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Vorwürfe gegen Filmmogul Die Akte Weinstein

Drei Frauen sagen, Harvey Weinstein habe sie vergewaltigt. Etliche weitere berichten von sexueller Belästigung durch den Hollywoodproduzenten - darunter Gwyneth Paltrow, Angelina Jolie und Ashley Judd.

Am 5. Oktober veröffentlichte die "New York Times" einen Artikel , der in Hollywood ein Beben auslöste: Zahlreiche Frauen berichteten darin von sexuellen Übergriffen des Hollywoodproduzenten Harvey Weinstein. In mindestens acht Fällen soll er Geld gezahlt haben, um sich solcher Vorwürfe zu entledigen.

Seit der Veröffentlichung des Artikels ist viel geschehen: Weinstein wurde gefeuert. Seine Frau hat sich von ihm getrennt. Eine Debatte über das Verhalten mächtiger Männer in der Unterhaltungsbranche ist in Gang gekommen. Und immer mehr Frauen berichten von negativen, traumatisierenden Erfahrungen mit Weinstein.

Nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe hatte Weinstein gesagt: "Ich erkenne an, dass die Art, wie ich mich in der Vergangenheit gegenüber Kolleginnen verhalten habe, viel Schmerz verursacht hat, und ich entschuldige mich aufrichtig dafür." Auf Details ging Weinstein nicht ein. "Obwohl ich versuche, es besser zu machen, habe ich noch einen langen Weg vor mir."

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Harvey Weinstein: Skandal in Hollywood

Foto: PETER FOLEY/ EFE/ EPA/ REX/ SHUTTERSTOCK

Dieses Statement schien allerdings im Widerspruch zu einer Aussage von Weinsteins Anwalt Charles J. Harder zu stehen: Er wies die Vorwürfe der Frauen zurück. Der "New York Times"-Artikel sei "voll von falschen und diffamierenden Aussagen" über den Filmemacher. "Wir haben der 'Times' die Tatsachen und Belege dazu zugeschickt", sagte Harder. "Aber sie ignorierten das und beeilten sich, den Text zu veröffentlichen."

Im Zuge eines Artikels im "New Yorker", in dem Frauen auch Vergewaltigungsvorwürfe gegen Weinstein erheben, ließ der Produzent mitteilen, sexuelle Kontakte seien einvernehmlich gewesen. Er habe auch keine Vergeltung gesucht, wenn eine Frau sich seinen Avancen widersetzt habe.

Worum geht es? Und welche Frauen haben sich über Weinstein geäußert?

Drei Frauen werfen Weinstein Vergewaltigung vor:

Asia Argento: Die italienische Schauspielerin sagte dem "New Yorker" , Weinstein habe sie in einem Hotelzimmer um eine Massage gebeten und dann ihre Beine auseinandergedrückt. Gegen ihren Willen, so Argento, sei es zum Oralsex gekommen. Später, so sagt sie, hätte sie mehrmals einvernehmlichen Sex gehabt. Allerdings habe sie gefürchtet, wenn sie nicht mit Weinstein schlafe, würde er ihre Karriere torpedieren.

Asia Argento

Asia Argento

Foto: Pascal Le Segretain/ Getty Images

Lucia Evans: Die junge Frau lernte laut "New Yorker" Weinstein 2004 in einem Club kennen. Evans wollte Schauspielerin werden und vereinbarte ein Treffen mit Weinstein. Sie traf ihn im Miramax-Büro in New York allein an. Dann, so Evans, habe er sie zum Oralsex gezwungen. Sie habe das Gefühl gehabt, für Weinstein sei die Sache Routine gewesen. Er habe so getan, als sei nichts geschehen.

Eine namentlich nicht genannte Frau: Sie berichtete dem "New Yorker", Weinstein habe sie unter dem Vorwand, es gehe um Arbeit, in ein Hotelzimmer gelockt. Dort habe er sich einen Bademantel angezogen und sich ihr sexuell aufgezwungen. Aus Angst vor beruflichen Nachteilen und einem ungleichen Kampf vor Gericht habe sie entschieden, nicht zur Polizei zu gehen. "Ich war in einer verwundbaren Position und brauchte meinen Job", zitiert die Zeitschrift die Frau. Aus Angst davor, von Weinsteins PR-Team und Anwälten durch den Dreck gezogen zu werden, wollte sie anonym bleiben.

Es gibt eine Reihe weiterer Frauen, die Weinstein keine Vergewaltigung, aber sexuelle Belästigung vorwerfen.

Ashley Judd: Die Schauspielerin gehört zu den Frauen, die im ersten Artikel der "New York Times" über Weinstein sprachen. Bei einem Geschäftstreffen in einem Hotel in Los Angeles trug Weinstein demnach nur einen Bademantel. Er soll Judd gefragt haben, ob er sie massieren oder sie ihm beim Duschen zuschauen könne. Sie habe verneint und sei panisch gewesen, sagte Judd. Weinstein und sein Studio Miramax hätten in der Filmbranche nun mal sehr viel Geltung.

