria Vanderbilt - Millionenerbin, Jet-Set-Girl, Skandalobjekt, Glamour-Ikone, Modedesignerin, Künstlerin und letzter wahrer Society-Star von New York - immer suchte, doch erst zum Schluss fand. Eine Familie.

"Ein Verlangen nach dem, das es nie gab." So beschrieb ihr jüngster Sohn, der Reporter und Moderator Anderson Cooper, die abstrakten Werke, die Vanderbilt bis zum Ende schuf, wie gepinselte Psychotherapie.

"Alles möglich, nichts sicher"

Den Tod seiner Mutter mit 95 vermeldete Cooper am Montag auf CNN persönlich. "Was für ein außerordentliches Leben", sagte er, dann begann seine Stimme zu brechen. "Was für eine außerordentliche Mom."

Es war ein Leben voller Privileg und Wohlstand, Chaos und Tragik, Partyrausch und Einsamkeit. Ein Leben, das viele Namenlose auch führen, ohne dass die ganze Welt Anteil nimmt. Doch Vanderbilt war keine Namenlose, von Geburt an. Das war ihr Segen und ihr Fluch.

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Gloria Vanderbilt: New Yorks elder It-Girl

Obwohl sie später als Selfmade-Unternehmerin Hunderte Millionen Dollar mehr verdienen würde, als ihr je hinterlassen wurden, war sie stets ein Relikt der alten Welt: "Botschafterin eines fernen Sterns, der lange verloschen war", so Cooper. Ihr Vater Reginald war ein Urenkel von Cornelius Vanderbilt, einem der reichsten Männer Amerikas, ihre Mutter Maria, die sich lieber Gloria nannte, war gebürtige Schweizerin und gerade mal 18, als sie ihre erste und einzige Tochter zur Welt brachte.

Die stand sofort im Rampenlicht, länger als sonst jemand, bis zu ihrem Tod. Doch schon früh spürte sie, dass eine Kindheit im Schoße der feinen Gesellschaft nicht zwingend eine glückliche Kindheit war.

Kaum war sie geboren, begaben sich ihre Eltern auf Weltreise und überließen das Baby der Nanny. "Lange war mir nicht bewusst, dass ich eine Mutter und einen Vater hatte", sagte sie im Dokumentarfilm "Nothing Left Unsaid", den Cooper 2016 als Hommage an sie drehte.

Schön und schüchtern: Gloria Vanderbilt als junger Teenager
Getty Images

Schön und schüchtern: Gloria Vanderbilt als junger Teenager

Anders als der urgroßväterliche Vanderbilt-Patriarch war ihr Vater zudem ein Spieler und Trinker. Er verzockte seinen Erbteil und starb mit 45 an Leberzirrhose. Gloria war noch ein Säugling, den Tag seines Todes erlebte sie bei den besseren Verwandten in "The Breakers", dem Vanderbilt-Prunkschloss in Rhode Island und Symbol des "Gilded Age".

Es war der erste Verlust von vielen. "Ein vaterloses Mädchen", zitierte Vanderbilt die Schriftstellerin Mary Gordon gerne, "glaubt, dass alles möglich ist und nichts sicher." Es wurde das Motto ihres Lebens.

Quickie-Affären, Trauer, Tränen

Vaterlos - und bald mutterlos: Während die Witwe das Erbe verjuxte, wuchs Gloria mit der Nanny auf - bis die Großmutter 1934 ein Sorgerechtsverfahren anstrengte. Es wurde zum Jahrhundertprozess, bei dem die neunjährige Gloria vor Gericht aussagen musste. "Armes, reiches Mädchen", spöttelte die New Yorker Presse.

Gloria wurde der strengen Tante überpflichtet, die kalt und exzentrisch zugleich war - Gertrude Vanderbilt Whitney, Künstlerin und spätere Gründerin des Whitney Museums. Die geliebte Nanny sah das Kind nie mehr wieder.

Kalt und entrückt: Vanderbilt und Tante Gertrude, die Gründerin des Whitney Museums
AP

Kalt und entrückt: Vanderbilt und Tante Gertrude, die Gründerin des Whitney Museums

Sie wurde, was man in ihren Kreisen als Rebellin empfand. Mit 17 floh sie nach Hollywood und ins Bett von Errol Flynn, heiratete dann einen Agenten, der sie verprügelte. Ihr zweiter Mann war der 42 Jahre ältere Dirigent Leopold Stokowski, den sie für Frank Sinatra verließ. Ihre zwei Söhne aus dieser Ehe sprachen jahrzehntelang nicht mit ihr.

Sie hatte Quickie-Affären mit Marlon Brando und Howard Hughes. Sie probierte sich als Schauspielerin. Sie soll eine der zahlreichen Inspirationen für Holly Golightly gewesen sein, die Heldin aus "Frühstück bei Tiffany", dem Roman ihres Freundes Truman Capote.

Auch Fotografen liebten sie. Richard Avedon stellte sie dem Regisseur Sidney Lumet vor, er wurde ihr dritter Gatte. Ihr vierter war der Schauspieler Wyatt Cooper, mit dem sie zwei weitere Söhne hatte - Carter und Anderson - und erstmals ein idyllisches Familienleben.

Wyatt Cooper starb 1978 mit nur 50 an einem Herzinfarkt. Vanderbilt vergrub ihre Trauer in Kreativität und Kommerz, erfand Designerjeans für Frauen, baute die Marke zum Modekonzern aus, der ihr Hunderte Millionen Dollar einbrachte. Trotzdem fehlte etwas: "Ich hatte nie das Gefühl, dazuzugehören", sagte sie. "Ich hielt mich für eine Blenderin."

Nichts geerbt: Vanderbilts jüngster Sohn, CNN-Star Anderson Cooper
AP

Nichts geerbt: Vanderbilts jüngster Sohn, CNN-Star Anderson Cooper

Der schwerste Schlag kam freilich zehn Jahre später. Ihr Sohn Carter, damals 23, stürzte sich von der Terrasse ihres Penthouses in den Tod.

Vanderbilt sah hilflos zu. Sie weinte wochenlang. "Seitdem habe ich nie wieder geweint, als seien keine Tränen mehr übrig", sagte sie. "Es war das Schlimmste, was mir je zugestoßen ist. Fast wäre ich hinterhergesprungen." Nur der Gedanke an Anderson habe sie abgehalten.

Ihr jüngster Sohn verarbeitete das Familientrauma, indem er als CNN-Reporter um die Welt jettete, um die Tragödien anderer zu erzählen. Vanderbilt lebte ihr Leid in abstrakter Kunst aus, umgab sich mit Kisten voller Andenken und war bis zuletzt ein perfekt geschminktes Bild der Anmut, selbst als sie Anfang Juni mit Krebs ins Krankenhaus kam.

Erben wird Cooper übrigens keinen Penny ihres Vermögens, das habe man schon lange einvernehmlich beschlossen: Geld bringe nur Unglück.



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