Zum Tod von Hans Küng Der unfehlbare Papstkritiker

Als »Teenager-Theologe« lehrte Hans Küng mit Joseph Ratzinger. Dieser wurde reaktionärer – und Küng radikaler. Ein Nachruf auf einen eitlen Denker, dem die Kirche so wichtig war, dass er sie immer verbessern wollte.
Von Philipp Gessler
Hans Küng (Aufnahme von 2012)

Hans Küng (Aufnahme von 2012)

Foto: Franziska Kraufmann / dpa

Eine Schwäche, mindestens, hatte Hans Küng. Das erlebten wohl alle, die den nun verstorbenen großen Theologen der katholischen Kirche einmal persönlich befragten. Es offenbarte sich in seinen Worten, unüberhörbar. Aber manchmal auch so übertrieben, dass es schon wieder lustig und fast charmant war. Und es zeigte sich auch in seinem Umfeld: Da draußen im Garten – hat er da wirklich eine Büste von sich selbst aufgestellt?

Die Eitelkeit Küngs war so sprichwörtlich, dass es dazu einen Witz in verschiedenen Varianten gab. Eine geht so: Drei Kardinäle stehen eines Tages an der Tür von Küngs Haus in Tübingen. Er macht auf, und sie sagen ihm: »Es ist entschieden: Du wirst Papst!« Küng zögert einen Augenblick. Dann sagt er: »Danke, nein, dann bin ich ja nicht mehr unfehlbar.«

Die Unfehlbarkeit des Papstes – dieses römisch-katholische Dogma hat Küng über Jahrzehnte immer wieder angegriffen: scharfzüngig und stets mit den besten theologischen, kirchenhistorischen und exegetischen Argumenten. Über viele Jahre konnte ihm auf seinem Feld, der Theologie, niemand ernsthaft das Wasser reichen.

Küng zu erleben, selbst noch in ganz alten Jahren, wie er mal kurz zwischen Griechisch, Latein und Hebräisch hin- und hersprang, einem mal schnell eine glasklare Abhandlung über Paulus, dann über Kant hinwarf, mal dort eine Papstanekdote aus dem fünften Jahrhundert, mal hier eine Begegnung aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil aus dem Ärmel schüttelte, das er nicht nur am Rande mitbekommen, sondern wortwörtlich mit geprägt hat – das alles konnte einem schon den Atem rauben.

Heldengeschichte von Aufstieg und Fall

Zu seinem Wissen und seiner Intelligenz kam der ungeheure Mut, ein Leben lang öffentlich zu kämpfen gegen kirchliche Glaubenssätze und Traditionen, über die er nur den Kopf schütteln konnte. Und Küng beließ es nicht dabei, er hielt seinen Kopf immer wieder hin, wenn nötig. Es war bei ihm notorisch eine Heldengeschichte vom Aufstieg und Fall und Aufstieg und Fall. Immer wieder aufstehen, nie aufgeben.

Geboren 1928 im schweizerischen Sursee, war Hans Küng zunächst eine Art Wunderkind der Theologie. Mit 26 Jahren zum Priester geweiht und schon mit 32 Jahren Theologieprofessor in Tübingen, erlebte er von 1962 bis 1965 einen Höhepunkt seines Lebens: Er war einer der von Papst Johannes XXIII. berufenen offiziellen Theologen des Zweiten Vatikanischen Konzils, das als Reformversammlung der römisch-katholischen Bischöfe in die Geschichte einging.

Küng wagte sich schon damals an die umstrittensten Themen in der katholischen Theologie; Themen, die noch heute in der Weltkirche für Zunder sorgen: ein Ende des Zwangszölibats, die Frauenordination, mehr Demokratie in der Kirche – und natürlich eine ernsthafte Ökumene, die sich nicht nur mit Formelkompromissen zufriedengibt.

1979 wurde Küng die Lehrerlaubnis entzogen

Ein besonderes Verhältnis entwickelte sich zwischen Küng und Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI. Beim Konzil wurden beide, so jung waren sie damals noch, als »Teenager-Theologen« bestaunt und belächelt. Für einige Jahre lehrten sie gemeinsam in Tübingen, ehe Ratzinger für Küng zum Konkurrenten wurde, schließlich zum Gegner und fast zum Feind. Über viele Jahre sollten sie ihre Kirche auf ganz unterschiedlichen Wegen prägen: der eine ganz oben, der andere fast unten, wenn auch mit gehörigem Resonanzraum.

