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Gwyneth Paltrow: Von der Schauspielerin zu Unternehmerin

Foto: Ilya S. Savenok/ Getty Images for Goop

Onlineshop "Goop" Glaube, Paltrow, Hoffnung

Aus der Schauspielerin Gwyneth Paltrow ist eine Unternehmerin geworden. Sie verkauft Vaginaleier und Duftwässerchen. Und gibt Wellness-Tipps, vor denen Ärzte warnen.

Glücklich lächelt die blonde, schlanke Frau in den Spiegel. "Hallo zusammen, willkommen in meinem Bad", sagt sie und schaut sich kurz um, ehe sie wieder sich selbst entgegengrinst. "Es ist halb zehn, ich hatte einen langen Tag, und ich bin betrunken - nein", sie lacht auf. Schnitt. Nächster Versuch.

"Ich zeige euch heute, wie ich mein Make-up entferne." Wieder lächelt sie, dann schaut sie nach unten. Zu den Tuben und Tiegeln, die sie in den nächsten zwei Minuten hochhalten und öffnen wird.

Videos wie dieses  gibt es massenhaft auf YouTube. Dieses hier sticht trotzdem heraus. Die Frau mit müden Augen und seligem Lächeln, die hier ihre allabendliche Abschminkroutine präsentiert, hat einen Oscar und einen Golden Globe gewonnen. Sie war mit einem berühmten Musiker verheiratet und hat zwei Kinder. Es ist Gwyneth Paltrow, und die ist längst nicht mehr nur Schauspielerin.

Wenn man so will, ist Paltrow, 45, die Vorreiterin für viele Influencer. Die träumen davon, auf YouTube oder Instagram Produkte in die Kamera zu halten und damit reich zu werden - sie war eine der ersten, die mit einem persönlichen Lifestyleblog eine millionenschwere Marke aufgebaut hat. Auch einige der größten Skandale des Geschäftsmodells gehen auf Paltrow zurück.

Erster Newsletter kam aus der Küche

"Goop", so der Name ihres Blogs, ging vor zehn Jahren online. Da schrieb sie noch einen Newsletter aus ihrer Küche, erzählte die Schauspielerin in einem Interview vor ein paar Jahren. Fortan gab sie einmal pro Woche Einblick in ihr Leben. Sie teilte Rezepte und Reisetipps oder zeigte, was in ihrem Kleiderschrank hing.

Bald ging es um mehr als leckeres Essen und modische Accessoires. Paltrow befragte Experten zu Gesundheit, Wellness und Fitness. Eigentlich geplant für Freunde, abonnierten den Newsletter Bekannte und Fans, die sich für den Lebensstil einer Oscargewinnerin interessierten.

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Gwyneth Paltrow: Von der Schauspielerin zu Unternehmerin

Foto: Ilya S. Savenok/ Getty Images for Goop

Heute, zehn Jahre nach der ersten Post aus der Paltrowschen Küche, arbeiten 150 Menschen für "Goop". Experten schätzen den Wert des Unternehmens auf 250 Millionen Dollar. Neben Partnerschaften mit anderen Marken gibt "Goop" auch eine eigene Kosmetiklinie heraus, darunter Cremes für die Augen oder gegen Falten. Mehr als 1,8 Millionen aktive Nutzer tummeln sich nach Informationen der Zeitschrift "Adweek" auf der Webseite goop.com. Die durchschnittliche Leserin soll 34 Jahre alt sein und ein jährliches Haushaltseinkommen von mehr als 100.000 Dollar haben.

Davon kann sie auf "Goop" eine Menge wieder loswerden. Der Onlineshop bietet ein krudes Sortiment, vom Mantel mit buntem Fellbesatz für mehr als 3500 Dollar bis zum Weißweinglas für 15,95 Dollar. Im Blog gibt es dazu Detox-Rezepte, Antworten auf die Frage, wann eine Frau ihre Eizellen einfrieren lassen sollte, oder eine Einführung in die Geheimnisse des Tantra. Eine der wichtigsten Einnahmequellen sind aber Wellness-Produkte, deren Wirksamkeit oft bezweifelt werden darf.

