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04. August 2010, 09:23 Uhr

Haiti

Wie ein Rap-Star Staatschef werden will

"If I was president" sang er vor zwei Jahren. Jetzt, nach dem verheerenden Erdbeben in seiner Heimat Haiti, setzt Wyclef Jean seine Idee offenbar um: Der Rapper will auf dem Inselstaat für das Präsidentenamt kandidieren - und inszeniert sein Engagement als persönliche Mission.

Hamburg - Erst gab es Gerüchte, immer mehr wurden es mit der Zeit. Vor wenigen Tagen reiste Wyclef Jean dann in sein Geburtsland Haiti, um die Formalitäten zu erledigen. Denn wer Präsident von Haiti werden möchte, der muss seine Fingerabdrücke abgeben. Doch beim Abflug vom Port-au-Prince gab er sich zurückhaltend: Noch habe er seine Kandidatur nicht eingereicht, betonte der Künstler.

Am 28. November soll in Haiti ein neuer Präsident gewählt werden, die Amtszeit von René Preval endet im Februar 2011. Wer Interesse an der Nachfolge hat, muss sich beeilen: Die Frist für die Registrierung der Kandidaten läuft am 7. August ab.

Zwar emigrierte Jean mit neun Jahren in die USA, doch seinem Heimatland Haiti blieb er auch danach verbunden. Der Rapper hat die Yelé Haiti Foundation gegründet, bereits seit Jahren engagiert er sich sozial in seinem Geburtsland, baut Armenküchen, vergibt Schulstipendien und ermöglicht Nahrungsmittellieferungen in Millionenhöhe.

"Wenn es das Erdbeben nicht gegeben hätte, hätte ich vermutlich noch zehn Jahre gewartet, bis ich mich zu dem Schritt hätte durchringen können", sagte er dem "Time Magazine" über seine Kandidatur.

"Das Beben hat mir klargemacht, dass Haiti nicht weitere zehn Jahre warten kann, bis es endlich im 21. Jahrhundert ankommt", so Jean. Zwischen seinem Leben als Künstler und seinen politischen Ambitionen sieht er keinen Widerspruch. "Wenn ich mir nicht fünf Jahre Zeit nehmen kann, um meinem Land als Präsident zu dienen, dann war alles, was ich in meinen Liedern verarbeitet habe - wie die Gleichberechtigung -, eine Farce."

"Für Haiti ist es nicht so wichtig, dass ich Künstler bin"

Dem "Time Magazine" sagte der Musiker, er wolle seine Kandidatur aber erst kurz vor dem Stichtag bekanntgeben. Der Fernsehsender CNN teilte indes mit, Wyclef Jean wolle seine Kandidatur am Donnerstagabend im Rahmen der Sendung "Larry King Live" öffentlich machen. Als Quelle benennt der Sender einen Informanten aus dem engsten Umkreis des Sängers.

Unter Haitis Politikern sorgten bereits die Gerüchte über eine mögliche Kandidatur des Gründers der Band The Fugees für Unbehagen - sie fürchten Jeans Popularität und seine finanziellen Möglichkeiten, einen Wahlkampf zu führen.

Jeans Chancen scheinen indes gut: Die Hälfte der rund neun Millionen Haitianer ist jünger als 26 Jahre. Der dreifache Grammy-Gewinner ist gerade unter den jungen Leuten sehr beliebt. Egal ob er gewinnt oder verliert, könnte er etwas leisten - und die Menschen im Land mit im Exil lebenden Haitianern verbinden.

Doch es gibt auch Hindernisse: Jeans Französischkenntnisse sollen mager sein, sein Kreolisch eingerostet. Doch eines hat er schon jetzt erreicht: Er hat den Blick der Öffentlichkeit wieder auf Haiti gelenkt.

Und er nimmt offenbar auch die Schattenseiten des Engagements in Kauf. Laut "Time" nimmt er geduldig an stundenlangen Hilfskonferenzen teil - der wenig glamourösen Seite des Gutmenschentums. Bereits vor drei Jahren sagte er bei einem Besuch in Cité de Soleil, einem Slum in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince: "Für Haiti ist es nicht so wichtig, dass ich Künstler bin, sondern dass ich stolz auf meine Wurzeln bin."

han

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