Ashley Judd

Ashley Judd

Foto: ? Lucy Nicholson / Reuters/ REUTERS

Gwyneth Paltrow: Zu Beginn ihrer Karriere habe Weinstein sie zu einem Treffen in ein Hotelzimmer in Beverly Hills eingeladen, sagte Paltrow der "New York Times". Er soll sie angefasst und vorgeschlagen haben, für eine Massage ins Schlafzimmer zu gehen. Paltrow - damals 22 - verneinte nach eigenen Angaben und verließ das Zimmer. Sie berichtete ihrem damaligen Freund Brad Pitt, was geschehen war. Pitt habe Weinstein später darauf angesprochen. Darauf soll der Filmproduzent Paltrow angeschrien und verlangt haben, niemandem sonst davon zu erzählen. Über einen Sprecher bestätigte Pitt Paltrows Version der Ereignisse.

Angelina Jolie: Die Schauspielerin sagte der "New York Times", Weinstein habe sie zu Beginn ihrer Karriere in einem Hotelzimmer belästigt. Details nannte Jolie nicht. Sie habe nach dem Vorfall beschlossen, niemals wieder mit ihm zu arbeiten und andere zu warnen, die dies vorhatten.

Rosanna Arquette: Die Schauspielerin berichtete der "New York Times"  und dem "New Yorker", Weinstein habe sie Anfang der Neunzigerjahre in ein Hotelzimmer gebeten, um ein Drehbuch abzuholen. Er habe einen Bademantel getragen und sie um eine Massage gebeten. Als sie abgelehnt habe, habe er ihre Hand in Richtung seines Penis gezogen. Sie habe ihre Hand wegziehen können. Weinstein soll gesagt haben, sie mache einen Fehler. Nach dem Vorfall habe sie einen Karriereknick erlitten, sagte Arquette. Weinstein sei nachtragend und wolle Leute zum Schweigen bringen.

Rosanna Arquette

Rosanna Arquette

Foto: VALERIE MACON/ AFP

Rose McGowan: Nach einem Vorfall mit Weinstein in einem Hotelzimmer erreichte die Schauspielerin 1997 mit dem Produzenten eine außergerichtliche Einigung. Laut "New York Times" gab es kein Schuldeingeständnis Weinsteins.

Mira Sorvino: 1996 soll Weinstein die Schauspielerin in einem Hotelzimmer massiert und ihr hinterhergelaufen sein. Dem "New Yorker" sagte Sorvino, sie habe gesagt, es widerspreche ihrem Glauben, sich mit einem verheirateten Mann zu treffen - Weinstein war damals verheiratet. Nach einigen Wochen soll er in Sorvinos Wohnung gekommen und wieder gegangen sein, als Sorvino sagte, ihr Freund sei ebenfalls auf dem Weg.

Mira Sorvino

Mira Sorvino

Foto: Frederick M. Brown/ Getty Images

Rebecca Traister: Für das "New York Magazine" schrieb die Journalistin einen Artikel über eine Begegnung mit Weinstein im Jahr 2000. Damals soll Weinstein sie sexistisch beschimpft haben.

Jessica Hynes: Die britische Schauspielerin schrieb auf Twitter, Weinstein habe ihr eine Filmrolle angeboten, als sie 19 gewesen sei. Beim Vorsprechen habe sie einen Bikini tragen sollen. "Ich lehnte ab und bekam den Job nicht."

Judith Godrèche: 1996 beim Filmfest in Cannes lud Weinstein die französische Schauspielerin in seine Hotelsuite ein - so schilderte sie es der "New York Times". Dort habe er die damals 24-Jährige nach einer Massage gefragt. Das sei in den USA so üblich. Dann habe er sich gegen sie gepresst und ihren Pullover hochgezogen - sie habe sich befreit und das Zimmer verlassen.

Lauren Sivan: Die TV-Reporterin berichtete, Weinstein habe vor einem Jahrzehnt in einem geschlossenen Restaurant in New York vor ihr onaniert. Sie habe lange damit gewartet, ihre Geschichte zu erzählen, weil Weinstein ein Hollywood-Titan gewesen sei. "Er konnte Karrieren ruinieren, wenn er jemanden nicht mochte."

Ambra Battilana Gutierrez: Bei einem Treffen in Weinsteins Büro in New York soll er sich 2015 auf die Italienerin geworfen, sie an den Brüsten begrapscht und versucht haben, seine Hand in Gutierrez' Rock zu stecken. Nachdem sie protestiert habe, habe Weinstein abgelassen. Gutierrez ging laut "New Yorker" zur Polizei, trug bei ihrem nächsten Treffen mit Weinstein sogar ein verstecktes Mikrofon. Weinstein wurde nie angeklagt; Gutierrez kann heute nicht über den Vorfall sprechen, sie hat eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet.