Paltrow hat immer wieder Ärger - zuletzt wegen Vaginaleiern

Immer wieder hat Paltrow deswegen Ärger. Zuletzt ging es um sogenannte Yoni-Eier, die aus Rosenquarz oder Jade bestehen. Das eine kostete 55, das andere 66 Dollar. Diese sollen sich Frauen in die Vagina einführen. "Goop" versprach: Wer es trage, erhalte eine erhöhte sexuelle Energie und ein besseres Wohlbefinden. Doch damit nicht genug: Die Eier sollten bei Blasenschwäche helfen und für einen ausgeglichenen Hormonhaushalt sorgen.

Den Tipps auf "Goop" fehlen oft wissenschaftliche Belege

Den Tipps auf "Goop" fehlen oft wissenschaftliche Belege

Foto: Neilson Barnard/ Getty Images for goop

Allerdings ist keiner der Effekte wissenschaftlich belegt. Schon vor einem Jahr warnte eine Gynäkologin aus Kalifornien vor den Eiern. Die Steine seien aus porösem Material, schrieb Jen Gunter auf ihrem Blog . Somit könnten sich auf ihnen Bakterien sammeln, die eine Infektion auslösen. Später legte die Organisation "Truth in Advertising" Beschwerde gegen "Goop" bei der kalifornischen Staatsanwaltschaft ein. Beide Parteien stritten hin und her, vergangene Woche folgte dann die Einigung. Paltrows Unternehmen zahlte einmalig 145.000 Dollar, verpflichtete sich, Kunden zu entschädigen und keine Heilsversprechen mehr zu verkünden.

Einen Fehler gab "Goop" aber nicht zu. Man habe den Streit schnell aus der Welt schaffen wollen, sagte eine Unternehmenssprecherin. Immer noch gibt es die Yoni-Eier auf der Webseite zu kaufen. Zwar wird nicht mehr versprochen, dass sie hormonell wirken, doch das Wohlbefinden steigern sie angeblich immer noch.

Das Spray, das Kinder beruhigt

Es handelt sich nicht um das einzige Wellness-Produkt auf der Website, das einen starken Glauben voraussetzt. Aus der Kategorie "Cosmic Health" gehören dazu Sprays der Marke "Paper Crane Apothecary". Deren Produkte tragen Namen wie "Chill child - Kid calming Mist" oder "Everlasting Love". Beide 100-Milliliter-Fläschchen kosten 27 Dollar, in beiden schwimmen Kristalle am Boden.

Während der Inhalt des ersten Flakons Kinder beruhigen soll, will der andere die Energien im Haus verändern und neue Stimmungen schaffen. Ob Paltrow die Kinderzimmer ihres Nachwuchses mit dem ersten Spray besprüht oder während der Ehekrise mit Sänger Chris Martin den zweiten Duft ausprobierte, ist nicht bekannt.

Geldwerte Gesichter
Foto: Frazer Harrison/ Getty Images

Gwyneth Paltrow ist nicht die einzige Prominente, die mit ihrem Gesicht für eine Marke steht. Ihre Kollegin Jessica Alba vertreibt mit "The Honest Company" ökologische Baby- und Beautyprodukte. Das Unternehmen, das 2014 an die Börse ging, wird mit einer knappen Milliarde Dollar bewertet.
Auch Kylie Jenner (Foto) mischt auf dem Markt kräftig mit. Nach Schätzungen des US-Wirtschaftsmagazins "Forbes" wird sie bis zum Ende des Jahres die jüngste Selfmade-Milliardärin der Welt sein. Der Großteil ihres Vermögens stammt aus ihrem Unternehmen "Kylie Cosmetics". 800 Millionen Dollar soll die Firma der jüngsten Schwester des Kardashian-Clans wert sein.

Doch nicht nur die Produkte im "Goop"-Onlineshop gelten als fragwürdig - auch Paltrows Wellness-Tipps. So empfahl die Schauspielerin unter anderem Vaginal-Dampfbäder. Neben der reinigenden Wirkung werde der Hormonhaushalt reguliert, sagte Paltrow. Ein anderes Mal erzählte sie, dass sie sich Bienengift spritzen lasse, um alte Verletzungen zu behandeln. Die Wirksamkeit beider Behandlungen ist nicht belegt. Bei letzterer können Allergiker einen anaphylaktischen Schock erleiden.

Voriges Jahr vereinbarte Paltrow eine Kooperation mit dem Verlag Condé Nast. Alle drei Monate sollte ein Print-Magazin von "Goop" erscheinen. Aber die Zusammenarbeit hielt nur zwei Ausgaben. Der Verlag hatte von der Redaktion journalistische Standards gefordert, doch deren Arbeit entsprach dem nicht, berichtete kürzlich die "New York Times ". Die nächste Ausgabe will "Goop" nun allein herausbringen, Paltrow soll einen Fakten-Checker verpflichtet haben.