Während Ratzinger mit seinem Aufstieg in der Kirchenhierarchie immer reaktionärer und angepasster wurde, radikalisierte sich Küng auf seine Weise: Er sagte, was er wollte – und das missfiel Rom zuverlässig. Lange hielten wichtige Theologen und Bischöfe die Hand über ihn, weil sie seine Brillanz in Gedanken und Sprache bewunderten. Aber dann kam 1978 die Wahl von Papst Johannes Paul II., der in der Kirche ein beispielloses Rollback initiierte. 1979 wurde Küng die Lehrerlaubnis entzogen. Ratzinger, ab 1982 Chef der Glaubenskongregation in Rom und damit oberster Glaubenshüter der Kirche, tat fast nichts für seinen alten Professorenkollegen, zumindest nichts, was öffentlich geworden wäre.

Küng fand sich mit seinem Rausschmiss aus der offiziellen Theologie ab – die Uni Tübingen schuf ihm einen Posten als fakultätsunabhängiger Professor für Ökumenische Theologie. Hier, und erst recht in seinem Präsidentenamt in der Stiftung Weltethos in Tübingen ab 1995, publizierte er wie ein Weltmeister.

Der Papst als Diener, das war Küngs Vision

Die Liste seiner Veröffentlichungen ist schlicht unüberschaubar. Die Wirkung seiner Schriften war und ist immens. Selbst der britische Premier Tony Blair besuchte Küng im Jahr 2000 am Neckar. Die Idee des Weltethos-Projekts, kein Frieden ohne den Frieden zwischen den Religionen, ist so schlicht wie wahr. Und weitsichtig. Denn das war lange vor 9/11, lange vor der Verfolgung von Muslimen durch Hindus oder Juden durch Muslime, um nur wenige der weltweiten religiösen Konflikte anzudeuten.

Als alte Männer trafen sich Küng und Ratzinger 2005 in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo, als Ratzinger gerade Papst geworden war. Von einer Aussöhnung kann man kaum reden, aber immerhin schimpfte danach Küng nicht mehr ganz so heftig über seinen liebsten Feind.

In den Benedikt-Jahren sagte er in seinem geräumigen und hellen Büro in Tübingen nicht viel Gutes über den Papst und dessen Bereitschaft zu Reformen in der Kirche. »Wir können nicht immer auf den Nächsten warten, wir müssen schauen, was wir jetzt erreichen können.« Dennoch wollte er das Papsttum nie abschaffen. Er habe ja »immer für ein evangelisch orientiertes Papsttum als Dienst plädiert, das eine ökumenische Funktion hätte«, sagte Küng, fast altersmilde geworden . Der Papst als Diener oder Sprecher der Einheit der ganzen Christenheit in all ihrer Buntheit und in ihren Konfessionen, das war Küngs Vision.

Nun ist er gestorben, der standhaft Fragende, der sture, brillante Theologe. Viele wichtige Köpfe der großen Reformjahre in der Kirche Roms sind ihm in den vergangenen Jahren vorausgegangen: Kardinal Karl Lehmann, Johann Baptist Metz, Ernesto Cardenal, um nur ein paar zu nennen, zuletzt, vor wenigen Tagen, die so freche wie kluge Uta Ranke-Heinemann.

Bei einem Treffen 2010 in Tübingen, damals schon 82, sagte Küng: »Ich habe zwar keine Beweise, aber sehr wohl gute Gründe, warum ich der Überzeugung bin, dass mein Leben nicht einfach ins Nichts geht, wie auch der Kosmos nicht aus dem Nichts kommen kann. Sondern dass ich in eine erste-letzte Wirklichkeit hineinsterbe, die wir Gott nennen.«

Das sei ihm zu wünschen. Paulus sagt: »Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht.« Hans Küng wird jetzt die Antwort auf all seine Fragen haben.

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