Emma de Caunes: Beim Filmfestival 2010 in Cannes traf die französische Schauspielerin laut "New Yorker" Weinstein. Er habe ihr eine Rolle angeboten. In seinem Hotelzimmer sei er ins Badezimmer verschwunden. Dann sei die Dusche angegangen und Weinstein sei nackt und mit erigiertem Penis erschienen. Weinstein habe sie aufgefordert, sich aufs Bett zu legen - das hätten schon viele Frauen zuvor gemacht. "Wir haben noch gar nichts gemacht", soll Weinstein gesagt haben. "Es ist wie in einem Disneyfilm." Sie habe geantwortet: "Ich habe Disneyfilme schon immer gehasst", sagte de Caunes dem Bericht zufolge und verließ das Zimmer. Weinstein habe sie danach wiederholt angerufen, ihr Geschenke angeboten und gesagt, nichts sei passiert.

Emma de Caunes

Emma de Caunes

Foto: Getty Images

Katherine Kendall: Bei einer Begegnung in seiner Wohnung 1993 soll Weinstein sich ausgezogen und sie durch die Räume gejagt haben. Hinterher habe sie sich gesagt: "Das ist Harvey Weinstein", sagte Kendall laut "New York Times". Sie habe gedacht, wenn sie anderen von dem Vorfall erzähle, werde sie nie wieder Arbeit bekommen, niemand werde sich dafür interessieren oder ihr glauben.

Tomi-Ann Roberts: Sie sagte der "New York Times", Weinstein habe sie 1984 zum Vorsprechen eingeladen. Er sei in der Badewanne gewesen und habe sie aufgefordert, sich auch auszuziehen - angeblich, um zu testen, ob sie einer Oben-ohne-Szene gewachsen sei. Roberts, damals 20 Jahre alt, ließ sich nach eigenen Angaben nicht darauf ein.

Dawn Dunning: 2003 Weinstein lud die damals 24-Jährige laut "New York Times" zu einem Treffen ein, in dem es um mögliche Filmrollen gehen sollte. Als Dunning ankam, habe es geheißen, sie solle in Weinsteins Suite gehen. Der Produzent habe einen Bademantel getragen und Papiere vor sich liegen gehabt: Filmverträge, habe Weinstein gesagt. Aber Dunning könne sie nur unterschreiben, wenn sie sich auf einen flotten Dreier unter Beteiligung Weinsteins einlasse. Sie habe das für einen Witz gehalten und gelacht. Weinstein sei böse geworden: "Du wirst es in diesem Geschäft nie schaffen", habe er gesagt. "So funktioniert die Branche." Dunning sagte, sie habe den Raum verlassen.

Emily Nestor: Sie arbeitete in Weinsteins Firma als Bürokraft. Weinstein soll sie 2014 dazu gebracht haben, ihm ihre Telefonnummer zu geben. Bei einem Treffen, auf dem er bestand, soll er über sein Sexleben geprahlt haben. Dem "New Yorker" sagte Nestor, Weinstein habe gesagt: "Weißt du, wir könnten viel Spaß haben. Ich könnte dich in mein Büro in London setzen, du könntest dort arbeiten und meine Freundin sein." Als sie verneint habe, seine Hand zu halten, habe er gesagt, die Mädchen sagten immer nein. "Und dann trinken sie ein oder zwei Bier und werfen sich auf mich." Nestor sagt, Weinstein habe seine Machtposition ausnutzen wollen, um Sex zu bekommen: "Ein Lehrbuch-Fall von sexueller Belästigung."

Lea Seydoux: Weinstein soll sich einmal in einem Hotelzimmer auf sie gestürzt und versucht haben, sie zu küssen. Wie Seydoux am Mittwoch in einem persönlichen Essay im "Guardian" schreibt, habe jeder "gewusst, worauf Harvey aus war". Niemand habe etwas getan. Die Schauspielerin ("Blau ist eine warme Farbe") begegnete dem Produzenten später immer wieder bei Veranstaltungen und erinnerte sich daran, wie er mit all den Frauen angegeben habe, mit denen er bereits geschlafen habe. Seydoux schrieb, sie kenne viele Männer in Hollywood, die ähnlich seien - darunter auch mehrere Regisseure, die versucht hätten, sie zu küssen. Sie nannte keine Namen.

Lea Seydoux

Lea Seydoux

Foto: Pascal Le Segretain/ Getty Images

Cara Delevingne: Während sie an einem ihrer ersten Filme arbeitete, rief Weinstein sie an und fragte, ob sie mit den Frauen, mit denen sie in den Medien gesehen werde, geschlafen habe. "Es war ein sehr seltsames und unangenehmes Telefonat", schrieb Delevingne am Mittwoch auf Instagram. Sie habe keine seiner Fragen beantwortet. Doch bevor sie auflegen konnte, gab Weinstein ihr noch eines mit auf den Weg: "Wenn ich homosexuell sei oder mit einer Frau zusammen sein wolle, vor allem in der Öffentlichkeit, würde ich niemals die Rolle einer heterosexuellen Frau bekommen oder es als Schauspielerin in Hollywood schaffen."

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikel hieß es, Weinstein habe Ashley Judd gebeten, ihn zu massieren. Tatsächlich soll er sie gefragt haben, ob er sie massieren könne.

ulz/AP
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