"Ich kann Aufmerksamkeit zu Geld machen"

Die negativen Schlagzeilen stören die Schauspielerin offenbar nicht. "Ich kann Aufmerksamkeit zu Geld machen", sagte die 45-Jährige vor Studenten in Harvard, wie die " New York Times" weiter schrieb. Hauptsache weiterlächeln, so wie Paltrow.

Michel Clement vom Institut für Marketing und Medien an der Universität Hamburg kennt viele Fälle, wo dieser Imagetransfer sehr gut funktioniert. Dass Paltrows Kundschaft trotz Kritik von Ärzten und Medien ihr die Treue halte, habe mit ihrem Promistatus zu tun. "Auch Frauen im Alter zwischen 30 und 60 Jahren identifizieren sich mit Stars und haben Idole", sagt der Ökonom. Kundinnen, die Paltrow bewundern, würden daher gerne eine Creme kaufen, die sie in einem Video selbst benutzt. Mit Paltrows Produkt holen sie sich ihren Lifestyle ins eigene Badezimmer und die Hoffnung, ein wenig wie Paltrow zu sein.

Paltrow auf einer ihrer Wellness-Konferenzen

Paltrow auf einer ihrer Wellness-Konferenzen

Foto: Ilya S. Savenok/ Getty Images for Goop

Paltrow und ihr Team wissen, was ihre Kunden wünschen: Für ihre "Goopies", lässt sich die 45-Jährige nicht nur beim Abschminken zuschauen, sondern veranstaltet auch Events. 500 Dollar zahlten Teilnehmer pro Eintrittskarte zu ihrer Wellness-Konferenz im Sommer 2017. "Goop"-Gesundheitsstipps und Produkte gibt es bei den Veranstaltungen zum Ausprobieren und Anfassen, der Star ist selbst anwesend. Paltrow und ihr Lifestyle haben eben ihren Preis.

Andere Prominente lassen sich von der Schauspielerin für ihre Marke einspannen. In "Goop"-Talkrunden spricht sie mit Drew Barrymore über die Auswirkungen von #MeToo und mit Cameron Diaz über Gesichtsbehandlungen mit Blutegeln. Sänger John Legend kocht an Paltrows Seite ein Rezept seiner Frau Chrissy Teigen nach. Die "Goop"-Maschinerie läuft auf Hochtouren und alle lächeln mit.

"Ich muss mal mit den Jade-Ei-Übungen anfangen"

Das funktioniert auch in Talkshows. Im vergangenen Jahr lud Jimmy Kimmel Paltrow ins Studio ein und stellte gezielte Fragen zu ihren teils merkwürdigen Wellness-Tipps. Warum Urinieren in der Hocke das Wohlbefinden steigere, konnte die 45-Jährige ihm jedoch nicht beantworten. "Ich weiß es nicht", sagte sie und lachte laut.

Wie es gehen soll, dass das Jade-Ei den Hormonhaushalt reguliert? Die gleiche Reaktion - charmante Unkenntnis: "Ich muss mal mit den Jade-Ei-Übungen anfangen." Als Kimmel Paltrow fragte, ob sie jemals auf ihrer Webseite gewesen sei und was sie in ihrem Büro denn so arbeite, lachte sie erneut. Genau wie das Publikum.

"Prominente wie Gwyneth Paltrow sind Profis", sagt Ökonom Clement. "Sie wissen genau, bei welcher Zielgruppe sie ihre Produkte wie präsentieren müssen." Bei Kimmel und seinen Gästen hieß das: lachen, lachen, lachen. Auf die Frage nach dem Geschäft mit den Jade-Eiern wurde Paltrow dann aber kurz ernst. Sie würden Tonnen von diesen Eiern verkaufen, sagte sie. Frauen hätten "unglaubliche Ergebnisse" damit erzielt.

Glaube, Paltrow, Hoffnung. Es scheint, als müsse man nur lange genug an das glauben, was Paltrow sagt, dann kommen die Effekte von selbst. Der Einstieg in den europäischen Markt ist für Ende des Jahres geplant. Dafür sammelte das Unternehmen 50 Millionen Dollar ein. Immer mit dabei: Gwyneth Paltrow, lächelnd.